„Trotz der Bomben und der Toten bleiben“

Ein Gespräch mit Mar Ignatius Joseph III. Younan, Patriarch der mit Rom unierten syrisch-katholischen Kirche von Antiochien in Beirut über die Arbeit der Kirche im Nahen Osten in Zeiten der Flüchtlingsnot. Von Regina Einig

Mar Ignatius Joseph III. Younan. Foto: reg
Mar Ignatius Joseph III. Younan. Foto: reg
Eure Seligkeit, viele Christen haben den Nahen Osten verlassen. Können Priester und Ordensleute in Beirut normal arbeiten?

Bisher halten sich unsere Schwierigkeiten in Grenzen. Im Libanon haben Priester keine Probleme, ihren Dienst auszuüben. Alle Bischöfe und Priester können ihrer Berufung vor Ort folgen. Doch mit Blick auf die Zukunft ist klar, dass es für unsere Priester sehr schwierig wird, die Menschen in dieser ausgesprochen tragischen, durch die Kämpfe bedingten Situation noch seelisch aufzubauen.

Können Sie Beispiele nennen?

Ich habe kürzlich den Erzbischof von Aleppo getroffen. Der armenische Katholikos ist nun in Rom, unser syrischer Katholikos in Aleppo. Er erzählte mir von den starken nervlichen Belastungen: Die Menschen erleben Gefechte, Bombenangriffe, unsere Kirchen sind fast leer. Alles, was wir tun können, ist, trotz der Bomben und der Toten zu bleiben. Viele Priester können kaum ihre Wohnungen verlassen, um nach den Gläubigen zu sehen. Das auszuhalten ist sehr hart.

Empfehlen Sie Priestern und Ordensleuten, im Nahen Osten zu bleiben? Oder sollen Sie sich den Flüchtlingen anschließen und ihnen in ihren neuen Quartieren helfen?

Unsere Berufung verlangt von uns, dort zu bleiben und zu dienen, wo wir eingesetzt werden. Wenn jemand sich außerstande sieht, seinen Dienst weiter auszuüben, muss er darüber mit den Vorgesetzten sprechen. Wir haben Priester in den Libanon geholt, damit sie den Flüchtlingen aus dem Irak und aus Syrien helfen. Derzeit leben im Libanon etwa 1 200 syrisch-katholische Familien. Wir können nicht allen eine angemessene seelsorgliche Betreuung bieten. Andere Priester sind nach Jordanien gegangen und kümmern sich dort um Flüchtlinge.

Haben Sie Kontakt zu muslimischen Führern in Syrien?

Als ich die Diözese Homs besuchte habe ich in jeder Ortschaft auch die muslimischen Führer getroffen, sowohl Sunniten, als auch Schiiten und Alawiten. Die Dörfer und Städte werden vom Sicherheitsdienst und Regierungssoldaten beobachtet. Daher ist es verhältnismäßig friedlich. Wir haben zwar keine ausführlichen Gespräche geführt, aber ich bin wie jeder andere christliche Hirte begrüßt worden. Es war ein Zeichen der protokollarischen Höflichkeit. Wir haben über unsere Hoffnung gesprochen: auf den Wiederaufbau des Landes einerseits, und auf eine Verständigung zwischen den Kriegsparteien.

Erhalten christliche Flüchtlinge auch Hilfe von gemäßigten Muslimen?

In Syrien, in Jordanien, im Libanon und in der Türkei sind die die Mehrzahl der Flüchtlinge Muslime, Christen stellen die Minderheit. Die Christen geht meistens nicht in die Flüchtlingslager, sondern teilen sich eine Mietwohnung. Was die humanitäre Hilfe angeht, so unterstützen wir Christen die Muslime mehr als umgekehrt – selbst in Syrien. Diskriminiert wird von uns keiner. Muslimischen Flüchtlingen fehlt es fast an allem, sie leben in Lagern. Oft sind es kinderreiche Familien, deren Väter in Syrien kämpfen. Priester und Bischöfe in Syrien haben mir erzählt, dass ihre Kirchen allen offenstehen.

Sie haben mehrfach die Politik des Westens kritisiert.

Ja, die Regierungen Frankreichs, Großbritanniens, Deutschlands und Spaniens haben einen politischen Fehler nach dem anderen begangen, weil sie das Assad-Regime stürzen wollten. Sie dachten, das sei nur eine Frage von Wochen oder Monaten. Doch hier haben sich diese Regierungen etwas vorgemacht. Wenige Monate nach dem Ausbruch der Syrienkrise war ich im Mai 2011 in Paris und habe bei einer Pressekonferenz auf die Frage, ob der Arabische Frühling nach Syrien käme, erklärt, dass die Lage in Syrien nicht vergleichbar sei mit Ägypten oder Tunesien. Die Lage in Syrien ist viel komplizierter. Weiter vom Arabischen Frühling zu reden werde ins Chaos führen – und das Chaos werde in einem sektiererischen Krieg enden.

Warum?

Syrien hatte keinen General, dessen Sturz aus politischen Gründen anstand. Es gibt Bevölkerungsgruppen mit verschiedenen religiösen Bekenntnissen. Sie vertrauen der sunnitischen Mehrheit nicht und fürchten sie. Die europäischen Regierungen und auch die Vereinigten Staaten und Israel hätten das einsehen müssen. Doch das taten sie aus Heuchelei nicht. Sie wollen das Chaos in der Region aus eigenem Interesse.

Ordnen westliche Gesellschaften die Bedeutung des Koran richtig ein?

Mit dem Islam umzugehen ist eine Sache, Islamphobie, Christenfeindlichkeit und den Antisemitismus abzulehnen eine andere. Man muss ehrlich mit sich selbst bleiben. Es gibt Religionen, die sich mit Gewalt durchsetzen wollen. Ihnen muss man klarmachen, dass das nicht geht – etwa, wenn im Koran zur Gewalt aufgerufen wird.

Wie sehen Sie die Aussagen des Heiligen Vaters zum Genozid an den Armeniern?

Wir sind dem Heiligen Vater dankbar für seine Worte. Ein solcher Genozid kann sich wiederholen, solange Länder die Menschenrechtscharta von 1948 nicht respektieren.