Über die Menschlichkeit des Amtes

Eine verständliche Gesamtschau des Katholischen: Benedikt XVI. im Gespräch mit Peter Seewald. Von Michael Karger

Freut sich über Begegnungen: Der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist mit sich im Reinen. Foto: dpa
Freut sich über Begegnungen: Der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist mit sich im Reinen. Foto: dpa

Als Präfekt der Glaubenskongregation beherrschte Kardinal Ratzinger virtuos das Zusammenspiel von amtlichen Dokumenten, weltweit gehaltenen Vorträgen, wissenschaftlichen Aufsätzen, Predigten, Betrachtungen und zahlreichen flankierenden Pressegesprächen. Ein Weg, um seine Mission einer breiteren Öffentlichkeit verständlich zu machen, war das in Mode gekommene Medium des Interview-Buches. Dabei bediente sich der Präfekt zweimal des deutschen Journalisten Peter Seewald. Auf „Salz der Erde“ (1996) folgte „Gott und die Welt” (2000). Mit beiden Erfolgsbüchern gelang es dem Kardinal, sich und das Pontifikat von Johannes Paul II. aus der Defensive zu befreien.

Als sein eigenes Pontifikat massiv unter Druck geriet, setzte Benedikt XVI. 2010 erneut ein Seewald-Interview-Buch – „Licht der Welt“ – als Befreiungsschlag ein. „Mit einem Mal gilt der zuvor so Hochgelobte“, schrieb Seewald damals, „als Papst ohne ,Fortune‘, jemand der die halbe Welt gegen sich aufbringt. Die Kommentare sind katastrophal.“ Benedikt selbst bezeichnete diese Phase seiner Amtszeit im Interview als „große Skandalperiode“ (Neuformulierung der Karfreitagsbitte, Regensburger Rede, Missbrauch Schutzbefohlener durch Priester, die Affäre um den Lefebvre-Bischof Williamson).

Fast vier Jahre nach seinem überraschenden Rücktritt vom Petrusamt legen Benedikt XVI. und Seewald mit „Letzte Gespräche“ nun ein viertes gemeinsames Interview-Buch vor. Dabei hat sich die Rolle Seewalds über die Jahre verändert: Aus dem freien Autor, der einen modernen Menschen repräsentiert, der zum Glauben zurückgefunden hat, wurde seit der Wahl von Joseph Ratzinger 2005 der Papstexperte Seewald. Benedikt XVI. wurde fast sein alleiniger Gegenstand, wenn man von seinem siebenhundertseitigen Jesusbuch („Jesus Christus. Die Biographie“, 2009) einmal absieht. Über die Entstehungsgeschichte des Buches sagt Seewald im Vorwort, dass die Unterredungen „kurz vor und nach Benedikts Rücktritt als Hintergrundgespräche für die Arbeit an einer Biografie geführt“ worden sind. Der insgesamt 286 Seiten umfassende Band beginnt mit einer Art Homestory über das heutige Leben von Benedikt im Kloster „Mater Ecclesiae“ innerhalb der Mauern des Vatikans. Darauf folgt die Rekapitulation des Rücktritts und seiner Motive. Am umfangreichsten sind die Dialoge zur Biografie von der Kindheit bis einschließlich der Zeit als Kurienkardinal.

„Emotional reagiert Benedikt rückblickend auf die damalige Kritik an der Neuformulierung der Karfreitagsbitte“

