Unter Kulturkämpfern

Ein Podium mit dem Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz wirft ein Licht auf die fehlende diözesane Gesprächskultur. Von Regina Einig

Düstere Aussichten im Bistum Limburg: Der Konflikt gilt als Testfall für künftige Weichenstellungen der Kirche in Deutschland. Foto: dpa
Düstere Aussichten im Bistum Limburg: Der Konflikt gilt als Testfall für künftige Weichenstellungen der Kirche in Deutsc... Foto: dpa

Frankfurt (DT) „Eine Endzeit hat angefangen.“ Der Frankfurter Stadtdekan bemühte im „Haus am Dom“ apokalyptische Bilder für die öffentliche Debatte über den Fall Limburg. Beim „Aufräumen nach dem Knall“ am Donnerstagabend im Frankfurter Haus am Dom überließ das Limburger Domkapitel Johannes zu Eltz ohne Einschränkungen das Feld: Der auf Plakaten und Pressemitteilungen angekündigte Limburger Weihbischof Thomas Löhr hatte seine Zusage „wegen einer dringenden Dienstreise“ nach Rom zurückgezogen. Gelächter und Pfuirufe im überfüllten Saal quittierten die Nachricht. Zu Eltz sprach für das Domkapitel. Es gebe kein Zurück für den Bischof: „Das Vertrauen ist unwiederbringlich dahin und es geht nicht mehr weiter.“ Das habe das Domkapitel dem Bischof nicht mit persönlicher Abneigung begründet, sondern aufgrund vieler Gespräche mit den Gläubigen. Seit der Reise des Bischofs nach Rom „lebe das Bistum Limburg mit der päpstlichen Entscheidung“, an die er öffentlich ein Fragezeichen gesetzt habe. An der Person des Papstes habe er keine Schelte zu üben. Er habe die größten Hoffnungen, „dass der Papst uns nicht ewig hängen lässt“, denn das nehme „nicht Druck aus dem Reifen, sondern der Druck nimmt zu und die Spannung wird schlimmer“.

Man wolle keine „Vorverurteilungen vornehmen“ oder „in spezieller Weise die Person des Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst in den Fokus nehmen“, erklärte Moderator Joachim Valentin. Um eine Bestandsaufnahme und Konsequenzen solle es gehen. Schließlich „wollen wir hier im Bistum Limburg einfach nur gute Katholikinnen und Katholiken sein“. Unter guten Katholiken ist Meinungsvielfalt ein unverzichtbares Element seriöser Gespräche. Die Zusammensetzung des Podiums ließ für eine breit angelegte, ausgewogene Diskussion aber keinen Raum: Bischofskritiker reihte sich an Bischofskritiker. Neben FAZ-Redakteur Daniel Deckers, dem Münsteraner Kanonisten Thomas Schüller und ZdK-Generalsekretär Stefan Vesper genoss der Stadtdekan sichtlich das Heimspiel und sparte nicht mit Pathos. Er hoffe, dass der „Papst ein Einsehen hat“ und für Bischof Franz-Peter eine „andere gute Verwendung“ finde. Das Domkapitel wolle einen neuen Bischof wählen und habe auch das Recht dazu. „Ich bitte den Papst, wenn er mich jetzt hört, dass wenn der Tag gekommen ist, er uns dieses Recht auch lässt.“ Das sei ein kleines Stück Partizipation und Ortskirchlichkeit in der Bischofsbestellung, „ein kostbares Relikt aus anderen Zeiten, als das monarchische Element noch nicht so straff gezogen war in der Kirche“.

Lob für die Rolle der Medien

Es müsse in der Kirche möglich werden, Fehlentscheidungen bei Besetzungen einzuräumen, so der Stadtdekan. Die Verantwortlichen – das seien im Fall Limburg der Heilige Vater oder das Domkapitel – könnten die Gläubigen um Verzeihung bitten. Ausdrücklich lobte zu Eltz die Rolle der Medien im Fall Limburg: Er habe in den letzten eineinhalb Jahren gelernt, dass er Journalisten „mehr Wahrheitsliebe, mehr Ehrgefühl und mehr Verlässlichkeit zutrauen kann als den Hierarchen meiner eigenen Kirche“.

Mehr Wind im Rücken hatten Medienvertreter in Frankfurt selten. Deckers Einschätzung „es geht um einen Kulturkampf in der Kirche“, blieb unwidersprochen. Ihm selbst, so der FAZ-Redakteur gehe es um eine Kultur des Rechts und des guten Regierens in der Kirche und eine „Kultur der Rechenschaftspflichtigkeit aller gegenüber allen“. Damit brachte er unfreiwillig den Moderator in Bedrängnis. Valentin musste auf Nachfrage eines Mitglieds der Frankfurter Domgemeinde begründen, warum niemand auf dem Podium saß, der sich für Bischof Tebartz-van Elst äußerte. Bravorufe und Applaus, dann wurde die Debatte hitzig. Valentin antwortete, man habe sich sehr bemüht, „einen seriösen Vertreter, der für den Bischof von Limburg spricht, auf das Podium zu bekommen“. Das sei an Termingründen gescheitert. Namentlich genannt wurde die in der Öffentlichkeit stets mit Augenmaß agierende Frankfurter Theologin Barbara Wieland, die bis dato für einen Dialogprozess mit dem Bischof wirbt. Sie hatte die Einladung wegen einer bereits bestehenden Verpflichtung abgelehnt. Auch Generalvikar Rösch habe aus Termingründen abgesagt. Es könne nicht sein, so Valentin, „dass wir zurzeit durch deutsche Talk-Shows tingelnde selbsternannte Freunde des Bischofs von Limburg, die hier im Bistum niemand kennt, aufs Podium holen, nur damit eine Position vertreten wird, die kein deutscher Bischof heute mehr unterstützt“. Es gebe kaum noch einen seriösen Menschen in der Forschung, Wissenschaft oder Publizistik, „der für ein solches Podium satisfaktionsfähig ist und hier eingeladen werden kann“.

