Über die Sehnsucht nach dem Guten

Der Heilige Vater betrachtet die Begegnung des Zöllnes Zachäus mit Jesus: Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters beim Angelus am 31. Oktober 2016

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Im heutigen Evangelium ist von einem Ereignis die Rede, das sich in Jericho zugetragen hat, als Jesus in die Stadt kam und von der Menge begrüßt wurde (vgl. Lk 19, 1–10). In Jericho lebte Zachäus, der oberste der „Zollpächter“, das heißt der Steuereinnehmer. Zachäus war ein reicher Mitarbeiter der verhassten römischen Besatzer, jemand, der sein Volk ausbeutete. Auch er war neugierig und wollte Jesus sehen, doch die Tatsache, dass er ein öffentlicher Sünder war, gestattete ihm nicht, sich dem Meister zu nähern; zudem war er klein von Wuchs, und daher steigt er auf einen Maulbeerfeigenbaum, der an der Straße stand, auf der Jesus vorbeikommen musste.

Als Jesus in die Nähe des Baums kommt, schaut er hinauf und sagt: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein“ (V. 8). Wir können uns vorstellen, wie erstaunt Zachäus war! Doch warum sagt Jesus, „ich muss“ heute in deinem Haus zu Gast sein? Um welche Pflicht handelt es sich da? Wir wissen, dass es seine höchste Pflicht ist, den Plan des Vaters mit der ganzen Menschheit zu verwirklichen, der sich in Jerusalem mit seiner Verurteilung zum Tod, der Kreuzigung und am dritten Tag mit der Auferstehung erfüllt.

Den Blick weiten und wahrhaft sehen lernen

Es ist der Heilsplan der Barmherzigkeit des Vaters. Und zu diesem Plan gehört auch das Heil des Zachäus, eines unehrlichen und von allen verachteten Mannes, der daher der Bekehrung bedarf. In der Tat heißt es im Evangelium, dass die Leute sich empörten, als Jesus ihn rief, „und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt“ (V. 7). Das Volk sieht in ihm einen Gauner, der sich an seinen Mitmenschen bereichert hat. Und wenn Jesus gesagt hätte: „Komm herunter, Du Ausbeuter und Volksverräter! Komm sprich mit mir und lass uns miteinander abrechnen!“, dann hätte das Volk ihm sicher applaudiert. Stattdessen beginnen sie zu murren und sagen: „Jesus geht zu ihm nach Hause, zu dem Sünder, dem Ausbeuter“.

Von der Barmherzigkeit geleitet suchte Jesus gerade ihn. Und als er das Haus des Zachäus betritt, sagt er: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (V. 9–10). Der Blick Jesu geht über die Sünden und die Vorurteile hinaus. Und das ist wichtig! Das müssen wir lernen. Der Blick Jesu geht über die Sünden und die Vorurteile hinaus; er sieht den Menschen mit den Augen Gottes, der nicht beim vergangenen Bösen stehenbleibt, sondern das künftige Gute erahnt; Jesus findet sich nicht mit der Verschlossenheit ab, sondern öffnet immer, öffnet immer neue Lebensräume; er bleibt nicht beim äußeren Schein stehen, sondern blickt auf das Herz. Und hier hat er das verletzte Herz dieses Menschen gesehen: verletzt von der Sünde der Habgier, von vielen schlimmen Dingen, die dieser Zachäus getan hatte. Er sieht dieses verletzte Herz und geht dorthin.

Manchmal versuchen wir, einen Sünder zurechtzuweisen oder zu bekehren, indem wir ihm Vorwürfe machen, ihm sein unrechtes Verhalten und seine Fehler vorhalten. Die Haltung, die Jesus Zachäus gegenüber einnimmt, zeigt uns einen anderen Weg auf: den Weg, jemandem, der sich falsch verhält, seinen Wert aufzuzeigen, jenen Wert, den Gott trotz allem weiterhin sieht, trotz aller seiner Fehler. Das kann eine positive Überraschung hervorrufen, die das Herz erweicht und den Menschen dazu drängt, das Gute hervorzukehren, das er in sich hat. Den Menschen Vertrauen einzuräumen lässt sie wachsen und sich verändern. So verhält sich Gott uns allen gegenüber: Er lässt sich nicht von unserer Sünde zurückhalten, sondern überwindet sie mit der Liebe und lässt uns Sehnsucht nach dem Guten verspüren. Wir alle haben nach einem Fehler diese Sehnsucht nach dem Guten verspürt. Und so verhält sich Gott, unser Vater, so verhält sich Jesus. Es gibt keinen Menschen, der nicht etwas Gutes in sich hat. Und auf das blickt Gott, um ihn aus dem Bösen herauszureißen.

Die Jungfrau Maria helfe uns, das Gute in den Menschen zu sehen, denen wir täglich begegnen, damit alle ermutigt werden, das Bild Gottes aufscheinen zu lassen, das ihrem Herzen eingeprägt ist. Und so können wir uns über die Überraschungen der Barmherzigkeit Gottes freuen! Unseres Gottes, der der Gott der Überraschungen ist!

Vier Märtyrer des Spanischen Bürgerkriegs seliggesprochen

Nach dem Gebet des Angelus und vor den Grüßen an verschiedene Gruppen auf dem Petersplatz sagte der Papst:

Gestern wurden in Madrid die Märtyrer José Antón Gómez, Antolín Pablos Villanueva, Juan Rafael Mariano Alcocer Martínez und Luis Vidaurrázaga Gonzáles seliggesprochen, die im vergangenen Jahrhundert während der Verfolgungen gegen die Kirche in Spanien getötet wurden. Es waren Priester, die dem Benediktinerorden angehörten. Preisen wir den Herrn und vertrauen wir ihrer Fürsprache die Brüder und Schwestern an, die leider auch heute noch in verschiedenen Teilen der Welt aufgrund ihres Glaubens an Christus verfolgt werden.

Ich möchte der Bevölkerung in Mittelitalien, die von dem Erdbeben betroffen wurden, meine Nähe zum Ausdruck bringen. Auch heute morgen hat es einen starken Erdstoß gegeben. Ich bete für die Verletzten und die Familien, die größere Schäden erlitten haben, sowie auch für die Arbeiter, die ihnen Hilfe und Beistand leisten. Der auferstandene Herr schenke ihnen Kraft und die Gottesmutter beschütze sie.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller