Unermüdlicher Mahner an das Gewissen

Zum 75. Geburtstag von Joachim Kardinal Meisner

Würzburg (DT) Als die Bild-Zeitung der Nation im April 2005 bescheinigte „Wir sind Papst“ kam in den Medien als einer der ersten der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner zu Wort. Am Gewicht seiner Stimme im Konklave zweifelten nicht einmal jene Kommentatoren, die ihn zuvor bisweilen rau angefasst hatten. Schon vor der Papstwahl verkörperte der Erzbischof, der am 25. Dezember 75 Jahre alt wird, als Freund Kardinal Ratzingers und enger Vertrauter Johannes Pauls II. eine Brücke zwischen der katholischen Kirche in Deutschland und dem Petrusamt. Das unterschied ihn von den teilweise recht provinziellen Sichtweisen mancher Mitbrüder in der Bischofskonferenz und den Los-von-Rom-Theologen an den katholischen Fakultäten.

Seit dem Tod des mediengewandten Fuldaer Erzbischofs Johannes Dyba im Jahr 2000 ist es in erster Linie der Konsequenz Meisners zu verdanken, dass die Stimme der katholischen Kirche in Deutschland für den Schutz des Lebens in der Öffentlichkeit nicht untergegangen ist. Der Lohn seiner Mühe kommt heute unter anderem den nordrhein-westfälischen Schwangerenberatungsstellen des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und der Caritas zugute. Meisner unterstützte die Musterklage des SkF wegen der Förderung von dreien seiner Schwangeren- und Familienberatungsstellen in Nordrhein-Westfalen und einer Beratungsstelle in Niedersachsen. Diesen wurde die öffentliche Förderung entzogen, nachdem die katholische Kirche 2000 das staatliche System der Schwangerschaftskonfliktberatung verlassen hatte. Im Juli 2004 urteilte das Bundesverwaltungsgericht Leipzig, dass staatlich anerkannte Schwangerenberatungsstellen generell Anspruch auf angemessene öffentliche Förderung haben – unabhängig davon, ob die Einrichtungen den für eine straffreie Abtreibung erforderlichen Beratungsschein ausstellen.

Die Debatte um das „C“

Auch die Debatte um das „C“ der Unionsparteien ist dank seiner Wortmeldungen nicht eingeschlafen – ein Umstand, der ihm neben öffentlicher Kritik auch viel Anerkennung der Gläubigen einbringt.

Meisners Biografie hat ihn gegen binnenkirchliche Nabelschau immunisiert. Neben Krieg und Vertreibung hat der Kardinal auch die leidvolle jüngste Geschichte der Christen in Europa durchlitten. Als Weihbischof in Erfurt und als Bischof in Berlin stand Meisner in engem Kontakt mit den verfolgten Christen in Osteuropa. Die Erfahrung, von einem totalitären Regime für das katholische Bekenntnis diskriminiert zu werden, hat Meisner, der in der DDR mit Rücksicht auf die Ausbildung seiner jüngeren Geschwister erst eine kaufmännische Lehre absolvierte, ehe er ins Erfurter Priesterseminar ging, geprägt. Treue zu Rom und persönliche Frömmigkeit sind für den Kardinal Identitätsfragen. Das spüren die Gläubigen unabhängig von Alter und Bildungsgrad. Der Marienverehrer Meisner, der auf Pilgerfahrten mit den Gläubigen im stillen Gebet vor einem Gnadenbild verharrt, erinnert viele an den tief in der katholischen Volksfrömmigkeit verwurzelten Johannes Paul II..

Nüchterne Einschätzung

Bis heute zeichnet den gebürtigen Breslauer ein scharfer Blick für ein selbstzufriedenes Wohlstandschristentum, unglaubwürdige Politiker und überdimensionierte binnenkirchliche Strukturen aus. Als Oberhirte einer der wohlhabendsten Diözesen der Welt hat er allerdings vergleichsweise überschaubare finanzielle Sorgen. Als Johannes Paul II. ihn im Dezember 1988 als Nachfolger von Kardinal Joseph Höffner zum Erzbischof von Köln ernannte und Meisner im Gehorsam akzeptierte, sah zunächst alles nach einer Vernunftehe aus. Doch die Kölner entdeckten mit sicherem Instinkt die pastorale Stärken ihres neuen Oberhirten, seine spontane Liebenswürdigkeit und tiefe Frömmigkeit. Die Nüchternheit des Kardinals mochte manchen in der ersten Euphorie nach der Wiedervereinigung allzu pessimistisch erscheinen. Meisner sah sich oft harter Kritik ausgesetzt. Doch zeigt sich rückblickend, dass er die geistlichen Altlasten des sozialistischen Regimes keineswegs dramatisiert hat. In den turbulenten neunziger Jahren hat der Kölner Erzbischof die Deutschen frühzeitig vor dem unmenschlichem Gesicht einer entchristlichten Gesellschaft gewarnt, deren Folgen sich heute in der zunehmenden Aushöhlung des Lebensschutzes, der Gender-Ideologie und der Abwertung der traditionellen Familie äußern. Recht behalten hat Meisner auch mit seinen unbequemen Prognosen für die Situation der Christen: Dass Deutschland ein Missionsland geworden ist und die Gefahr des Kommunismus nicht mit dem Fall der Mauer gebannt war, ist heute nicht mehr zu bestreiten.

In seinem Erzbistum hat der Kardinal die Weichen auf die Weltkirche hin gestellt. Sein größter Erfolg war der Weltjugendtag mit Benedikt XVI. im Sommer 2005. Doch auch die Ansiedlung geistlicher Bewegungen und die Domwallfahrt veranschaulichen heute die Bandbreite der Kölner Ortskirche. Wie Benedikt XVI. fördert auch Meisner mit viel Herzblut den ökumenischen Dialog mit den orthodoxen Christen, denen er mehrere nicht mehr genutzte Kirchen überlassen hat. Akzente setzen dürfte der Kardinal, der auf Wunsch des Papstes über die Altersgrenze von 75. Jahren hinaus im Amt bleibt, noch in der Diskussion um einen Fernsehsender der Bischofskonferenz. Schon mit der Gründung des Domradios hat das Erzbistum Pionierarbeit geleistet. Und mehr als ein Bischof aus dem In- und Ausland fragt schon einmal in der Medienstadt Köln nach, wie sich die Kirche dort in Funk und Fernsehen etabliert hat.