Treue zur Schrift und zur Überlieferung

Kurze Musterkatechese zur deutschen Übersetzung der Formel „pro multis“. Von Manfred Hauke

Das Blut Christi erinnert daran, dass Erlösung nicht automatisch geschieht, sondern Entscheidung verlangt. Foto: KNA
Das Blut Christi erinnert daran, dass Erlösung nicht automatisch geschieht, sondern Entscheidung verlangt. Foto: KNA

Unser Leben als katholische Christen gründet in Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der für uns gestorben und von den Toten auferstanden ist. Auf ihm beruht unsere ganze Hoffnung. Seit den Zeiten der Apostel versammeln wir Christen uns zumindest an jedem Sonntag zur Feier der heiligen Eucharistie, in der sich das Geheimnis Christi und der Kirche gleichsam konzentriert. Nach den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils ist das eucharistische Opfer die „Quelle“ und der „Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (Lumen gentium 11). Im Zentrum der Messfeier wiederum stehen die Worte Jesu vom Letzten Abendmahl, die nach katholischer Lehre die eucharistische Wandlung bewirken: Brot und Wein werden Leib und Blut Christi. Gleichzeitig wird das Opfer Jesu gegenwärtig gesetzt, wenn der Priester im Namen Christi die Worte spricht, dass Leib und Blut des Herrn für uns hingegeben werden.

Die zentrale Bedeutung der Einsetzungsworte Jesu im eucharistischen Hochgebet muss zur Geltung kommen in einer genauen Übersetzung der liturgischen Texte. Dies gilt auch für die Wiedergabe der Worte Jesu über den Kelch, die wir in den Evangelien nach Matthäus und Markus finden. Die Einheitsübersetzung der deutschen Bischöfe übersetzt diese Worte folgendermaßen: „Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ (Mk 14, 24; vgl. Mt 26, 28). Von diesem biblischen Text in griechischer Sprache hängen die Worte ab, die für die Wandlung des Weines in das Blut Christi verwandt werden. Die 1968 eingeführte deutsche Übersetzung hat jedoch die lateinischen Worte „pro multis“ wiedergegeben mit „für alle“: „Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“

Diese Übersetzung entspricht nicht dem Text der Heiligen Schrift und des Messbuches, das für die ganze Weltkirche gilt. Man hat den sprachlich an sich klaren Text so dargeboten, weil man betonen wollte, dass Jesus Christus für alle Menschen gestorben ist. Es ist in der Tat eine wesentliche Wahrheit unseres Glaubens, dass Jesus Christus mit seiner Lebenshingabe am Kreuz alle Menschen erlösen möchte. In diesem Sinne heißt es beispielsweise im ersten Timotheusbrief: Jesus hat sich „als Lösegeld hingegeben für alle“ (1 Tim 2, 6).

Das Heil ist also allen Menschen angeboten; alle sind eingeladen, sich von Christus erlösen zu lassen. Allerdings geschieht die Erlösung nicht automatisch: Jeder Einzelne ist in die Entscheidung gestellt für oder gegen Christus. Die Einzelnen können sich dem Heil auch verweigern. Die Worte Jesu im Neuen Testament betonen darum den doppelten Ausgang des Weltgerichtes. So heißt es etwa am Ende des großen Gleichnisses über die Scheidung zwischen Schafen und Böcken: Wer Christus verachtet, wird die ewige Strafe erhalten, wer ihn hingegen annimmt, erhält das ewige Leben (vgl. Mt 25, 46). Und im Johannesevangelium betont Jesus: „Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, zum Gericht“ (Joh 5, 29). Durch das Gebet und Lebenszeugnis der Christen, durch die Verkündigung des Wortes Gottes, durch die Spendung der Sakramente und die Darbringung des hl. Messopfers wird das allen angebotene Heil in das konkrete Leben der einzelnen Menschen umgesetzt; sie werden gerettet von den Mächten der Sünde und des Todes. So betont etwa der Apostel Petrus am Ende seiner Predigt zum ersten Pfingstfest: „Lasst euch retten aus dieser verdorbenen Generation!“ (Apg 2, 40). Diese Gefahr, das ewige Heil zu verfehlen, und die Notwendigkeit, sich retten zu lassen, gehört zweifellos zur Kernbotschaft des Christentums.

Im Blick auf die Menschen, welche die ausgestreckte Hand des Erlösers im Glauben und in der Liebe ergreifen, kann Jesus auch von einer beschränkten Anzahl sprechen, die nicht mit der ganzen Menschheit identisch ist. In dieser Perspektive erscheinen die Glaubenden, die das Heil annehmen, als Ziel der Selbsthingabe Jesu. So heißt es etwa im Johannesevangelium: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16). Bei seinen Abschiedsreden während des Letzten Abendmahles unterscheidet Jesus zwischen der „Welt“ (im negativen Sinn des Unglaubens) und den Jüngern: „Für sie bitte ich: nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir“ (Joh 17, 9). Jesus bittet für seine Jünger und „für alle, die durch ihr Wort“ an ihn glauben (Joh 17, 20). „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe ...“ (Joh 10, 15).

Beim Letzten Abendmahl ist nicht die ganze Menschheit versammelt, sondern es sind die Jünger Jesu anwesend, die bereit sind, ihn im Glauben anzunehmen. Ähnliches gilt für die Feier der heiligen Messe. Der Neue Bund im Blut Jesu wird niemandem aufgezwungen: hineingenommen werden diejenigen, die sich retten lassen wollen. Die Abendmahlsworte Jesu in der Fassung bei Lukas und Paulus betonen diese auf die Kirche konzentrierte Wirklichkeit, wenn sie an Stelle der Worte „für viele“ schreiben: „für euch“. „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22, 20). „Das ist mein Leib für euch“ (1 Kor 11, 24). In den Wandlungsworten heißt es deshalb: „für euch und für viele“.

Am 14. April hat Papst Benedikt XVI. den deutschen Bischöfen einen Brief geschrieben, worin er die genaue Übersetzung der Worte „pro multis“ mit „für viele“ unterstreicht. Dabei erklärt er die Verbindung zwischen der Hingabe Jesu „für alle“ und „für viele“. Auf der einen Seite umfasst das Wirken Jesu „die ganze Menschheit“. „Aber faktisch, geschichtlich in der konkreten Gemeinschaft derer, die Eucharistie feiern, kommt er nur zu ,vielen‘“. Als „viele“ haben wir die Verantwortung, möglichst viele andere Menschen zu Christus zu führen und damit zum ewigen Heil. „So gehören die beiden Worte ,viele‘ und ,alle‘ zusammen und beziehen sich in Verantwortung und Verheißung aufeinander“. Nach den Worten von Erzbischof Zollitsch, des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, ist damit die einschlägige Diskussion im deutschen Sprachraum zur Übersetzung des „pro multis“ abgeschlossen. Zu erwarten ist die Übersetzung in der neuen Ausgabe des deutschen Messbuches mit „für viele“. Der Heilige Vater betont damit ein Anliegen, das in seinem Namen bereits im Jahre 2006 von der römischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung betont worden war. So wurde beispielsweise schon das Messbuch für die englischsprachige Welt geändert; darin wird das „pro multis“ seit dem vergangenen Jahr übersetzt mit „for many“ („für viele“). Die ungarischen Bischöfe haben schon vor der Einführung der vollständigen Neuübersetzung des Messbuches ihren Priestern Klebestreifen zugesandt, um in den liturgischen Büchern die nicht genaue Übersetzung zu verbessern.

Der Heilige Vater steht hier in Kontinuität mit der Überlieferung und dem Lehramt der Kirche, das sich bereits im Römischen Katechismus, nach dem Konzil von Trient, über die Sinndeutung der Einsetzungsworte Jesu geäußert hat (vgl. CR II, 4, 24). Darin wird unterschieden zwischen der Kraft des Leidens Christi und dessen Frucht. Von der Kraft her richtet sich das Opfer Jesu auf das Heil aller Menschen. Es wird aber „mit Recht“ „nicht gesagt ,für alle‘, da hier ... von den Früchten des Leidens die Rede war“, die den von Gott Auserwählten zuteil wird, die sich von Christus retten lassen.

Die Treue zur Heiligen Schrift und zur Überlieferung ist auch ökumenisch bedeutsam, für die Beziehung zu den von der Einheit der Kirche getrennten orthodoxen, anglikanischen und evangelischen Christen. Eine Veränderung der Worte des Letzten Abendmahls mit einer Übersetzung „für alle“ findet sich dort nicht. Die korrekte Übersetzung ist auch bedeutsam, um der schon im Altertum verurteilten Irrlehre vorzubeugen, wonach alle von Gott abgefallenen Geister und Menschen am Ende in den Himmel gelangen. Die Worte „für viele“ unterstreichen die Bedeutung des Glaubens und der Liebe für das ewige Heil. Indem wir innig am Geheimnis der Eucharistie teilnehmen, öffnen wir uns dem Opfer Jesu und empfangen den verklärten Leib des auferstandenen Christus. Gleichzeitig erflehen wir von Gott die Gnaden, auf dass möglichst viele Menschen die an alle gerichtete Einladung annehmen. Danken dürfen wir dem Heiligen Vater, dass er mit seinem Schreiben eine wichtige Frage geklärt hat, die für die Ernsthaftigkeit und die Zukunft des Glaubens in unserem Land von großer Bedeutung ist. Amen.

Manfred Hauke (Theologische Fakultät Lugano) ist Verfasser des Werkes „Für viele vergossen“. Studie zur sinngetreuen Wiedergabe des pro multis in den Wandlungsworten, Dominus-Verlag, Augsburg 2008; vgl. dazu Benedikt XVI., Jesus von Nazareth II, Herder, Freiburg i. Br. 2011.