„Und Sie, was tun Sie für Jesus?“

Ein Symposion in Graz erhellt die Berufung und die Theologie, die „Nacht der Seele“ und die bleibende Aktualität Mutter Teresas Von Stephan Baier

Graz (DT) Wie ein Blitz leuchtete in einer simplen Frage das Charisma von Mutter Teresa auf, als der Bischof von Graz-Seckau, Egon Kapellari, die Geschichte von einem Kärntner Priesteramtskandidaten erzählte, der in einer Berufungskrise aus dem Seminar entfloh, um den Sinn seines Lebens im fernen Indien zu suchen. Stundenlang sei er in einem alten Bus neben Mutter Teresa gesessen, die nicht viel sagte, aber viel Rosenkranz betete. Irgendwann blickte Mutter Teresa ihn an und fragte: „Und Sie, was tun Sie für Jesus?“ Diese Frage traf den jungen Mann ins Herz. Er kehrte ins Priesterseminar zurück, wurde geweiht und ist heute ein weithin geschätzter Seelsorger.

Das Symposion, das der Grazer Pfarrer Hermann Glettler am vergangenen Freitag rund um seine Kirche abhielt, hob das Wirken, die Berufung und die Spiritualität Mutter Teresas aus verschiedenen Blickwinkeln, und dennoch in verdichteter Weise ins Wort. Glettler verwies darauf, dass die vor hundert Jahren in Skopje geborene Selige einerseits die am meisten geehrte und ausgezeichnete Person des vergangenen Jahrhunderts gewesen sei, andererseits aber selbst immer die dreckigste Arbeit, etwa das Reinigen der Toiletten, übernahm. Ihre Kraftquellen seien die Heilige Messe und die Anbetung gewesen, weshalb das Grazer Symposion über „Person und Lebenswerk von Mutter Teresa“ auch mit der Eucharistiefeier und einer eucharistischen Anbetung begann.

Bischof Kapellari würdigte Mutter Teresas Orden, die „Missionarinnen der Nächstenliebe“, bei denen auch drei Frauen aus seiner Diözese eintraten, als „weithin wärmendes und leuchtendes Licht“. Mutter Teresa habe ein weltweites Netz der Barmherzigkeit ausgeworfen, meinte der steirische Bischof. Der österreichische Caritas-Präsident Franz Küberl bezeichnete die Selige als „sehr großes Vorbild auch für die organisierte Caritas“. Als „Ingredienzien der Strategie Mutter Teresas“ nannte Küberl das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe, den Gehorsam gegenüber den Armen und die Radikalität der Hingabe. Sie habe „jenen am Rande gezeigt, dass sie von Gott erwünschte Menschen sind“. Dazu müsse man nicht nach Kalkutta fahren, sondern könne auch an den Roma an der eigenen Kirchentüre denken, so Küberl. „Es ist nicht immer leicht, im anderen das Antlitz Jesu zu sehen.“ Mutter Teresa sei es „nicht nur um die Sachgerechtigkeit der Hilfe, sondern um die Qualität der Liebe“ gegangen. Sie habe „die Option für die Armen in der Kirche massenwirksam gemacht“, meinte der Caritas-Präsident. Küberl wörtlich: „Die eigentliche Bombe, die Mutter Teresa der Kirche gelegt hat, ist: mit und unter den Armen zu leben.“

Die Vinzentinerin Schwester Roswitha Bauer, Gründerin und Leiterin des interkulturellen Kindergartens in Graz, beschrieb Mutter Teresa, die Selige zitierend, als „Kontemplative in der Welt“. Die eigenen Eltern seien ihr Vorbild im Gebet wie in der Großherzigkeit gegenüber den Armen gewesen. „Alle ihre Entscheidungen erwog Mutter Teresa von Kindheit an im Gebet“. Auch heute sei für die „Missionarinnen der Nächstenliebe“ die intensive Zeit der Stille vor dem Tabernakel eine Kraftquelle, ohne die vieles nicht möglich wäre. Das Gebet sei die Grundlage für das weltweite Apostolat Mutter Teresas und ihrer Schwestern. Schwester Roswitha Bauer belegte dies mit einem Wort Mutter Teresas: „Ohne Gott sind wir zu arm, um den Armen wirklich zu dienen.“

Der Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, Leo Maasburg, hatte Mutter Teresa sieben Jahre als Dolmetscher, Berater und Beichtvater auf Reisen begleitet. Er schilderte in Graz die „Berufung in der Berufung“ der Seligen, ihre mystische Begegnung mit Jesus 1946, in der sie das Wort Jesu am Kreuz, „Mich dürstet“, als „Durst des Herrn nach der Liebe seiner Geschöpfe“ deutete. Mutter Teresa habe diesen Durst Jesu aus vollem Herzen stillen wollen.

Ihr Dienst habe immer Jesus gegolten: dem Jesus in der Eucharistie und dem Jesus, der sich mit dem Geringsten seiner Brüder, dem Armen und von der Gesellschaft Ausgestoßenen, identifiziert. Andere Menschen habe sie aufgefordert, die Ärmsten der Armen in der eigenen Familie und am eigenen Ort zu suchen.

Maasburg, der auch am Seligsprechungsverfahren mitgewirkt hatte, wandte sich dagegen, die mystische „Nacht der Seele“ als „Glaubenszweifel“ Mutter Teresas zu deuten. Es gehe vielmehr um eine „große Schatztruhe des redemptiven Leidens“, also um die Teilnahme am Erlösungswerk Jesu durch das eigene Leid und Opfer. „Dieses redemptive Leiden ist ein Geheimnis zwischen Gott und der Seele“, so Maasburg. Mutter Teresa habe dieses Leid ganz angenommen.

Der kosovarische Priester Marian Marku erinnerte daran, dass Mutter Teresas Entscheidung für den Eintritt in den Loreto-Orden am Hochfest Mariä Himmelfahrt bei einer Wallfahrt zur Madonna von Letnica im Kosovo gefallen sei. Die Jesus-Begegnung am 10. September 1946 mit der Offenbarung „Seines Durstes“ sei nur „im Kontext des Kalvarienberges“ zu erklären: „Jesus ist Gott. Deshalb sind seine Liebe und sein Durst unendlich.“