Über den Geist des Gebets

Der Heilige Vater erinnert die Gläubigen daran, Gott im Herzen zu tragen und ermutigt zur Schriftlektüre – Generalaudienz am 26. August 2015

Feststimmung herrschte auf der hundertsten Generalaudienz von Papst Franziskus. Eine Gruppe aus Argentinien tanzte auf dem Petersplatz für den Landsmann. Foto: dpa
Feststimmung herrschte auf der hundertsten Generalaudienz von Papst Franziskus. Eine Gruppe aus Argentinien tanzte auf d... Foto: dpa

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Nachdem wir darüber nachgedacht haben, wie die Familie die Zeiten des Festes und der Arbeit lebt, betrachten wir nun die Zeit des Gebets. Die bei den Christen am häufigsten vorkommende Klage betrifft gerade das Gebet: „Ich müsste mehr beten...; ich möchte es tun, aber oft fehlt mir die Zeit“. Das hören wir ständig. Das Bedauern ist aufrichtig, gewiss, weil das Herz des Menschen immer das Gebet sucht, auch ohne es zu wissen; und wenn er es nicht findet, findet er keinen Frieden. Doch damit sie aufeinandertreffen, ist es notwendig, im Herzen eine „heiße“ Liebe zu Gott zu hegen, eine zuneigungsvolle Liebe.

Wir können uns eine ganz einfache Frage stellen. Es ist gut, an Gott aus ganzem Herzen zu glauben, es ist gut zu hoffen, dass er uns in den Schwierigkeiten beisteht, es ist gut, sich in der Pflicht zu fühlen, ihm zu danken. Alles richtig. Aber haben wir den Herrn auch ein wenig lieb? Der Gedanke an Gott – bewegt er uns, versetzt er uns in Staunen, erfüllt er uns mit Zärtlichkeit?

Denken wir an die Formulierung des großen Gebots, das alle anderen trägt: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6, 5; vgl. Mt 22, 37). Die Formulierung nutzt die innige Sprache der Liebe und ergießt sie über Gott. Ja, der Geist des Gebets wohnt vor allem hier. Und wenn er hier wohnt, bewohnt er die ganze Zeit und verlässt sie nie. Gelingt es uns, an Gott wie eine Liebkosung zu denken, die uns am Leben erhält, vor der nichts ist? Eine Liebkosung, von der uns nichts trennen kann, auch nicht der Tod? Oder denken wir ihn nur als das große Wesen, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, den Richter, der jede Handlung überwacht? Das ist natürlich alles richtig. Doch allein wenn Gott Gegenstand der Zuneigung all unserer Zuneigungen ist, erfüllt sich der Sinn dieser Worte ganz. Dann fühlen wir uns glücklich, und auch ein wenig verwirrt, weil er an uns denkt und uns vor allem liebt! Ist das nicht eindrucksvoll? Ist es nicht eindrucksvoll, dass Gott uns mit väterlicher Liebe liebkost? Das ist so schön, so schön! Er hätte sich einfach als das oberste Wesen zu erkennen geben können, er hätte seine Gebote geben und dann auf die Ergebnisse warten können. Gott dagegen hat unendlich mehr getan und tut unendlich mehr als das. Er begleitet uns auf dem Weg des Lebens, er schützt uns, er liebt uns.

Wenn die Zuneigung zu Gott nicht das Feuer entzündet, dann erwärmt der Geist des Gebets die Zeit nicht. Wir können auch unsere Worte vermehren, „wie dies die Heiden tun“, sagt Jesus; oder auch unsere Riten zur Schau stellen, „wie dies die Pharisäer tun“ (vgl. Mt 6, 5.7). Ein Herz, in dem die Zuneigung zu Gott wohnt, lässt auch einen Gedanken ohne Worte oder eine Anrufung vor einem heiligen Bild oder einen Kuss, der in Richtung einer Kirche gegeben wird, zum Gebet werden. Es ist schön, wenn [in südlichen Ländern] die Mütter ihre kleinen Kinder lehren, Jesus oder der Gottesmutter Küsse zu schenken. Wie viel Zärtlichkeit liegt doch darin! In jenem Augenblick verwandelt sich das Herz der Kinder in einen Ort des Gebets. Und das ist ein Geschenk des Heiligen Geistes. Vergessen wir nie, um dieses Geschenk für einen jeden von uns zu bitten! Denn der Geist Gottes hat jene besondere Art, in unseren Herzen „Abba“ – Vater zu sagen, er lehrt uns, Vater zu sagen, wie dies Jesus tat, eine Art, die wir nicht alleine zu finden imstande wären (vgl. Gal 4, 6). Um diese Gabe des Geistes zu bitten und es wertzuschätzen lernt man in der Familie. Wenn du es mit derselben Spontaneität lernst, mit der du lernst, „Papa“ und „Mama“ zu sagen, dann hast du es für immer gelernt. Wenn dies geschieht, wird die Zeit des ganzen Familienlebens im Schoß der Liebe Gottes umfangen, und es sucht spontan die Zeit für das Gebet.

