Unwiederbringlicher Verlust

Liturgien und Zeremonien am Päpstlichen Hof – Ein Beitrag zur „Hermeneutik der Kontinuität“ Von ARmin Schwibach

Mit dem ersten Band des monumentalen Werkes „Liturgien und Zeremonien am Päpstlichen Hof“ legt der Historiker und Vatikanspezialist Ulrich Nersinger jetzt das Ergebnis einer Forschungsarbeit vor, die sich über mehr als sieben Jahre erstreckte und eingehende Recherchen in staatlichen und privaten Bibliotheken sowie in verschiedenen Archiven des Vatikans, Italiens und anderer Länder erforderte. Die von Nersinger geleistete Arbeit kann als einzigartig betrachtet werden; kein anderes vergleichbares Werk der päpstlichen Liturgiegeschichte und der Geschichte zum Päpstlichen Hof ermöglicht in diesem Umfang und mit dem Ziel der Vollständigkeit der aufgearbeiteten Quellen einen Einblick in eine Welt, der wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und sich gleichzeitig unterschiedslos an alle historisch interessierten gesellschaftlichen Gruppen wendet. Sowohl der Anmerkungsapparat als auch die umfangreiche Bibliographie sind zum einen das Ergebnis einer an andere Wissenschaftler gerichteten Anstrengung; sie bilden auch ein hilfreiches Werkzeug für all jene, die Sonderthemen einer weiteren Vertiefung zuführen wollen. Die Bibliographie, in der auch moderne Medien Zugang gefunden haben, kann als eindrucksvolle Dokumentation der Wichtigkeit in Geschichte und Gegenwart eines Themas gewertet werden, das einen wesentlichen Aspekt der Kirchengeschichte nicht nur in rein historischer Weise, sondern auch unter (liturgie-)theologischen Aspekten erhellt. Gleichzeitig lässt sie im Gesamtzusammenhang des Werkes die Kultur stiftende Funktion des Christentums, des päpstlichen Roms und der Römischen Kurie in einem universalen Sinn erkennen. Einziger Mangel: Leider wurde darauf verzichtet, das Buch durch ein ausführliches Namens- und Sachregister noch benutz- und genießbarer zu machen. Dieses Fehlen ist der Gesamtqualität nicht abträglich, wenngleich es angeraten wäre, bei einer zweiten Auflage eine derartige, das Gesamtbild des Werkes vervollkommnende Arbeit in Betracht zu ziehen.

In einer Zeit der Schnelllebigkeit, die gern Einwegwaren hervorbringt, verdient auch die Qualität der buchtechnischen Gestaltung eine besondere Erwähnung. Der kleine, auf „Weniges“ mit „großer Qualität“ spezialisierte katholische Verlag „nova&vetera“, der sich in der letzten Zeit auch durch die künstlerisch und technisch perfekte Produktion von liturgischen Büchern hervorgetan hat (vgl. unter anderem „Breviarium Romanum“), hat keine Mühe gescheut, das Buch schön und wertvoll zu gestalten.

Umfangreiches Bildmaterial bietet anschaulichen Zugang

Dazu kommt das umfangreiche Bildmaterial, das erworben wurde oder aus verschiedenen Bildarchiven stammt (Archiv nova&vetera; Banda Musicale della Citta del vaticano; Päpstliche Schweizergarde und andere) und jenseits des Gelesenen einen anschaulichen Zugang zu den einzelnen beschriebenen Umständen bietet.

