„Unverzichtbar als Mittel der Kommunikation“

Kardinal Karl Lehmann warnt vor seinem 75. Geburtstag, den kirchlichen Dialogprozess als Selbstzweck zu betrachten. Von Clemens Mann

Mainz (DT) Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat am Mittwoch vor Journalisten davor gewarnt, den Dialogprozess als Selbstzweck zu betrachten. Der Prozess dürfe nicht zu einem „endlosen Palaver“ verkommen, sondern müsse gezielt auf Streitpunkte eingehen. Als Beispiel nannte der Theologe die innerkirchlichen Kontroversen um den Diakonat der Frau, die Forderung nach der Zulassung sogenannter „viri probati“ zum Priesterdienst oder auch den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. „Das hat nur einen Sinn, wenn es ein geeignetes und gutes Mittel ist, die Probleme, die wir haben, anzugehen“, betonte der Erzbischof in Mainz. Es brauche dabei aber auch Mut zu Entscheidungen und Autorität.

Lehmann, der am 16. Mai seinen 75. Geburtstag feiert, bekräftigte zugleich die Wichtigkeit des von der Bischofskonferenz angestoßenen Prozesses: „Für mich ist der Dialog unverzichtbar als Mittel der Kommunikation innerhalb und außerhalb der Kirche.“ Er forderte hierbei aber einen ehrlicheren Ton: „Man darf keine falschen Hoffnungen haben, sondern muss klar sagen, wo wir etwas selbst beschließen und wo wir nachdrücklich in Rom bestimmte Bedürfnisse und Probleme anmelden können.“ Als Ziel des Prozesses sehe der Kardinal nicht progressive Antworten auf die Streifragen. Es gehe für die Kirche darum, Dinge „tiefer, entschiedener, klarer und überzeugender“ zu tun.

Auf die Ablehnung seines Rücktrittsangebotes durch Papst Benedikt XVI. reagierte Lehmann gelassen. „Ich werde meinen Dienst einfach so weitertun, soweit ich kann“, sagte der Kardinal, der 2008 den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz aus gesundheitlichen Gründen abgegeben hatte. Der Erzbischof machte aber erneut deutlich, dass er „kein großer Freund“ derartiger Verlängerungen sei. Nach dem katholischen Kirchenrecht müssen die Bischöfe mit der Vollendung des 75. Geburtstages dem Papst ihren Rücktritt anbieten. Außerdem sei der Entscheidungsprozess im Vatikan, wer länger bleiben dürfe, wen man weghaben wolle, wenig transparent.

Der 75. Geburtstag sei für ihn ein Signal, dass es langsam zu Ende gehe. Jetzt laufe der Countdown. Dennoch gebe es Dinge, die der Erzbischof im Bistum gerne noch voranbringen wolle. Als Beispiel nannte Lehmann die Verwirklichung pastoraler Strukturen angesichts der Sparmaßnahmen im Bistum. Zugleich wolle er auch in Zukunft keine Gesprächsanfragen verweigern. Man müsse sich der Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft stellen, „um ernst genommen zu werden“.

Als seine größte Enttäuschung in seiner Laufbahn als Bischof bezeichnete Kardinal Lehmann den Rückzug der Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung. Im Jahr 1999 habe er in mehreren Gesprächen mit dem Papst deutlich machen können, dass einige Leute weiter beraten würden und ein Rückzug zu Spannungen und Belastungen innerhalb der Kirche führen könnten. Als Bischof sei er zwar gehört worden, habe aber der eigenen Position keinen Nachdruck verleihen können. Das hätte auch daran gelegen, dass man im Ausland das deutsche Modell nicht verstanden habe und meinte, Abtreibungen durch die Hintertür zu dulden.

Im Gegensatz zur kontroversen Debatte um die Schwangerenkonfliktberatung sieht Kardinal Lehmann bei der Frage um die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik eine „hohe Einheitlichkeit bei den Katholiken“. Wie sich diese Einheitlichkeit unter den Katholiken aber politisch niederschlage, sei eine andere Frage. „Ich bin schon sehr froh darüber, dass in einer pluralistischen Gesellschaft ein solch guter Ton vorherrscht“, sagte Lehmann mit Hinweis auf die sehr ernsthaft geführte Debatte im Bundestag. Lehmann glaubt aber nicht, dass es zu einem Verbot kommen werde. Wahrscheinlicher sei ein Mittelweg. Dies werde innerkirchlich wieder zu heiklen Fragen führen. Dabei sei die Gefahr groß, dass man gleich als Verräter beschimpft werde, wenn man einen Kompromiss eingehe.