Im Vorwort weist Seewald ausdrücklich darauf hin, dass der Text „vom emeritierten Papst gelesen und für diese Ausgabe freigegeben“ wurde. Gemeinsam verfolgen Benedikt XVI. und Seewald drei Ziele: Der Rücktritt vom Petrusamt soll erklärt werden, die Verantwortlichen für die Affären des Pontifikats sollen benannt werden und die Übereinstimmung Benedikts mit seinem Nachfolger soll dokumentiert werden. Den letzten Punkt kann man am schnellsten abhandeln: Sieht man von einem dezenten Hinweis auf den autoritären Führungsstil von Papst Franziskus ab („Ich habe ihn als sehr entschiedenen Mann kennengelernt, der in Argentinien sehr entschieden sagte, das geschieht und das geschieht nicht“), äußert sich Benedikt über seinen Nachfolger nur positiv, um nicht zu sagen euphorisch. Über den Rücktritt erfährt man, dass er seit August 2012 feststand, und dass der Termin so gewählt wurde, dass der Nachfolger genügend „Vorlauf“ im Hinblick auf den Weltjugendtag in Rio 2013 haben würde. Seinen als vollkommen frei bezeichneten Schritt begründet Benedikt damit, dass ein Papst, der mit 78 Jahren gewählt worden ist, in dem Moment, wenn seiner Meinung nach zur Amtsführung „die Fähigkeit nicht mehr da ist“, es für ihn „geboten ist“, dann „den Stuhl frei zu machen“. In diesem Zusammenhang weist Benedikt ausdrücklich auf die Resignationspflicht der Bischöfe mit 75 Jahren hin, die unabhängig vom Gesundheitszustand gilt. Wichtig ist die Unterscheidung von sakramentaler Sendung und Funktion, die Benedikt trifft und die wohl auch seinen selbst gewählten Status als „Papa emeritus“, einschließlich Kleidung und Anrede begründen soll: Was für alle Bischöfe gelte, dass gelte auch für das Petrusamt. Jeder Bischof ist „Träger einer sakramentalen Sendung“, diese zwinge ihn aber nicht, „ewig in der Funktion“ bleiben zu müssen. Er kann unter Umständen sein Amt abgeben, wobei das Sakrament „ihn weiter inwendig bindet“. Ebenso der Papst: Wenn er seine Funktionen nicht mehr ausüben kann, ist ein Rücktritt geboten, denn der Papst ist „kein Übermensch“, der „einfach durch sein Dasein schon zur Genüge tut“. Nach seinem Rücktritt bleibt er aber „in einem inneren Sinne in der Verantwortung“. Darum habe das Papsttum nach seinem Amtsverzicht „von seiner Größe nichts verloren“, auch wenn dadurch „die Menschlichkeit des Amtes“ deutlicher hervortrete. Ohne Zweifel sind dies die wichtigsten Aussagen des ganzen Buches. Mit der Gestaltung seines Abganges ist Benedikt zufrieden: „Also ich muss sagen, die Planung war schon gut. Im Nachhinein muss ich sie sogar noch besser finden, als mir das zunächst bewusst war.“

Auffällig emotional reagiert Benedikt auch noch rückblickend auf die damalige Kritik an der von ihm selbst verfassten Neuformulierung der Karfreitagsbitte für den alten Ritus: „Bis dahin wurde die alte Fürbitte gebetet, und ich habe sie, für diesen Kreis, durch eine bessere ersetzt. Aber das wollten die nicht, dass jemand das versteht.“ Mit „die“ sind „bestimmte Leute in Deutschland” gemeint. Sie hätten „immer schon versucht, mich abzuschießen. Sie wussten, dass es über Israel am leichtesten geht, und haben dann die Lüge montiert, dass da nun weiß Gott was gesagt sei: Ich muss sagen, das finde ich eine Ungeheuerlichkeit.“ Bereits im Interview-Buch „Licht der Welt“ hatte Benedikt eine „sprungbereite Feindseligkeit“ innerhalb der deutschen Kirche festgestellt, die „darauf wartet, auf den Papst einschlagen zu können“. Daneben wurde bereits in „Licht der Welt“ der Papst von Seewald als Opfer der Medien bezeichnet: „Die ideologisch gefärbte Einseitigkeit und Aggressivität mancher Medienhäuser nahm hier allerdings die Form eines Propagandakrieges an.“ Diese Sichtweise wiederholt Seewald auch im neuen Dialogbuch: „Tatsächlich aber war das pausenlose Papst-Bashing führender Pressehäuser … eine der größten Belastungen des Pontifikats.“ Dabei habe es keine Rolle gespielt, „ob die Anschuldigungen auch wahr waren“.

