Träume einer Grenzgängerin

Das „verrückte“ Leben einer Konvertitin

Schwester Teresa fährt Skateboard, schreibt Rock-Musicals und kann Stepp tanzen. Sie ist eine Konvertitin. Gott hat sie gefunden, obwohl sie den Herrn nicht gesucht hat, wie sie schreibt. Mit neunzehn Jahren bekehrte sich die Atheistin Teresa Zukic zum christlichen Glauben. Mitten in einer Nacht wacht sie auf und beginnt in einer Bibel zu lesen, die zufällig im Zimmer herumliegt. Mit wachsender Faszination studiert sie die Bergpredigt. Sie erfährt von Jesus, seiner Ansage eines radikalen Lebens, und von Gott, dem Vater.

Diese eine Nacht verändert ihr Leben, das bisher vom Leistungssport bestimmt ist. Ihr Leben beginnt sich umzukrempeln; Glauben, Frieden und tiefes Glück breiten sich in ihrer Seele aus. Mit dem radikalen Lebensstil der Bergpredigt (halte auch die linke Wange hin) macht sie umwerfende und gute Erfahrungen. Gott antwortet auf ihre Gebete sehr konkret. Ganz ähnlich wie bei ihrer Namenspatronin, der heiligen Teresa von Avila, die nach einer nächtlichen Vision über die Hölle leidenschaftlich für die Erneuerung ihres Ordens zu kämpfen begann. Ihr Ausspruch: „Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn; wenn Fasten, dann Fasten“, ist ein bis heute gern zitiertes Bonmot.

Dieses Zitat führt auch Teresa Zukic im Munde, wenn sie über Gastfreundschaft und ihre Kontakte zu dem Sternekoch Michael Winkler (Pflaums Posthotel) spricht. Der zugleich weltzugewandte und kontemplativ orientierte Lebensstil der heiligen Teresa wird ihr zur Leitschnur. Stunden des Gebetes wechseln sich bei Zukic ab mit Auftritten in Talkshows bei Margarete Schreinemakers, Reinhold Beckmann oder Arabella Kiesbauer. Bei Jörg Pilawa gewinnt sie für einen guten Zweck 100 000 € beim Wissensquiz. Über mangelnde Popularität braucht sich die Schwester nicht zu beklagen.

Nun hat sie in ihrer Lebensmitte eine Autobiographie geschrieben, die 27 Jahre von ihrer Bekehrung im Jahr 1984 bis zum Jahr 2007 umfasst. Ein Leben, das meist außerhalb der Bahnen eines katholischen Christen verlaufen ist. Sie hat zwar verständnisvolle Begleiter in der Kirche gefunden, aber sie bleibt irgendwie eine Grenzgängerin. Hellwach nimmt sie die Konfliktfelder ihrer geliebten Kirche wahr. Besorgt fragt sie angesichts der vielen Heiden und lauen Christen unter den Kirchenmitgliedern: „Geht unsere Kirche an ihren Christen zugrunde?“ Schwester Teresa wirbt für eine „bunte Kirche“, eine Gemeinschaft des Glaubens, mit Platz für bunte Paradiesvögel wie ihr.

Dieser Weg ist nicht leicht. Als sie in das Kloster der Barmherzigen Schwestern (Vinzentinerinnen) in Fulda eintritt, begleiten ihre (atheistischen) Eltern den Weg mit Unverständnis und Ablehnung. Auch in ihrer Kirche versteht sie nicht jeder. Sie widmet sich als Ordensschwester vornehmlich sozialen Diensten und beginnt schließlich eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Dann folgt ein Theologiestudium an einer Fachhochschule, wo sie „begeistert“ (und auch kritisch) Eugen Drewermanns tiefenpsychologische Deutung der Bibel kennenlernt. Schließlich verlässt sie ihren Orden und gründet 1994, nur zehn Jahre nach ihrer Bekehrung, zusammen mit zwei anderen Frauen eine neue Lebensgemeinschaft, die „Kleine Kommunität“. Die drei Frauen ziehen zu einem befreundeten Pfarrer in ein Pfarrhaus im malerischen Pegnitz (Oberfranken).

Was anfangs so verheißungsvoll aussieht, wird für Teresa Zukic ein steiniger Weg der Prüfung, der Verleumdungen und Schwierigkeiten. Die Vorstellung einer Schwesternkommunität im Pfarrhaus öffnet dem Unverständnis und Misstrauen bei den Menschen Tor und Tür. Hält sich der Pfarrer einen Harem? Die vielen öffentlichen Vorträge in Gemeinden und Auftritte im Fernsehen, Buchveröffentlichungen und außergewöhnliche Aktionen sorgen für ein Übriges. Die ländliche Gerüchteküche brodelt.

Was dort in Pegnitz mitten in einem Pfarrhaus entsteht, ist im Grunde genommen eine Missionsstation, wie sie in vielen Teilen der Welt normal ist. Vielleicht ein interessantes Novum in der deutschen kirchlichen Landschaft? Die Schwesternkommunität macht das Pfarrhaus zu einem gastlichen Ort, die Frauen beginnen Kindergottesdienste und versuchen, Menschen zu erreichen, die „kirchendistanziert“ sind. Schwester Teresa ist ständig unterwegs zu den Menschen auf den Straßen und hinter den Fernsehschirmen. Ähnlich wie Philippus, der urchristliche Diakon und Evangelist, der es bekanntlich auch nicht an seinem Arbeitsplatz bei den Suppenküchen von Jerusalem aushielt. So konnte Philippus vom Geist Gottes in die Wüste geführt werden, wo er dem äthiopischen Finanzminister (Apg 8) begegnete und diesen zum christlichen Glauben führen konnte.

Anders als bei dem urchristlichen Diakon hört man bei Teresa Zukic wenig von Bekehrungen oder Gebeten für andere Menschen, die Gott erhört hätte. Trägt ihr evangelistischer Dienst keine Früchte? Auch ihre Kleine Kommunität scheint nicht zu wachsen. Anders als bei der heiligen Teresa von Avila ist auch von Tochtergründungen der Kommunität nicht die Rede. Die autobiographischen Schilderungen von Zukic kreisen in merkwürdiger Weise immer um die Autorin selbst. Ihre Träume von einer „bunten Kirche“ stehen im Mittelpunkt. Zugleich schildert sie lebendig und faszinierend einen Gott, der zuhört und humorvoll zärtliche Zeichen seiner Gegenwart gibt.

So wie es nur Konvertiten können, schreibt Teresa Zukic. Von ihrem „ersten Mal“ in einer Kirche, von „Eifersucht, Neid, Bosheit“ und vom „Charisma der Freude“ in ihrem Leben. Ihre für katholische Leser ungewöhnlichen Ausdrucksweisen („ein verdammt schneller Gott“) lassen aufhorchen, auch wenn sie theologisch nicht ganz korrekt sind. Was sich wie ein roter Faden durch ihr Buch zieht und es spannend zum Lesen – gerade für sogenannte gute Katholiken und richtige Atheisten – macht, ist ihr „unbändiges Gottvertrauen“. Dieses speist sich letztlich immer wieder aus ihrer Bekehrungserfahrung So lautet der letzte Satz ihres Buches: „Und ich möchte auch weiterhin so verliebt sein in Gott wie seit der ersten Nacht, in der er mein Leben veränderte“.