Und so fehlte die Stimme eines in der Gremienarbeit bewährten Laien wie Albert Schmid, Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, Manfred Lütz vom Päpstlichen Rates für die Laien oder ein Ortskenner wie Bruder Paulus Terwitte vom Frankfurter Kapuzinerkloster Liebfrauen, dem zuzutrauen gewesen wäre, sich sachlich und kritisch mit dem Eifer des Stadtdekans auseinanderzusetzen. Die muttersprachlichen Gemeinden in Frankfurt, in denen Bischof Tebartz-zu Elst nach wie vor bemerkenswerten Rückhalt hat, wurden den ganzen Abend über mit keiner Silbe erwähnt.

Klagen über „massive Unzufriedenheit der Mitarbeiter des Domkapitels und anderer“ sowie „Ungeschicklichkeiten im Handling auf Seiten der Bistumsleitung“ stand kein angemessener Grad an Selbstkritik gegenüber. Das Bistum solle nach Recht und Gesetz regiert werden, die Mitarbeiter wollten nicht in einem Klima der Angst und der Drohung arbeiten, war zu hören. Was erfahrene Mitarbeiter im Bistum Limburg selbst dazu beitragen können, blieb offen. Ingeborg Schillai, Präsidentin der Diözesanversammlung, beklagte den Druck, der auf ihr Gremium ausgeübt worden sei. Gern hätte man gewusst, wie es um die Solidarität der überdiözesanen Laiengremien mit dem bedrängten Limburger Synodalen bestellt gewesen ist. Konsens herrschte auf dem Podium und im Publikum darüber, dass eine Schlüsselfigur der Krise der vormalige Generalvikar Franz Kaspar ist.

Beruhigende Wirkung, aber kaum Wille zur Versöhnung

Schüller äußerte den Eindruck, dass in Limburg kirchliches Vermögensrecht nicht ausreichend beachtet worden sei. Mehr noch: Mit Blick auf das vieldiskutierte Statut für den Vermögensverwaltungsrat gehe es noch um mehr: „Hier ist das Völkerrecht betroffen.“ Dabei verwies er auf einen Staatsvertrag des Landes Hessen mit den katholischen Bistümern, demzufolge Körperschaften des öffentlichen Rechts, die der Observanz des Bischofs unterliegen, vermögensrechtliche Normen, die für sie erlassen werden, sowohl im Staatsanzeiger für das Land Hessen als auch im Amtsblatt des Bistums zu publizieren haben, damit diese in Kraft treten können. Dies sei im Fall des oben genannten Statuts nachweislich nicht geschehen.

Vesper wandte sich gegen ein „überzogenes Bild vom Bischofsamt und plädierte für eine stärkere Mitbestimmung von Laien. Deckers durfte sich auf dem Podium „Elemente schwarzer Romantik“ in seiner Berichterstattung bescheinigen lassen. Der FAZ-Redakteur jonglierte mehr oder weniger offen mit Vergleichen zwischen Bischof Mixa und Bischof Tebartz-van Elst, zwischen Missbrauchskrise und dem Fall Limburg, berichtete von „heftigen Reaktionen“ aus Kirchenkreisen nach seinem Artikel „Dem Glauben Gestalt geben“ vom 24. Juni. Die Herausgeber hätten trotz „massiven Feuers gestanden wie eine Eins“.

Versöhnung und Barmherzigkeit scheinen in Frankfurt jenseits des Akzeptablen zu liegen. Kein Gedanke, wie verloren gegangenes Vertrauen im Bistum gemeinsam mit Bischof Tebartz-van Elst wieder aufgebaut werden könnte. Man wolle den Kommissionsergebnissen nicht vorgreifen, hatte Valentin erklärt. Was die Untersuchung ergibt, spielt für viele für die Bewertung der Rolle des Bischofs keine entscheidende Rolle mehr. Im endzeitlichen Furor des Bistums zählt der rasche Schlussstrich unter die Ära Tebartz-van Elst.

Von der „beruhigenden Wirkung“ der päpstlichen Entscheidung, Wolfgang Rösch vorzeitig als Generalvikar einzusetzen, berichten derzeit zwar viele im Bistum. Im Vertrauen auf künftige Entscheidungen des Heiligen Vaters nun die Versöhnung mit dem Bischof zu suchen und die nach dem Besuch von Kardinal Lajolo getroffene Vereinbarung umzusetzen, gilt als Minderheitenposition. Die Botschaft aus Frankfurt von der „überschaubaren Halbwertszeit der Entscheidung von Papst Franziskus“ klang nach einer Instruktion – möglicherweise nicht nur für Limburg, sondern auch für künftige Personalentscheidungen. Auf der Folie der Limburger Ereignisse sollen die Leute sagen: Wir wollen mitreden.