Um Schaden abzuwenden

Pater Hermann Geißler gibt sein Amt in der Glaubenskongregation auf, will aber eine kirchenrechtliche Klärung der Belästigungs-Vorwürfe. Von Guido Horst

Verwarnt, aber nicht schuldig: Pater Hermann Geißler FSO.
Verwarnt, aber nicht schuldig: Pater Hermann Geißler FSO. Foto: IN

Die offizielle Erklärung des Vatikans ist so kurz, dass Nicht-Eingeweihte nicht verstehen können, was die eigentlichen Gründe für diese Personalie sind. Über das Presseamt des Heiligen Stuhls ließ die Glaubenskongregation am Dienstag die Erklärung verbreiten, dass der langjährige Mitarbeiter und Amtschef der Lehrabteilung der Kongregation, Pater Hermann Geißler FSO, einen Tag zuvor den Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre gebeten habe, „seinen Dienst zu beenden“. Der Präfekt, Kardinal Luis Ladaria, so die Erklärung weiter, „hat dieser Bitte entsprochen. Pater Geißler hat sich zu diesem Schritt entschlossen, um weiteren Schaden von der Glaubenskongregation und von seiner Gemeinschaft abzuwenden. Er bekräftigt, dass die gegen ihn vorgebrachte Beschuldigung unwahr ist. Er legt Wert auf eine Fortsetzung des bereits eingeleiteten kirchenrechtlichen Verfahrens. Darüber hinaus behält er sich rechtliche Schritte vor.“ Als erstes Medium hat „Die Tagespost“ am Montag online über den Rücktritt Geißlers berichtet.

Eine Woche zuvor hatte die amerikanische Online-Zeitung „National Catholic Reporter“ gemeldet, dass die Glaubenskongregation Vorwürfe sexueller Belästigung gegen einen eigenen Mitarbeiter untersuche. Sie berief sich dabei auf den kommissarischen Vatikansprecher Alessandro Gisotti, demzufolge der betreffende Priester „unter Untersuchung durch die Oberen der Glaubenskongregation“ stehe, „die sich entsprechende Schritte vorbehalten“.

Die ehemalige Ordensfrau Doris Wagner, verheiratete Reisinger.
Die ehemalige Ordensfrau Doris Wagner, verheiratete Reisinger. Foto: IN

Die Frau, die die Vorwürfe erhebt, ist die ehemalige Ordensschwester Doris Wagner, heute Reisinger, die derselben Gemeinschaft wie Pater Geißler, der geistlichen Familie „Das Werk“, angehörte. Seit 2012 bezichtigt sie den Pater, in der Beichte übergriffig geworden zu sein. Sie tat das erst nicht offen, sondern nur in Andeutungen, da sie keine Beweise vorbringen konnte und Pater Geißler diese Behauptung von vorneherein nachdrücklich bestritt.

Erst für einen Artikel der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom vergangenen September machte sie Geißler als den von ihr Beschuldigten eindeutig kenntlich. Im Februar 2014, so hieß es dort, habe ihr die Glaubenskongregation mitgeteilt, der Pater sei „wegen seines unklugen Verhaltens in zwei Fällen“, die er zugegeben und für die er sich entschuldigt habe, „verwarnt und darüber hinaus ermahnt“ worden, „künftig mit Klugheit und Bedacht zu handeln“. Tatsächlich aber hat die Glaubenskongregation ihren Mitarbeiter damals nicht schuldig gesprochen.

Was zwischen Geißler und und der Schwester vorgefallen war, wurde dort vor sechs Jahren von dem damaligen „Promotor Iustitia“ (Anwalt) für „schwerwiegende Delikte“, Monsignore Charles Scicluna, und dem damaligen Untersekretär der Kongregation, Monsignore Damiano Marzotto untersucht. Das Ergebnis der Untersuchung fiel für Pater Geißler entlastend aus und Papst Franziskus wurde davon unterrichtet.

Pater Hermann, Tiroler Bauernsohn, Jahrgang 1965 und 1991 zum Priester geweiht, gehört der Gemeinschaft „Das Werk“ seit 1988 an. Der damalige Glaubenspräfekt Joseph Kardinal Ratzinger nahm Geißler 1993 als Mitarbeiter in die Glaubenskongregation auf und ernannte ihn schließlich 2009 zum Amtschef (Capo Ufficio) für Glaubensfragen.

Doris Wagner erhebt schon seit Jahren Beschuldigungen gegen „Das Werk“. Sie hatte vor dem Jahr 2012 hintereinander sexuelle Beziehungen mit zwei Priestern ihrer Gemeinschaft. Die Beziehung mit dem ersten Priester bezeichnete sie im Nachhinein als Vergewaltigung, den zweiten heiratete sie später. Als die deutsche und dann auch die österreichische Staatsanwaltschaft den Vergewaltigungsvorwurf für unbegründet erklärten, weil es sich um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr von zwei Erwachsenen gehandelt habe, wandte sie sich vor fünf Jahren mit dem Buch „Nicht mehr ich“ an die Öffentlichkeit, in dem sie unverändert die erste Beziehung als Vergewaltigung bezeichnete. Um ihre These, dass die Besonderheiten dieses Ordens diesen angeblichen Missbrauch befördert hätten, nicht zu gefährden, verschwieg sie in diesem Buch, dass ihre zweite sexuelle Beziehung ebenfalls einen Priester derselben Gemeinschaft betraf, den sie aber dann heiratete.

Nun hat die Frau unter ihrem früheren Namen Doris Wagner im Herder-Verlag ein weiteres Buch herausgegeben, das über geistlichen Missbrauch handelt. Durch ihre Buchveröffentlichungen, Aufsätze, unter anderem in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“, Vorträge sowie einen Film und Interviews hat sie heute einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt.

Die Missbrauchskrise, die die Kirche spätestens seit dem vergangenen Sommer erneut erschüttert und Anlass für ein Treffen der Spitzen aller Bischofskonferenzen der Welt mit dem Papst und Kurienvertretern im Vatikan Ende Februar ist, bildet einen Resonanzboden für die Vorwürfe der ehemaligen Ordensfrau und ihre Beschuldigung des nun von seinem Amt zurückgetretenen Paters Geißler.