Zum pauschalen Urteil Seewalds, dass „noch kein Papst der Neuzeit in seinem Herkunftsland so schlecht behandelt“ worden sei, darf man ergänzen, dass noch kein Papst mit einem solchen medialen Aufwand positiv begleitet worden ist wie Benedikt XVI. bei seinem Bayernbesuch. Beim Thema sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensleute kann Benedikt auf sein entschiedenes Eingreifen als Präfekt der Glaubenskongregation hinweisen: Er hat der Kleruskongregation die Zuständigkeit genommen und neue gesetzliche Grundlagen geschaffen. Um die vierhundert Priester wurden weltweit daraufhin aus ihrem Amt entlassen.

Am tiefen Misstrauen von Erzbischof Lefebvre gegenüber Rom sind die kurz vor dem Abschluss stehenden Verhandlungen mit Kardinal Ratzinger zur Wiederaufnahme der Traditionalisten in die Kirche gescheitert. Was ihm als Präfekt nicht gelungen war, wollte Benedikt als Papst verwirklichen. Ein Entgegenkommen Roms war die Aufhebung der Exkommunikation der unrechtmäßig geweihten Bischöfe der Priesterbruderschaft Pius X. Dass sich unter diesen Bischöfen auch der notorische Holocaust-Leugner Richard Williamson befand, erfuhr Benedikt aus der Presse, als es bereits zu spät war. Benedikt betrachtet sich auch hier als Opfer einer „Presseschlacht“ gegen sich persönlich: „Die Leute, die gegen mich waren, hatten endlich die Handhabe zu sagen, der ist untauglich und falsch an seinem Platz.“ Benedikt rechtfertigt sich damit, „dass ich wirklich einfach nicht informiert worden bin“.

Die meisten offenen Fragen hinterlässt beim Leser die Darstellung der von Benedikt als „Unglücksaffäre“ bezeichneten Vorkommnisse um den päpstlichen Kammerdiener Paolo Gabriele, in dessen Wohnung um die vierzig Kisten mit vertraulichen Dokumenten beschlagnahmt worden sind, die er vom Schreibtisch des Papstes weg fotokopiert und mitgenommen hat. Gabriele bezichtigte sich der Alleintäterschaft und wurde zu achtzehn Monaten Haft verurteilt. In der Haft, die Gabriele am 25. Oktober angetreten hatte, wurde der Kammerdiener am 22. Dezember vom Heiligen Vater besucht, woraufhin er noch am selben Tag entlassen wurde. Dazu Benedikt: „Mir war wichtig, dass gerade auch im Vatikan die Unabhängigkeit der Justiz gewahrt wird … Hernach kann der Monarch Gnade aussprechen, das ist etwas anderes.“ „Ich möchte seine Persönlichkeit nicht analysieren. Es ist eine merkwürdige Mischung, was man ihm so eingegeben hat oder er sich selbst eingegeben hat.“ Wer hat dem Kammerdiener was eingegeben? Nicht veröffentlicht wurde der umfangreiche Bericht der Untersuchungskommission. Währenddessen nimmt der Geschädigte an, „ … dass ein Mensch, aus welchen Gründen auch immer, sich eingebildet hat, er müsste da einen Skandal schaffen, um die Kirche zu reinigen“.

Gegenüber der Kirche in Deutschland kennt Benedikt keine Altersmilde. Glaubensferne „Berufskatholiken, die von ihrer Konfession leben“, hatte Benedikt schon in „Licht der Welt“ ausgemacht. Nun wendet er sich erneut gegen „angestellte Katholiken, die der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität“ gegenüberstünden. Als größte Gefahr der deutschen Kirche betrachtet Benedikt zu viele „bezahlte Mitarbeiter“, den „Überhang an Geld“ und eine daraus resultierende „ungeistliche Bürokratie“. Als Heilmittel empfiehlt er die „Entweltlichung“ durch Entzug der Kirchensteuermittel. Gezielt stellt der Emeritus darum die Kirchensteuerpraxis in Frage, wenn er „die automatische Exkommunikation derer, die sie nicht zahlen wollen“ für „unhaltbar“ erklärt.

