Melbourne

Urteil im Fall Pell erwartet

Am Mittwoch will das Oberste Gericht des Bundesstaates Victoria bekanntgeben, ob der australische Kardinal von den Missbrauchsvorwürfen freigesprochen wird oder nicht. In erster Instanz war der ehemalige vatikanische Finanzchef zu sechs Jahren Haft verurteilt worden.

Kardinal George Pell: Urteil erwartet
Rechtsexperten räumen dem ranghöchsten katholischen Geistlichen, der jemals wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde, gute Chancen auf einen Freispruch ein. Foto: Erik Anderson (AAP)

Eine endgültige Entscheidung im Fall des wegen Missbrauchs verurteilten australischen Kardinals George Pell steht unmittelbar bevor. Am Mittwoch will das Oberste Gericht des Bundesstaates Victoria das Urteil im Berufungsverfahren bekanntgeben. Wie schon der Prozess soll auch die Bekanntgabe des Urteils per Livestream im Internet übertragen werden.

Der 78-jährige ehemalige Finanzdirektor des Vatikan soll in seiner Zeit als Erzbischof von Melbourne zwei minderjährige Chorknaben sexuell missbraucht haben. Er war deshalb im März zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Pell bestritt die Vorwürfe jedoch und ging deshalb in Berufung.

Gute Chancen auf Freispruch

Rechtsexperten räumen dem ranghöchsten katholischen Geistlichen, der jemals wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde, gute Chancen auf einen Freispruch ein. Die Unterstützer des Kardinals sowie dessen Anwälte verwiesen immer wieder auf die ihrer Ansicht nach dünne Beweislage, die den Schuldspruch nicht rechtfertige. Die Staatsanwaltschaft hingegen sieht die Beweislast als ausreichend, sodass die Jury zweifelsfrei von Pells Schuld überzeugt gewesen sei.

Wie auch immer das Urteil des Gerichts ausfallen wird – die Personalie Pell polarisiert. Opferverbände und säkulare Stimmen sehen in dem Kirchenmann den Vertreter einer Kirche, die Minderjährige über Jahrzehnte sexuell missbrauchte und dabei mit „atemberaubender Arroganz“ vorging, wie es Richter Peter Kidd bei Bekanntgabe des Strafmaßes gegen Pell im März formulierte. Seine Unterstützer wiederum sehen in der Person des Kardinals einen Sündenbock für Vergehen, die er selbst nicht begangen hat.

Geistig stark, ruhig und sehr gesprächig

Der amtierende Erzbischof von Melbourne, Peter Comensoli, berichtete jüngst von einem Besuch bei Pell im Gefängnis. Sein Vorgänger sei „in Erwartung“ des Berufungsurteils, „aber ich fand ihn geistig stark, ruhig und sehr gesprächig“, sagte Comensoli dem Sender ABC Melbourne.

Für Diskussion sorgte zuletzt auch ein Brief, den Kardinal Pell auf dem Kurzmitteilungsdienst „Twitter“ veröffentlicht hatte, und der an seine Anhänger gerichtet war. Untersucht wird, ob der Brief gegen die Regeln des Gefängnisses verstößt, in dem Pell momentan seine Haftstrafe verbüßt. Laut dem Justizministerium in Melbourne sei es Häftlingen nicht erlaubt, sich in Sozialen Medien zu äußern oder andere um Posts in ihrem Namen zu bitten.

Rückkehr Pells nach Rom denkbar

Sollte Pell am Mittwoch freigesprochen werden, könnte er an einem nicht näher bekannten Ort im Territorium New South Wales im Südosten Australiens einen sicheren Rückzugsort finden. Denkbar soll aber auch sein, dass der ehemalige Vatikan-Finanzchef nach Rom zurückkehrt. Ein Seminar in Sydney gilt ebenfalls als möglicher zukünftiger Aufenthaltsort Pells. Dort hatte er bereits das Urteil in erster Instanz erwartet.

DT/mlu

Die Hintergründe zu diesem Thema finden Sie in der Wochenausgabe der Tagespost. Kostenlos erhalten Sie diese aktuelle Ausgabe der Zeitung hier.