Die Geschichte des kleinen Staates mitten im Herzen der Ewigen Stadt fasziniert von jeher im Positiven wie im Negativen die Gemüter der Welt. Der Papst – er ist nicht nur eine Person, ein Monarch oder ein geistliches Oberhaupt; ebenso wenig ist der Papst allein eine Institution innerhalb des komplexen Geflechtes der Kirche. Der Papst ist „mehr“. Er ist Stellvertreter Christi auf Erden und Nachfolger des Apostels Petrus, der an eben jenem Ort das Martyrium am Kreuz erlitten hat, an der sich heute machtvoll die Päpstliche Basilika St. Peter erhebt. Es wäre falsch, den Vatikan als „Machtzentrum“ einer globalen, „katholische Kirche“ genannten Organisation zu sehen. Der Vatikan ist der Ort des höchsten Dienstes an der universalen Kirche, der dem Papst im Moment seiner Wahl und heute symbolisch bei seiner Amtseinführung mit dem Pallium auferlegt wird. Der Papst ist von jeher – trotz und gerade auch wegen der negativen Wechselfälle, die einige unwürdige Menschen betrafen, die auf dem Stuhl Petri im Lauf der Jahrtausende Platz genommen haben – eine mystische Gegebenheit, Ort und Person der besonderen Gegenwart des Heiligen Geistes in der Geschichte der Welt. Als solcher führt er die Christen unter dem Gebot, der oberste Hüter ihrer Einheit zu sein, hin zum Moment der endgültigen Wiederkunft Christi. So verwundert es nicht, dass „Rom“ Mittelpunkt eines kulturellen und geistlichen Interesses ist, nicht zuletzt auch deshalb, da „Rom“ als Heilige Stadt zusammen mit Athen und Jerusalem das repräsentiert, was die abendländische Kultur in ihrem Universalitätsanspruch darstellt. Ein Anspruch, der gegenüber einem heute gegebenen Globalisierungsdenken ein wichtiges und nützliches Korrektiv bieten kann (und muss). So erstaunt es nicht, dass das „Mystische“ um die Gestalt des Papstes besonderes Interesse erregt – sei dies nun während einer eher volksfestlich verlaufenden Generalaudienz von heute oder bei der Betrachtung der Geschichte dieses Prozesses einer fleischlichen Sichtbarkeit und Ausprägung eines Mysteriums.

Den „Päpstlichen Hof“ gibt es seit der radikalen Reform durch Papst Paul VI. mit dem Motu proprio „Pontificalis domus“ (1968) nicht mehr. Er wurde vom „Päpstlichen Haus“ ersetzt. Ämter wurden umbenannt, zusammengelegt oder einfach abgeschafft. Dem Einfluss des römischen Adels wurde ein Ende gesetzt, kein Amt ist mehr erblich. Alle Strukturen wurden einer strengen Rationalisierung unterzogen. Nicht wenige sind der Überzeugung, dass damit auch ein großes Kulturgut zu seinem Ende gebracht wurde, was sich in gewisser Weise mit der Liturgiereform Pauls VI. von 1969 fortsetzte. Das erste und umfangreichste von insgesamt neun Kapiteln widmet der Autor dem Päpstlichen Hof, seiner Zusammensetzung und Geschichte. Er zeigt die „Päpstliche Kapelle“, das heißt jene Funktionen, bei denen der Papst selbst zelebriert oder assistiert, und die Päpstliche Familie, das heißt den engsten Umkreis des Papstes. Dazu erklärt Nersinger die Stellung des Päpstlichen Adels, der Päpstlichen Ritterorden und der Päpstlichen Auszeichnungen für Gotteshäuser. Auch die Päpstlichen Hoflieferanten finden Erwähnung. Das zweite Kapitel erläutert die Papstwahl, das dritte den Ritus der Krönung des Papstes, der heute als feierliche Amtseinführung in den Petrusdienst gefeiert wird. Das vierte und fünfte Kapitel sind dem Pallium als Zeichen der „pontificalis officii plenitudo“ sowie der Päpstlichen Ferula und dem Kreuzstab des Papstes gewidmet. Der Autor versäumt es nicht, kritisch auf die jüngsten Neuerungen unter dem Pontifikat Benedikts XVI. einzugehen und sich mit dem Übergang vom Kreuzstab Papst Pauls VI. zum nunmehr zweiten Stab Benedikts XVI. auseinanderzusetzen, der unter dem antiken Namen „ferula“ klassifiziert wird. Nach Ansicht des Autors handelt es sich dabei um eine der Geschichte widersprechende Bezeichnung, was Anlass zu Überlegungen hinsichtlich eines Aspektes der „Hermeneutik der Kontinuität“ ist. Das sechste und siebte Kapitel führen in das Päpstliche Rom hinein, das heißt in das Rom, in dem der Papst zu verschiedenen Anlässen in seiner Stadt gegenwärtig war und ist. Der „Possess des Lateran“, das heißt die Besitzergreifung der Bischofskirche von Rom durch den neugewählten Papst, „mater omnium ecclesiarum Urbis et Orbis“, sowie die Liturgie bildende Tradition der römischen Stationsgottesdienste stehen hierbei im Mittelpunkt des Interesses. Der feierlichen Papstmesse ist das achte Kapitel gewidmet. Nach dessen Lektüre wird es deutlich, dass eine vom Papst in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus gefeierte Messe in St. Peter heute de facto unmöglich ist: Sowohl die zeremoniellen Kenntnisse als auch die hierzu nötigen Geräte und Umstände sind unwiederbringlich verloren gegangen. Das Buch findet seinen Abschluss mit dem Ursprung und der Geschichte der Fronleichnamsprozessionen der Päpste. Ein ausführlicher Anhang gestattet einen Blick auf die personelle Zusammensetzung der verschiedenen päpstlichen Institutionen.

