„Unsere Zeit braucht diese Zuwendung“

Die regelmäßigen Beichtgelegenheiten in der Anbetungskirche im Essener Dom und im Kloster in Stiepel werden gerne genutzt. Von Heinrich Wullhorst

Seit fünf Jahren ist Pater Pirmin Prior des Zisterzienserklosters Bochum-Stiepel. Zuvor war er in der bekannten Mutterabtei Heiligenkreuz in Österreich. Foto: Heinrich Wullhorst
Seit fünf Jahren ist Pater Pirmin Prior des Zisterzienserklosters Bochum-Stiepel. Zuvor war er in der bekannten Mutterab... Foto: Heinrich Wullhorst

Die Wiederbelebung des Bußsakraments in der Glaubenspraxis der Katholiken gehört sicherlich zu den Zielen, die Papst Franziskus im Blick hat. Dennoch wird die Beichte von vielen Menschen nicht als Akt der Befreiung, sondern eher als etwas verstanden, das Angst macht und daher Ablehnung auslöst. Im Bistum Essen gibt es viele Angebote für Menschen, die das Angebot zur Sündenvergebung nutzen wollen. Neben vielen anderen „Beichtkirchen“ werden die Anbetungskirche im Essener Dom und das Kloster in Stiepel von vielen Gläubigen besucht.

Pater Pirmin Holzschuh ist der Prior des Zisterzienserklosters in Bochum-Stiepel. Der 48-Jährige ist seit fünf Jahren im Ruhrgebiet. Zuvor war er in der bekannten Mutterabtei Heiligenkreuz in Österreich. Seit 28 Jahren sind die Zisterzienser in Stiepel. Der damalige Ruhrbischof Franz Kardinal Hengsbach war bemüht, geistliches Leben in sein junges Bistum zu bringen. Vier Mönche machten sich damals auf den Weg ins Revier, heute leben vier Mal so viele von ihnen in Stiepel. Während viele Großstadtkinder, insbesondere die, die in den Umbrüchen des Zweiten Vatikanischen Konzils katholisch sozialisiert wurden und deren Eltern oftmals bereits durch angsterfüllte Beichterlebnisse eine kritische Haltung gegenüber dem Sakrament einnahmen, dann später oft nur noch Bußgottesdienste besuchten, war dies in der dörflichen Idylle, in der Pater Pirmin aufwuchs, noch deutlich anders. „Vor der ersten Heiligen Kommunion bin ich zur Beichte gegangen und danach dann weiterhin regelmäßig. Anfangs hat mich meine Mutter immer mal wieder ermahnt, mal wieder zu gehen. Dann habe ich aber meinen eigenen Turnus gefunden“, berichtet der Zisterziensermönch. Er sei als Kind immer vor den großen Festen gegangen. Bei seinen ersten Exerzitien mit etwa 16 Jahren habe er einen spirituellen Impuls für sein Leben bekommen. „Von da an habe ich die Beichtpraxis ganz anders wahrgenommen und bin so im Abstand von zwei Monaten immer wieder zur Beichte gegangen“, ergänzt er. „Ich gehe gerne beichten. Ich liebe diese Kirche auch, weil Gott mir immer wieder durch die Priester die Sünden vergibt“, bekennt Pater Pirmin. Allerdings räumt auch er ein, dass durch die Bußandachtenpraxis viele Menschen den leichteren Weg gegangen seien.

Als er vor fünf Jahren nach Stiepel gekommen sei, habe es bereits seit kurzer Zeit ein tägliches Beichtangebot gegeben. Erst habe ein Pater allein diese Aufgabe wahrgenommen. Danach habe er es dann aufgeteilt, so dass jetzt täglich ein anderer Priester die Beichte hört. Jeweils von 17 bis 18 Uhr gibt es dieses feste Angebot. „In den letzten fünf Jahren gab es lediglich drei Tage, an denen ich im Beichtstuhl saß und niemand kam“. Hilfreich sei auch, dass konkret festgelegt sei, welcher Pater an welchem Tag die Beichte höre. „Viele Beichtende wollen doch gerne zu einem bestimmten Beichtvater gehen“, weiß Pater Pirmin. Und so kommen dann täglich drei bis vier Gläubige nach Stiepel, um dort die Lossprechung von ihren Sünden zu erlangen.

