Vatikan-Mission gescheitert

Kurienkardinal Lajolo: Hitler ließ Pius XII. mit Juden-Intervention abblitzen

Rom (DT/KNA) Papst Pius XII. scheiterte im November 1943 bei Adolf Hitler mit dem Versuch, zugunsten von Juden diplomatisch zu intervenieren. Diese bislang wenig bekannte Tatsache und ihren außergewöhnlichen Verlauf schildert der frühere Vatikandiplomat und heutige Kurienkardinal Giovanni Lajolo in einem bislang unveröffentlichten Grußwort, das er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) nun zur Veröffentlichung freigab. Bereits im Mai 1939 blieb laut Lajolo auch ein anderer Vorschlag des Papstes erfolglos, den er Hitler durch seinen Nuntius beim Deutschen Reich, Erzbischof Cesare Orsenigo, überbrachte. Darin hatte Pius XII. eine Fünf-Mächte-Konferenz vorgeschlagen, um drohende kriegerische Auseinandersetzungen friedlich zu lösen. Lajolo zitiert aus einem Dokument seines Vorgängers Orsenigo: „Im allerhöchsten Auftrag (im Auftrag Pius XII.) bin ich vor einigen Tagen nach Berchtesgaden geflogen. Ich wurde vom Führer und Kanzler Hitler empfangen, aber, sobald ich das Thema Juden und Judentum, Milde und Menschlichkeit der Behandlungen angeschnitten hatte, drehte sich Hitler ab, ging ans Fenster und trommelte mit den Fingern gegen die Scheibe. Sie können sich vorstellen, wie peinlich es mir war, im Rücken meines Gesprächspartners mein Vorhaben vorzutragen. Ich tat es trotzdem. Dann drehte sich plötzlich Hitler um, ging an einen Tisch, wo ein Glas Wasser stand, fasste es und schleuderte es wütend auf den Boden. Mit dieser hochdiplomatischen und staatsmännischen Geste durfte ich meine Mission als beendet und gleichzeitig leider als abgelehnt betrachten.“

Wenige Monate vor Kriegsausbruch war Orsenigo am 5. Mai 1939 schon einmal auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, um Hitler einen Vorschlag von Pius XII. zu unterbreiten. Dieser regte die Einberufung einer Konferenz der fünf Mächte Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Italien und Polen an, um die Fragen friedlich zu lösen, an denen sich kriegerische Auseinandersetzungen zu entzünden drohten. „Leider stieß der Nuntius auf ein nur sehr oberflächliches Interesse“, so Lajolo. Trotz der Zusicherung, Deutschland hege keine kriegerischen Absichten, habe Hitler Wert darauf gelegt, dem Papst-Vertreter mitzuteilen, er sei „gegen Frankreich unschlagbar gerüstet“, und „auch an seiner Ostgrenze sei Deutschland gegen Polen gut befestigt und werde noch besser befestigt werden“. Zudem habe er eine barsche Anklagerede gegen Großbritannien zu hören bekommen, berichtete Orsenigo dem damaligen Kardinalstaatssekretär. Lajolo war zwischen 1995 und 2003 Apostolischer Nuntius in Deutschland, in dieser Zeit verfasste er die jetzt veröffentlichten Äußerungen. Anschließend war er bis 2006 Außenminister des Heiligen Stuhls. Derzeit ist Lajolo Kardinal-Präsident des vatikanischen Governatorats.