Die Zeit der Familie, das wissen wir gut, ist eine komplizierte und sehr volle Zeit, eine Zeit voller Beschäftigungen und Sorgen. Sie ist immer knapp, sie reicht nie, vieles ist zu tun. Wer eine Familie hat, lernt es schnell, eine Gleichung zu lösen, die nicht einmal die großen Mathematiker lösen können: in den vierundzwanzig Stunden – bringst du das Doppelte unter! So ist es, nicht? Es gibt Mütter und Väter, denen dafür der Nobelpreis verliehen werden könnte, nicht? Aus vierundzwanzig Stunden machen sie achtundvierzig! Ich weiß nicht, wie sie das machen, doch sie sind in Bewegung und tun es! In der Familie gibt es viel Arbeit!

Der Geist des Gebets erstattet Gott die Zeit, er tritt aus der Besessenheit eines Lebens heraus, dem es immer an Zeit mangelt, er findet den Frieden der notwendigen Dinge und entdeckt die Freude unerwarteter Geschenke. Eine gute Anleitung hierfür sind die beiden Schwestern Marta und Maria, von denen das Evangelium spricht, das wir gehört haben; sie lernen von Gott die Harmonie der Rhythmen der Familie: die Schönheit des Festes, die Ausgeglichenheit bei der Arbeit, den Geist des Gebets (vgl. Lk 10, 38–42). Der Besuch Jesu, den sie gern hatten, war ihr Fest. Eines Tages aber lernte Marta, dass die mit der Gastfreundschaft verbundene Arbeit trotz aller Wichtigkeit nicht alles ist, sondern dass das wirklich Wesentliche, „das Bessere“ der Zeit, darin bestand, dem Herrn zuzuhören, wie dies Maria tat. Das Gebet entspringt dem Hören auf Jesus, dem Lesen des Evangeliums, nicht? Und vergesst nicht, alle Tage einen Abschnitt aus dem Evangelium zu lesen. Das Gebet entspringt der Vertrautheit mit dem Wort Gottes. Ist da diese Vertrautheit in unseren Familien? Haben wir ein Evangelium zuhause? Lesen wir daraus manchmal gemeinsam? Betrachten wir es, indem wir den Rosenkranz beten? Das in der Familie gelesene Evangelium ist wie ein gutes Brot, das die Herzen aller nährt. Und zu Mittag und am Abend, wenn wir uns an den Tisch setzen, wollen wir lernen, gemeinsam und in aller Einfachheit ein Gebet zur sprechen: Es ist Jesus, der in unsere Mitte kommt, wie er in die Familie von Marta, Maria und Lazarus kam. Etwas, das mir sehr am Herzen liegt und das ich in vielen Städten gesehen habe: ja, es gibt Kinder die es nicht gelernt haben, das Kreuzzeichen zu machen! Du – Mama und Papa: lehrt das Kind zu beten, das Kreuzzeichen zu machen, und das ist eine schöne Aufgabe für die Mütter und Väter!

Im Gebet der Familie, in ihren starken Momenten und schwierigen Phasen, sind wir einander anvertraut, damit ein jeder von uns in der Familie von der Liebe Gottes behütet sei.

Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

Einen herzlichen Gruß richte ich an alle Gläubigen deutscher Sprache, besonders an die Pilger aus der Diözese Graz-Seckau und den Jugenddienst des Dekanats Klausen. Halten wir neben der notwendigen Zeit für die Arbeit immer eine Zeit bereit, um beim Herrn zu sein. Hören wir sein Wort beim Lesen des Evangeliums und betrachten wir ihn im Rosenkranzgebet. Beten wir in der Familie gemeinsam am Morgen und am Abend. So bleiben wir immer von Gottes Liebe beschützt.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Armin Schwibach