Neben der Beichte nehme aber auch die Nachfrage nach persönlichen Gesprächen mit einem Seelsorger zu. „Unsere Zeit braucht diese persönliche Zuwendung. Die Menschen suchen ein Gegenüber, mit dem sie sich aussprechen können“, berichtet der Prior. „Wir sind allerdings als Priester keine Psychologen und müssen auch den Mut haben zu sagen: Ich kann nicht weiterhelfen, wenn ich eine psychische Ursache erkenne.“ Die meisten, die in den Beichtstuhl kämen, würden die anonyme Beichte dem dort auch möglichen Gespräch vorziehen, beschreibt der Pater. Eine deutliche Zunahme der Nachfrage an der Beichte stelle er bei denjenigen fest, die zum Teil „jahrzehntelang nicht mehr gebeichtet haben“. Das hänge vielleicht auch damit zusammen, dass das Thema immer mal wieder, allerdings nicht zu oft, in Predigten angesprochen werde. Das bedeute aber nicht, mit dem erhobenen Zeigefinger auf den Beichtstuhl hinzuweisen. Pater Pirmin, der von Papst Franziskus zu einem der Missionare der Barmherzigkeit ernannt wurde, nimmt vielmehr Bezug auf die Hinweise des Heiligen Vaters. „Er hat uns eindringlich gesagt, dass wir äußerst barmherzig sein sollen beim Beichtehören. Und das müssen die Menschen auch spüren. Wir sollen äußerst nachsichtig und großzügig sein.“

Wie bereitet man sich nun vernünftig auf die Beichte vor? Gerade, wenn jemand lange nicht zur Beichte gegangen ist, mache es Sinn, sich vorher Gedanken zu machen, erklärt Pater Pirmin. Dabei helfe das Gebet und die Suche nach Stille, zumal es ja dann auch den ein oder anderen Brocken wegzuräumen gebe, der den Menschen belaste. Auch eine Checkliste könne dabei nützlich sein. In Stiepel gebe es eine Handreichung unter dem Titel: „Was soll ich beichten?“ Darin finde jeder gute Anregungen. Das sei heute auch oft erforderlich, weil das Sündenbewusstsein bei vielen Menschen auf der Strecke geblieben sei. „Die sagen dann: Herr Pater, ich weiß gar nicht, was ich beichten soll.“ Er antworte dann gelegentlich mit dem Satz: „Dann müssten wir Sie eigentlich heiligsprechen.“ Das helfe dann oft dabei, um ins Gespräch zu kommen, wobei auch Sympathie eine große Rolle spiele. Aber nicht nur der Poenitent, auch der Beichtvater sollte gut vorbereitet in die Beichte gehen. „Er soll vor allem nicht gestresst oder abgehetzt seinen Beichtdienst antreten. Es ist wichtig, dass er ein gutes Wort für die Menschen zur Hand hat, so dass der Beichtende erleichtert, befreit und hoffend seinen Lebensweg beschreiten kann“, beschreibt Pater Pirmin.

Durch die Taufe sei das Band der Menschen mit Gott geschlossen. Die Sünden führten dazu, dass dieses Band belastet werde. Unaufmerksamkeit gegenüber den Nächsten, Intoleranz und Lieblosigkeit seien Verfehlungen, die die Menschen im Alltag immer wieder auf sich laden würden. „Unsere Aufgabe ist es, die Gläubigen in der Beichte aufmerksam werden zu lassen, wo sie solche Fehler begehen und auch an den Stellen zu helfen, wo das Gewissen vielleicht schon etwas eingeschlafen ist.“ Grundlage der Vergebung der Sünden sind neben der Erkenntnis, gesündigt zu haben, allerdings auch die Reue und der Vorsatz, nicht mehr zu sündigen.

In Stiepel wird über alle Generationen hinweg gebeichtet. Auch viele junge Menschen kommen hierhin, um die Vergebung ihrer Sünden zu erlangen. „Wir haben alle vier Wochen unsere Jugendvigil, die nutzen dann auch viele junge Leute, um zur Beichte zu gehen.“

Domkapitular Martin Pischel war früher Geheimsekretär des ersten Ruhrbischofs Franz Kardinal Hengsbach. Der ehemalige Personaldezernent des Bistums Essen unterstützt heute, mit 75 Jahren, den Beichtdienst in der Anbetungskirche neben dem Essener Dom. In der Bischofskirche selbst gibt es nämlich keinen Beichtstuhl. Mehrere Stunden an jedem Tag der Woche gibt es hier ein Beichtangebot unmittelbar an der Essener Fußgängerzone. Und das Angebot wird reichlich genutzt. „Manchmal komme ich zwischendurch nicht einmal dazu, mein Brevier zu beten“, berichtet Pischel. Vor den Hochfesten wird der Beichtdienst zum Teil noch verstärkt. Anders als Pater Pirmin in Stiepel stellt er fest, dass in Essen nur wenige Menschen in den Beichtstuhl kommen, die längere Jahre das Sakrament nicht empfangen haben.

