Union fordert Aufklärung

Viele Fragen und Ungereimtheiten nach dem Jesuiten-Doppelmord in Moskau

Münster (DT) Am Donnerstagnachmittag haben Gläubige vor der russischen Botschaft in Berlin eine Mahnwache im Gedenken an zwei vor gut einer Woche in Moskau ermordete Jesuiten gehalten. Unter ihnen waren auch der Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer, sowie der Leiter des Katholischen Büros, Karl Jüsten. Die Bundestagsfraktion der Union forderte am Donnerstag von den russischen Behörden Klarheit über den Doppelmord. Nach bisherigen Informationen wurden der aus Ecuador stammende Victor Betancourt-Ruiz (42) und der Wolgadeutsche Otto Messmer (47) in ihrer Wohnung ermordet. Beide wurden offenbar erschlagen.

Die Jesuiten waren Projektpartner des Hilfswerks Renovabis. Wegen des Verdachts auf ein Gewaltverbrechen schalteten sich umgehend die Kriminalpolizei und sogar die Administration von Präsident Dimitrij Medwedjew in die Ermittlungen ein. Das sieht auf den ersten Blick nach vorbildlicher Ermittlungsarbeit aus. Verlässliche Informationen über die Gräueltat zu bekommen, ist schwierig. Nach Informationen von Pater Igor Kowalewski, Sprecher der Erzbischöflichen Kurie, ist Betancourt-Ruiz am 25. Oktober in der Wohnung der Jesuiten erschlagen worden. Danach kam Messmer zwei Tage später, nach neueren Erkenntnissen wahrscheinlich einen Tag später, von einer internationalen Tagung in Madrid zurück und wurde beim Eintritt in die Wohnung ebenfalls auf brutale Weise erschlagen. Trifft das zu, dann hätten der oder die Täter auf ihr zweites Opfer gezielt gewartet, um es zu töten.

Und wie sieht die Moskauer Lesart aus? Den Ermittlern zufolge sind die beiden Jesuiten an Schädel-Hirn-Traumata im Zusammenhang mit einem internen Streit gestorben. Jedenfalls verbreitet das die als seriös geltende Tageszeitung Njesawisimaja Gaseta, die sich ihrerseits auf die Nachrichtenagentur Interfax beruft und hinzufügt: „Jedenfalls wurden in der Wohnung an der Petrowka Spuren eines Trinkgelages und inoffiziellen Informationen zufolge gebrauchte Präservative gefunden.“ Die als anerkannt geltende Zeitung erklärt die Hintergründe des Vorfalls in ihrer weiteren Berichterstattung einfach für „banal“ und beschuldigt die Ermordeten: „Geistliche sind Menschen, deren Leben sich mitunter in keiner Weise vom Leben der übrigen Menschen unterscheidet“, heißt es da unterstellend. Das Blatt scheut sich nicht, den Mord in einen Kontext mit der Russen-Mafia zu stellen, in die auch andere katholische Ordensleute involviert seien.

Klar ist auch, wohin die Stoßrichtung der Polemik zielt: Die Gesellschaft Jesu als „einst mächtigste katholische Organisation“ habe, so behauptet die Njesawisimaja Gaseta, mit der Zeit an Einfluss verloren. Seit langem hätten die Jesuiten sich einer Erstarrung unterworfen und seien schon längst nicht mehr jene erzieherischen „Ritter des Heiligen Stuhls“ der Zeiten von Ignatius von Loyola. Die große Konkurrenz des Ordens stelle in Russland das Opus Dei dar, das bereits viele Jahre in Moskau wirke und dort genauso wie die Jesuiten mit Mitteln der katholischen Kirche private Wohnungen erworben habe, in denen die katholische Laienorganisation ihre Büros unterbringt.

Nach Angaben von Interfax haben die Ermittler einen Verdächtigen, einen 38-jährigem Mann aus dem Gebiet Twer bei Moskau, festgenommen, der die beiden Morde angeblich bereits zugegeben hat. Der Arbeitslose, der sein Geld durch Prostitution verdient haben soll, hat laut Agentur Interfax, die sich auf ungenannte Polizeikreise beruft, auf Betancourt mehrfach mit einem Messer eingestochen und ihn mit einer Vase auf den Kopf geschlagen. Danach soll er sich weiter in der Wohnung aufgehalten haben, bis Messmer von einer Auslandsreise heimkehrte.

Seit langem ist bekannt, dass es in Russland eine wachsende Gewaltbereitschaft gegen viele christliche Gruppierungen gibt. In Russland selbst stellt sich die Frage, die kürzlich das Hilfswerk „Kirche in Not“ formulierte: Wieviele Opfer braucht es noch, damit sich dort grundlegend etwas ändert?