Kardinalat im Mittelpunkt des zweiten Bandes

Der zweite Band (geplantes Erscheinungsdatum: Anfang 2011) wird folgende Kapitel enthalten: Riten und Zeremonien rund um das Kardinalat (Konsistorien, Kreierung der Kardinäle, Kleidung, Residenz und „Familie“ der Purpurträger, Besitzergreifung einer Titelkirche oder Diakonie, Entsendung von Kardinälen als Legaten), Selig- und Heiligsprechungen, die Feier der Heiligen Jahre, Weihe und Übergabe päpstlicher Ehrengeschenke (Agnus Dei, Die Goldene Rose, Schwert und Hut, Petrusschlüssel und Banner sowie die „fasce benedette“), die „Chinea“ (eine Tributverpflichtung gegenüber dem Papst), die Audienzen des Papstes sowie Tod und Beisetzung des Papstes.

Begibt man sich in die Welt, die Nersinger langsam, aber eindringlich und gut in ihrer Geschichte dokumentiert erstehen lässt, so scheint man in einen Sog zu geraten, der das Einzelne, das zunächst oft fremd erscheint, noch genauer kennenlernen lassen will. Ebenso kommt man nicht umhin, der Tatsache gewahr zu werden, wie viel sowohl an Beiwerk als auch an Wesentlichem in den letzten vierzig Jahren verlorengegangen ist. Es ist zu erkennen: Jeder Versuch, „Hermeneutik der Kontinuität“ so zu verstehen, als genüge es, „Gewesenes“ wieder in ein Sinnbild einzufügen, um es gleichsam in einem fast hegelianischen Sinn in die Gegenwart aufzuheben, ist zum Scheitern verurteilt, und dies unter zwei Gesichtspunkten: Zum einen gibt es einfach vieles oder das Meiste nicht mehr, angefangen bei „Ämtern“ bis hin zur Gestaltung des Kirchenjahres als geistlich-liturgisches Gesamtkunstwerk, in dem es nichts Zufälliges gab, in dem selbst die Zeit nicht dieselbe war, wie dies im neuen liturgischen Jahreskreis der Fall ist. Zum anderen ist eine teilweise pseudohistorische Bezugnahme auf etwas Gewesenes beim Gebrauch von etwas an sich Neuem unzureichend. Gerade Experten in diesem Bereich werden dies sofort bemerken, wodurch dann jede Art einer derart gestalteten Argumentation nicht ernst genommen wird und diese letztlich der Grundintention abträglich ist. Die gelehrte Geschichte, die Nersinger in einer auch fesselnden Sprache erzählt, kann somit als wichtiger Beitrag zu den Grundfesten einer echten „Hermeneutik der Kontinuität“ gesehen werden.

Ulrich Nersinger: Liturgien und Zeremonien am Päpstlichen Hof, Band 1; Verlag nova&vetera, Bonn 2010, gebundene Ausgabe: 539 Seiten mit 267 Abbildungen; ISBN 978-3-936741-65-0; EUR 49,-