Vielen Beichtenden müsse man erst einmal die Angst nehmen, mit der sie den Beichtstuhl aufsuchten. „Da ist das Gottesbild manchmal schon sehr schwierig“, weiß Pischel. Aber genau da sei es die Aufgabe der Seelsorger, zu helfen. Das sei ganz im Sinne von Papst Franziskus. Wie Prior Pirmin ist auch er von Papst Franziskus zum Missionar der Barmherzigkeit ernannt worden. „Der Heilige Vater möchte, dass wir die Menschen in der Beichte etwas von der Barmherzigkeit Gottes spüren lassen.“ Das gehe aber nicht durch hartes Nachfragen, sondern vor allem durch Zuwendung und Verständnis. Dazu sei es natürlich auch erforderlich, die Priester an die schwierige Aufgabe des Beichtehörens heranzuführen. Domkapitular Pischel erinnert sich allerdings noch gut an das, was sein damaliger Regens im Priesterseminar zu dem Thema vermittelt hat. Daran fühlte er sich jetzt wieder erinnert, als Papst Franziskus in Rom vor den Missionaren der Barmherzigkeit erklärte, was ein Priester im Beichtstuhl zu tun hat. „Das entsprach genau dem, was uns in der Ausbildung bereits gesagt wurde: Es muss in der Beichte deutlich werden, dass der Priester barmherzig ist. Er darf dem Beichtenden keine Angst machen, sondern muss ihm vielmehr vermitteln, dass Gott die Liebe ist.“ Im Bußsakrament werde diese Liebe deutlich, indem wir die Vergebung unserer Schuld und unseres Vergehens erfahren. Gerade bei ängstlichen Menschen müsse der Beichtpriester umso mehr tröstende Worte finden und ihnen Mut machen. „Das war richtig pastoral, was uns der Papst da mit auf den Weg gegeben hat“, ergänzt Pischel.

„In der Essener Anbetungskirche sind es deutlich mehr ältere Menschen, die zur Beichte gehen, übrigens mehr Frauen als Männer, viele mit polnischen oder kroatischen Wurzeln“, berichtet der Domkapitular. Aber auch viele Priester und Ordensleute nutzten das Angebot, um hier die Vergebung ihrer Sünden zu erlangen. Und sogar jugendliche Kirchenbesucher, Schüler und Studenten finden hier gelegentlich den Weg in den Beichtstuhl. Für Kinder und Jugendliche sei, wie übrigens so oft, das Beispiel der Eltern maßgebend. Das gelte natürlich auch für die Beichte. Wichtig sei allerdings auch hier ein behutsames Dahinführen und eine Erziehung ohne Zwang.

Auch der Prälat kennt nicht den Königsweg, Menschen zu überzeugen, nach vielen Jahren oder Jahrzehnten wieder zur Beichte zu gehen. Zuhören müsse man, meint Pischel und die Menschen erzählen lassen. Dann werde oft deutlich, woran es hake. Das Verständnis der Menschen für das Sakrament müsse geweckt werden. „Wir müssen erklären, dass es befreiend ist, seine Schuld zu bekennen, auch wenn es schwierig ist, gegenüber einem anderen sein Versagen einzugestehen.“ Dazu gehöre es zu vermitteln, dass Gott nicht als Ankläger gegenübersitze, der alle gebeichteten Verfehlungen in einem großen Buch notiere, aus dem dem Gläubigen dann irgendwann die Rechnung präsentiert werde.

Wie Pater Pirmin hat auch Prälat Pischel noch nicht erlebt, dass ihn jemand im Beichtstuhl aufgesucht hat, um die privilegierten Lossprechungsrechte der Missionare der Barmherzigkeit in Anspruch zu nehmen. Hierbei geht es vorwiegend um sogenannte Tatstrafen, bei denen allein die Handlung eine kirchenrechtliche Folge nach sich zieht. Deren Aufhebung war bislang dem Heiligen Stuhl vorbehalten. Dazu zählen die Verunehrung der Eucharistie (canon 1376), ein körperlicher Angriff auf den Papst (canon 1370), die Lossprechung einer beichtenden Person, mit der der Priester zuvor Geschlechtsverkehr hatte (1378), die unerlaubte Bischofsweihe (1382), oder der Bruch des Beichtsiegels (1388).