Unterkirche kontra „Mehrzweckhalle“

Eine Berliner Ausstellung beflügelt die Debatte über den Umbau von St. Hedwig. Von Josefine Janert

In den Räumen der Hegenbarth Sammlung Berlin wird „Vision der Freiheit“ gezeigt, und das lockt tatsächlich nicht nur Berliner, sondern auch Besucher aus Aachen und Stuttgart an. Die Menschen würdigen Hans Schwippert, den Düsseldorfer Architekten, der 1948/49 den Plenarsaal des Bonner Bundestages schuf und 1960–63 für den Umbau der Hedwigskathedrale verantwortlich zeichnete. Sie steht in der Nähe der Straße Unter den Linden, befand sich also damals im Zentrum der DDR-Hauptstadt.

„Mitten im Kalten Krieg hat ein westdeutscher Architekt für den Umbau mit ost- und westdeutschen Künstlern zusammengearbeitet“, sagt Werner Kohl, ein Architekt aus Sachsen-Anhalt, der seit vielen Jahren in Berlin lebt. Wie schwierig das mitunter war, belegen Dokumente, die in der Ausstellung zu sehen sind. Das Erzbistum würdige diese besondere Baugeschichte nicht, klagt Kohl. Der gläubige Katholik und Sprecher der „Freunde der Hedwigskathedrale“, lehnen den Beschluss der Erzdiözese ab, die Hedwigskathedrale und das benachbarte Bernhard-Lichtenberg-Haus für 60 Millionen Euro umzubauen. Christopher Breu, Geschäftsführer der Hegenbarth Sammlung Berlin und einer der Initiatoren der Ausstellung, spricht von der Kathedrale als von „Schwipperts Gesamtkunstwerk, das durch gemeinsame Anstrengungen in Ost und West entstanden ist. Ich bin dagegen, dass man dieses Zeugnis so mir nichts, dir nichts aus den Angeln hebt.“

Die Hedwigskathedrale ist die erste katholische Kirche, die nach der Reformation in Berlin gebaut wurde. Nachdem sie 1943 bei einem Luftangriff fast völlig ausbrannte, begann 1952 der Neuaufbau. Hans Schwippert öffnete einen Zugang zur Unterkirche, zu der Besucher über eine Treppe gelangen können. Dort wurden 1965 die Gebeine von Bernhard Lichtenberg beigesetzt, einem Priester und Gegner des NS-Regimes, der 1943 in der Haft verstarb. Schwippert hatte mit der Unterkirche eine vertikale Achse geschaffen, in der Fachleute die Verbindung von Leiden, Tod, Wandlung und Erlösung verkörpert sehen – in einem Kuppelbau nach dem Vorbild des römischen Pantheons, welcher kosmische Harmonie symbolisiert.

Die Ausstellung zeigt Ausstattungsstücke, die sonst in der Kathedrale stehen. Dazu gehören Pinselzeichnungen von Josef Hegenbarth und Werke des Kunstschmieds und Bildhauers Fritz Kühn. Vertreten sind ferner die Goldschmiede Fritz Schwerdt und Hubertus Förster und der Maler Anton Wendling mit einem Originalentwurf für ein geometisches, abstraktes Fenster für die Kathedrale. „Dort sind diese Kunstwerke zum Teil schlecht beleuchtet und abgesperrt durch Sitzmöbel und Sperrbänder“, sagt Christopher Breu. „Einige von ihnen stehen weit auseinander.“ Besucher der Ausstellung können Plastiken, Tabernakel, Kreuze und anderes mehr nun aus der Nähe betrachten und im Zusammenspiel erleben. Ins Auge fallen vor allem Hegenbarths Zeichnungen vom Kreuzweg Jesu Christi, kraftvolle Zeugnisse des Leidens, die zugleich Hoffnung ausdrücken. „Uns ist wichtig, zu zeigen, dass es Künstler ersten Ranges waren, die von Schwippert und seinen kirchlichen Auftraggebern herangezogen wurden“, betont Christopher Breu. Er kritisiert, dass der Umbau vom Erzbistum „ohne Diskussion, ohne Beteiligung der Gemeinde und der Öffentlichkeit“ anberaumt worden sei.

Tatsächlich hatte das Erzbistum jedoch einen Architektenwettbewerb zur Neugestaltung des Innenraumes ausgeschrieben. Gewonnen hat ihn das Büro Sichau und Walter, Architekten mit Sitz in Fulda und Dresden zusammen mit dem österreichischen Künstler Leo Zogmayer. In seinem Hirtenbrief von 2016 schrieb Erzbischof Heiner Koch, dass er die Hinweise der Befürworter und Kritiker des Umbaus „nachdrücklich studiert“ habe und ihnen danke. Er sei überzeugt davon, „dass der vorliegende Neuentwurf das Anliegen von Professor Schwippert aufgreift und weiterführt“.

Die Ausstellung „Vision der Freiheit“ in der Hegenbarth Sammlung Berlin, Nürnberger Straße 49, 10789 Berlin, ist bis zum 8. September mittwochs bis freitags von 12 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel.: 030/ 23 60 99 99 zu sehen. Vom 24. Juli bis zum 8. August ist sie wegen der Sommerferien geschlossen.