Typus des Sohnes Gottes

Achim Buckenmeier interpretiert die Gestalt des Mose

Eine der wichtigsten Gestalten der Heilsgeschichte ist Moses, der von Gott erwählte Anführer des Volkes Israel im Alten Bund, der die Offenbarung des Gottesnamens und die Zehn Gebote empfing, der dem Gottesvolk bei seinem Auszug aus der Knechtschaft Ägyptens bis zum gelobten Land voranging, welches er selbst nicht mehr betreten durfte, und der geradezu als Typus, als Vorausbild des Sohnes Gottes, gelten darf. Wie Mose das alttestamentliche Israel aus der Sklaverei des Pharaos herausführte, so befreite Jesus Christus das neue Israel, die Kirche, aus der Knechtschaft der Sünde und des Todes.

Wohltuend einfache Sprache und gute Darlegung

Achim Buckenmaier, der bereits mit einem Buch über Abraham hervorgetreten ist, erschließt in einem weiteren Werk nun die Mosesgestalt, wobei er sowohl die Angaben der Bibel wie den Reichtum der jüdischen und christlichen Tradition verwertet. Er sieht sich ausdrücklich gerade berechtigt, wie er selbst schreibt, „Geschichten der Chassidim, Lehren und Erzählungen aus dem Talmud oder anderen jüdischen Quellen hinzuzuziehen und sie mit den Erkenntnissen der modernen Forschung zu verbinden.

Einen Zugang zu einer Gestalt wie Moses oder einer Geschichte wie der des Exodus finden wir nur, wenn wir die Erfahrungen der Generationen und die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft zusammenfügen.“ Vielleicht ist es dieses Weite, Überblickshafte, das der Rezensent als Student der katholischen Theologie vor einem Vierteljahrhundert im Fach Altes Testament vermisst zu haben meint. Retrospektiv erscheint die damals erlebte alttestamentliche Wissenschaft zu sehr ein Klein-Klein aus Betonung der Notwendigkeit des Erwerbs hebräischer Sprachkenntnisse und relativ einseitiger Vermittlung alttestamentlicher theologischer Gehalte (mit einer gewissen Stoßrichtung gegen das kirchliche Lehramt) gewesen zu sein. Es war signifikant, dass damals jedes theologische Fach unter den Seminaristen seine besonderen Freunde hatte: Da gab es die Kirchenhistoriker, die Dogmatiker, die Liturgiker, die Neutestamentler – die Zahl jedoch zum Beispiel der Diplomarbeiten, die im Fach Altes Testament geschrieben wurden, lag sehr niedrig und war wohl nicht allein dadurch bedingt, dass dieses Fach anspruchsvoll war. Vor solchem Hintergrund ist Buckenmaiers Art, an seinen Stoff heranzugehen, besonders zu würdigen.

Wohltuend ist die einfache Sprache und gut erfassbare Darlegung, die Buckenmaiers Werk weitere Leserkreise eröffnen dürfte. Dass es praktisch völlig auf den gelehrten Apparat aus Fußnoten und Literaturverzeichnis verzichtet, wird ihm in Fachkreisen sicher übel angekreidet werden, ist aber ein Verlust, der unter dem Gesichtspunkt der Verkündigung zu verschmerzen ist. Dieser letztgenannte Aspekt ist dem Verfasser dankenswerterweise wichtig: Er interpretiert nicht nur, sondern versucht die Mosesgestalt für das heutige Christsein fruchtbar zu machen. Er weiß: „Wenn sich die europäische Gesellschaft zunehmend von ihren jüdisch-christlichen Wurzeln lossagt, wird auch sichtbar: Der Weg in die Kirche bedeutet für immer mehr Personen einen Exodus. Er bringt es mit sich, den bisherigen Lebensstil aufzugeben und die frühere Umgebung zu verlassen.“ Hier liegt Buckenmaier richtig.

Ob sich dieses Moses-Buch durch einen spannenden „Drive“ auszeichnet, wie der Verlag verheißt, ist schwer zu sagen. An zwei Stellen wären kleine inhaltliche Modifikationen wünschenswert: S. 27 wird die ägyptische Priesterschaft in antiker Zeit der Unaufrichtigkeit und des Gewinndenkens geziehen. Dergleichen Fälle mag es gegeben haben, aber die Pauschalisierung erscheint doch ein wenig ungerecht. Und wenn es um das Juliusgrabmal Michelangelos mit der bekannten Mosesfigur geht (vgl. S. 91/92), ist nicht daran gedacht, dass es dem Bildhauer wohl mehr darum ging, die „terribilita“ als eine Haupteigenschaft eines Großen der Renaissance in dieser Figur zu verkörpern als eine bestimmte Lebenssituation des Moses nach der Darstellung des Alten Testaments abzubilden. Dennoch ist Buckenmaiers Werk beachtenswert und eine empfehlenswerte Lektüre.