„Immer zeigte

Benedikt die Neigung, öffentlichen

Kontroversen aus dem Weg zu gehen“

Im großen biografischen Teil findet man überwiegend weniger bedeutsame Ergänzungen zu den bereits aus der Autobiografie „Aus meinem Leben“ bekannten Fakten. Als „überzeugter Adenauerianer“ hatte der junge Professor in Bonn Anteil an der Aufbruchsmentalität im Nachkriegsdeutschland. Zeigt sich Benedikt gegenüber der deutschen Kirche kritisch, so offenbart der Konzilsrückblick Harmonisierungstendenzen. So will der Konzilsberater Ratzinger Kardinal Frings zwar „viele Korrekturen“ zu den offiziellen Dekretentwürfen der Kurie geschickt haben, will dabei aber das „Gewebe außer im Fall des Offenbarungsdekrets als Ganzes nicht angetastet“ haben. Im Zusammenhang der Entstehungsgeschichte der Offenbarungskonstitution vermittelt Seewald den unzutreffenden Eindruck, als sei der inoffiziell an die Konzilsväter verteilte Gegenentwurf allein von Ratzinger verfasst worden. Tatsächlich handelte es sich dabei aber um einen zu zwei Dritteln von Karl Rahner geschriebenen Text.

Während Seewald überzeichnet, wie etwa wenn er eine Kardinalsversammlung zur „Putschversammlung“ stilisiert, distanziert sich der greise Emeritus von seinen Sturm- und Drangjahren: „Ich wundere mich jetzt, mit welcher dreisten Tonart ich damals gesprochen habe.“

Immer zeigte Benedikt die Neigung, öffentlichen Kontroversen aus dem Weg zu gehen. Als er die Politisierung von Metz erkannte, wich er 1966 nach Tübingen aus, um die Konfrontation zu vermeiden. Als Hans Küng sich „immer mehr radikalisiert hatte“, schreckte er auch hier vor der Auseinandersetzung zurück und folgte einem Ruf an die neue bayerische Landesuniversität Regensburg. Was den Entzug der Lehrbefugnis von Hans Küng betrifft, sei seine Position gewesen, dass zwar klar gesagt werden müsse, dass Küng theologisch falsch liege, aber er habe „nie dazu geraten, gegen ihn Maßnahmen zu ergreifen“. Benedikt berichtet aber auch von einer Kardinalsversammlung in Anwesenheit von Papst Johannes Paul II., auf der der Fahrplan der Maßnahmen gegen Küng festgelegt wurde, dem alle Anwesenden bei Enthaltung des zuständigen Ortsbischofs Moser ausdrücklich zugestimmt haben. Trotzdem wundert sich Benedikt: „Warum gerade ich von ihm dann als Gegner identifiziert wurde, weiß ich nicht“.

Auffällig ist, dass die schwierigen Jahre des Diözesanbischofs in München (1977–1982) völlig ausgeblendet werden. Seewald fragt nur nach dem Konklave und der Wahl von Johannes Paul II. Letztlich gilt wohl für die Bischofsjahre das, was Benedikt als persönliche Schwäche seines Pontifikates benannt hat, „die klare, zielstrebige Regierungsführung“ und die „Entscheidungen, die da zu fällen sind.“

Während Benedikt tiefstapelt und etwa sein wissenschaftliches Lebenswerk als „Gelegenheitsfrüchte“ abwertet und als bloß „pastoral-spirituelle Arbeiten“ minimalisiert, lässt Seewald Distanz und Objektivität vermissen, wenn er Benedikt zum „Kirchenlehrer der Moderne, wie es ihn nie mehr geben wird“, erhöht und seine bedeutende Christologie „Jesus von Nazareth“ als „das Fundament der Glaubenslehre für das 3. Jahrtausend” plakatiert. Benedikt, der gerne Theologieprofessor geblieben wäre, gelingt es im Dialog mit Peter Seewald, die Gesamtschau des Katholischen aufleuchten zu lassen und verständlich mitzuteilen.

Benedikt XVI.: Letzte Gespräche: Mit Peter Seewald. Droemer Verlag München 2016, gebunden, 286 Seiten,

ISBN 978-3-426-27695-2, EUR 19,99