„Uneingeschränkte Autonomie“

Eichstätter Hochschule: Uni-Senat fordert bayerische Bischöfe heraus

Rom (DT) Hochschul-Krimi im Altmühltal: Nachdem Bischof Gregor Maria Hanke von Eichstätt als Vorsitzender des Stiftungsrats der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt am vergangenen Mittwoch in einem Brief an die Lehrenden und Studierenden dazu aufgerufen hatte, gemeinsam in einem geregelten Verfahren die vakante Stelle des Hochschulpräsidenten zu besetzen (DT vom 12. Juni), hat der aus acht Personen bestehende Senat der Universität am gleichen Tag eine scharfe Note formuliert. In ihr fordern die Professoren vom kirchlichen Träger der Hochschule „uneingeschränkte Autonomie“. Sie beschweren sich nochmals über die Nicht-Ernennung des vom Hochschulrat gewählten Präsidenten Ulrich Hemel und fordern den Bischof als obersten Dienstherrn der Universität dazu auf, bei der nach dem Rücktritt des bisherigen Vizepräsidenten Stefan Schieren notwendigen Benennung eines kommissarischen Hochschulpräsidenten auf einen Kandidaten aus den Reihen der Universität zurückzugreifen. Die Erklärung des Senats richtet sich ausdrücklich an den Erzbischof von München und Freising und Vorsitzenden der bayerischen Bischöfe, die gemeinsam Träger der katholischen Hochschule sind, und an Bischof Hanke. Mit Ausnahme der Philosophisch-Pädagogischen Fakultät haben sich alle Dekane der Universität der Stellungnahme des Senats angeschlossen.

Das Mitwirkungsrecht des Trägers – ein legitimer Anspruch

Eine uneingeschränkte Autonomie gibt es jedoch an keiner Hochschule in Deutschland, sei diese eine Stiftungsuniversität oder eine staatliche Hochschule. Im Falle Eichstätts käme eine solche Forderung dem Verlangen gleich, von der kirchlichen Stiftung jeden Monat das Gehalt zu beziehen, ansonsten aber machen zu können, was man wolle. In der Erklärung des Senats ist von einem „grundsätzlich freien Raum für Forschung und Diskussion“ die Rede. Dieser freie Raum „macht es auch nötig“, heißt es in der Note weiter, „dass die Universität sich als Ganzes wie in ihren Gliedern wesentlich selbst verwalten darf; insbesondere sucht sie selbst ihre Professoren aus und wählt ihren Präsidenten. Eine Universität bewegt sich in einem komplexen Geflecht mächtiger Interessen: finanzielle Zwänge, sich rasch ändernde gesetzliche und verwaltungstechnische Vorgaben, vehemente Ansprüche aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, berechtigte Erwartungen der Studierenden und last not least die legitimen Ansprüche ihres Trägers. Nur eine autonome Selbstverwaltung gibt ihr wenigstens eine Chance, die Erfordernisse einer freien und möglichst exzellenten Forschung wie Lehre in diesem Geflecht zur Geltung zu bringen.“

Zu den „legitimen Ansprüchen“ des Trägers, von denen die Professoren in ihrer Erklärung sprechen, gehört allerdings nach bayerischem Hochschulrecht ein Mitwirkungsrecht des Trägers bei der Bestellung des Hochschulpräsidenten und der Mitglieder des Hochschulrats. Auch an der kirchlichen Universität Eichstätt gilt eine vollkommene Freiheit von Forschung und Lehre und das Recht auf akademische Selbstverwaltung. Bei der Zusammensetzung der Hochschulleitung, bei der es nicht nur um die akademische Freiheit und Selbstverwaltung, sondern auch um strategische Entscheidungen und die Grundanliegen des Trägers geht, müssen jedoch die Organe der Stiftung und der Universität zusammenarbeiten. Dass nun der Eichstätter Professoren-Senat eine völlige Autonomie und Unabhängigkeit von der Kirche fordert, dürfte ein Schritt sein, der die bayerischen Bischöfe eher reizen als zur Zusammenarbeit bewegen dürfte.

Auch über die Weigerung Bischof Hankes, den Manager und Religionspädagogen Hemel zum Universitätspräsidenten zu ernennen, klagen die Professoren: Der Senat gebe „seiner Bestürzung über diesen Vorgang Ausdruck“, heißt es in dem Text. „Nach unserer Überzeugung haben alle Mitglieder des Hochschulrates die Bewertung, Diskussion und Auswahl der Bewerber mit großer, verantwortungsbewusster Sorgfalt betrieben. Der Senat legt auch Wert auf die Feststellung“, so die Erklärung weiter, „dass der Bischof als Vorsitzender des Stiftungsrats mit Abschluss der Bewerbungsfrist über sämtliche Bewerber und in der Folge dann jeweils über die weiteren Auswahlschritte unterrichtet wurde. Wir halten es für einen Vorgang ohne Präzedenz, dass ein streng nach dem vorgeschriebenen Verfahren gewählter Präsident nicht ernannt wird, ohne dass das Wahlorgan auch nur über die maßgeblichen Gründe für diese Verweigerung unterrichtet wird. Hochschulrat wie Senat wurden durch diesen Vorgang schwer brüskiert.“

Auch der beleidigte Ton dieses Absatzes der Erklärung dürfte bei den bayerischen Bischöfen nicht werbend wirken, zumal der Vorsitzende des Hochschulrats Bischof Hanke bestätigt hat, bei der Ablehnung Hemels völlig korrekt gehandelt zu haben. Nachdem Hanke die Nicht-Ernennung dem gewählten Kandidaten am 8. Mai persönlich mitgeteilt hatte, war der Bischof einen Tag darauf mit den Professoren der Hochschule zusammengekommen, um seine Entscheidung zu erläutern. Wie Teilnehmer berichten, sprach der Bischof vor der Versammlung von dem mangelnden wissenschaftlichen Profil Hemels. Seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen bestünden mit Ausnahme der Dissertation und der Habilitation seit 1988 ausschließlich aus kurzen und kürzeren Aufsätzen, die nicht im engeren Sinne wissenschaftlich seien. Seine letzte größere Veröffentlichung, so erläuterte Hanke damals, sei 2005 ein Ratgeberbuch für Manager gewesen, das aber ebensowenig wie sein in Kürze erscheinender Karriere-Ratgeber nicht als wissenschaftliche Veröffentlichung gewertet werden könne.

Zudem wies Hanke vor den Professoren darauf hin, dass sich Hemel nach seiner Habilitation über ein Dutzend Mal vergeblich in ganz Deutschland um eine ordentliche Professur beworben habe. An keiner der vielen Universitäten sei er erfolgreich gewesen, weswegen er nach dem Ende seines befristeten Oberassistentenverhältnisses an der Universität Regensburg 1992 in die Wirtschaft gewechselt sei. Die Grundordnung der Hochschule, sagte Hanke damals, sehe aber vor, dass der Präsident oder die Präsidentin in der Regel über Erfahrungen aus einer ordentlichen Universitätsprofessur verfügen solle. Gerade auf dem Weg zu einer Exzellenzuniversität erscheine seitens des Stiftungsrates die Erfüllung dieser Anforderung unerlässlich, so der Bischof vor dem Professorium.

Hemel wollte Aufsichtsratposten nicht aufgeben

Hanke räumte damals ein, dass Hemel kurz vor seinem Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender der Hartmann AG vom Unternehmensberaterverband BDU zum „Manager des Jahres“ 2003 gewählt worden sei. Dennoch habe sich ausgerechnet dieses Unternehmen unmittelbar danach im Zerwürfnis von Hemel getrennt. Im wesentlichen Teil seiner Managementlaufbahn sei dieser als Berater tätig gewesen. So habe er auf Bitten der Universität nachträglich eine Liste mit allen wirtschaftlichen Beiräten und Mandaten eingereicht. Laut dieser Liste, erläuterte Hanke den Professoren, sei er in mindestens sieben Unternehmen Aufsichtsrat, Gesellschafter oder Beirat, was er, wie sein Schriftwechsel mit der Stiftungsverwaltung belege, weiter aufrecht erhalten wollte. Bischof Hanke unterstrich damals vor den Professoren seine Überzeugung, dass eine intensive Konzentration auf die zahlreichen Aufgaben, die die Präsidentschaft an der Universität Eichstätt-Ingolstadt beinhalte, für die Perspektive der Universität unbedingt erforderlich sei und sich nicht mit den zahlreichen nebenberuflichen Tätigkeiten des abgelehnten Kandidaten Hemel vertrage.

Nachdem der Senat der Universität Eichstätt die in seinem Brief vom vergangenen Mittwoch ausgestreckte Hand Hankes nicht ergriffen, sondern am gleichen Tag eine kämpferische Gegenerklärung verabschiedet hat, ist zu erwarten, dass der Bischof nun erst recht einen auswärtigen Fachmann als kommissarischen Hochschulpräsidenten benennen wird, der moderierend das Verhältnis zwischen Universität und kirchlichem Träger normalisieren soll.