Trend: Tiefrot

Die kirchliche Jahresstatistik wartet mit erwartet verheerenden Zahlen auf. Trotzdem lassen sich auch erfreuliche Entwicklungen feststellen.

Kirchenstatistik bietet ernüchterndes Ergebnis
Die Zahl der Katholiken in Deutschland sinkt und mit ihr beinahe jede Kennziffer des kirchlichen Lebens: Weniger Gottesdienstteilnehmer, weniger Taufen, sogar weniger kirchliche Bestattungen. Foto: Nicolas Armer (dpa)

Wo man hinblickt, rote Zahlen. Man muss kein Mathematiker sein, um die dramatischen Aussagen der Statistik zu verstehen. Die Zahl der Katholiken in Deutschland sinkt und mit ihr beinahe jede Kennziffer des kirchlichen Lebens: Weniger Gottesdienstteilnehmer, weniger Taufen, sogar weniger kirchliche Bestattungen. Hinzu kamen im Jahr 2018 insgesamt 216 078 Kirchenaustritte. Laut der am Freitag vorgestellten Jahresstatistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) wurde damit der Rekord aus dem Jahr 2014 (217 716) immerhin noch knapp verfehlt (siehe Grafik oben). Das dürfte allerdings vor allem daran liegen, dass der wesentliche Anlass für viele Austritte, die sogenannte MHG-Studie, erst im September publiziert wurde. Die Missbrauchskrise der Kirche in Deutschland wird, so steht es zu erwarten, auch im Jahr 2019 viele Menschen veranlassen, ihren Austritt zu erklären. So waren am Ende vergangenen Jahres noch 23 002 128 Menschen in Deutschland als Katholiken registriert, ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr um über 309 000 Menschen – die Einwohnerzahl der Stadt Mannheim.

DBK-Sekretär Hans Langendörfer sprach angesichts der Veröffentlichung von „besorgniserregenden“ Zahlen, an denen es „nichts zu beschönigen“ gebe. Man nehme den in der Statistik sichtbar gewordenen Trend zum Anlass, „umso selbstkritischer und konstruktiver mit den aktuellen Zahlen umgehen“.

Austrittszahl steigt dramatisch an

Doch diese scheinen auch unter Berücksichtigung aller anhaltenden Entwicklungen regelrecht verheerend. Um durchschnittlich fast ein Drittel hat die Zahl der Austritte bundesweit zugenommen. Besonders dramatisch ist die Entwicklung im Bistum Eichstätt, das im vergangenen Jahr auch mit den Folgen eines hausgemachten Finanzskandals zu kämpfen hatte: Fast 50 Prozent mehr Gläubige als noch im Jahr zuvor haben dort die Kirche verlassen, insgesamt etwa 3 900 Menschen. Bezogen auf die Gesamtzahl der Katholiken liegt die oberbayerische Diözese damit immerhin noch im Durchschnitt. Schlusslicht ist hier das Erzbistum Berlin, wo 2018 etwa zwei von hundert Katholiken die Kirche verlassen haben.

Insgesamt negativ entwickelten sich auch die Zahlen der Konversionen und Wiederaufnahmen. Den Katholiken kann es dabei kein Trost sein, dass die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im gleichen Zeitraum mit fast 400 000 wie bereits in den vergangenen Jahren noch deutlich mehr Mitglieder verloren hat und als ehemals größte Glaubensgemeinschaft im Land heute nur noch gut ein Viertel aller Einwohner umfasst.

Wachsenes Misstrauen gegenüber der Kirche

Langendörfer verwies angesichts der Austrittszahlen auf ein wachsendes Misstrauen gegenüber der Kirche, welches „durch Entfremdungsprozesse oder einen großen Vertrauensverlust“ entstanden sei. Auch an anderer Stelle werde deutlich, dass sich Menschen Veränderungen in der Kirche wünschten, etwa durch Aktionen wie „Maria 2.0“. Demgegenüber warnte der Berliner Erzbischof Heiner Koch am Sonntag im Kölner „Domradio“ am Sonntag davor, Reformen als Allheilmittel anzusehen. „Ich bin fest davon überzeugt, wenn wir alles neu machen würden, um dem Mainstream zu folgen und eventuell tun, was die Menschen von uns erwarten, werden auch wir den Trend nicht aufhalten“, so Koch.

Anlass für diese Annahme bietet etwa ein Blick auf die Zahlen bei den kirchlichen Grundvollzügen. Wie in der Vergangenheit hat sich der negative Trend bei der Gottesdienstteilnehmerzahl fortgesetzt. So wurden an den beiden Zählsonntagen zuletzt knapp 160 000 Kirchgänger weniger registriert. Auch bei anderen Sakramenten stehen fast durchgängig rote Zahlen. Die Taufen sind leicht auf 168 000 zurückgegangen, die Zahlen der Erstkommunionfeiern und Firmungen etwas stärker um jeweils gut 3,8 Prozent. Besonders groß sind die Verluste im Bistum Magdeburg: Ein Zehntel weniger Taufen, fast 15 Prozent weniger Erstkommunionfeiern, ein Drittel weniger Firmungen. Größer war der Rückgang nur in Dresden-Meißen, wo weniger als halb so viele Firmungen wie im Vorjahr gespendet wurden. Statistisch kaum nennenswert ist der marginale Rückgang der Bestattungen.

Vereinzelte Lichtblicke

Bei den Kennzahlen zum kirchlichen Leben sind allerdings auch manche positive Entwicklungen zu vermerken. Allen voran gilt das für die Zahl der Trauungen. Immerhin leicht gestiegen lag sie im vergangenen Jahr bundesweit bei 42 789 Zuwachsraten von über fünf Prozent konnten die Diözesen Speyer, Paderborn und Passau sowie die Militärseelsorge verzeichnen. Zuwachs gab es auch bei den Firmungen in der Diözese Speyer mit einer Steigerung von über 53 Prozent und im Erzbistum Paderborn, wo mit knapp 9 500 jungen Gläubigen etwa ein Fünftel mehr Gläubige gefirmt wurden als im Vorjahr.

Zahl der Katholiken im Bistum Görlitz wächst

Noch eine Zahl sticht aus dem umfangreichen Tableau hervor: Um 205 ist die Zahl der Katholiken im Bistum Görlitz 2018 gewachsen. Nirgends sonst konnte ein Zuwachs verzeichnet werden. Die kleinste aller deutschen Diözesen wächst seit 2015 jedes Jahr. Auch in den Erzbistümern Berlin und Hamburg sowie im Bistum Dresden-Meißen konnten in den vergangenen Jahren Zuwächse verbucht werden. Der Blick auf die ansonsten rückläufigen Kennzahlen des kirchlichen Lebens weist bereits darauf hin, dass diese Gewinne in erster Linie auf Zuzüge zurückzuführen sind. In Görlitz sind es etwa polnische Katholiken, die sich westlich der Neiße niederlassen und das Diasporabistum wachsen lassen. Doch dieser Trend ist aller Voraussicht nach nur ein vorläufiger. Wie Forscher im Auftrag der beiden Kirchen im Mai dargestellt hatten, könnten Diözesen und evangelische Landeskirchen bis 2060 nur noch halb so viele Mitglieder zählen wie heute und zwar im Osten wie im Westen. Wollen die Kirchen das verhindern, müssen sie vor allem an einem Faktor arbeiten: Die Zahl der Austritte massiv senken.