Tradition, Christenheit und Mission

Neuevangelisierung auf französisch: Bei der 35. Pfingstwallfahrt nach Chartres pilgern hunderte deutschsprachige Teilnehmer zum Schleier Mariens. Von Regina Einig

Das Reliquiar mit dem Schleier Mariens wird in der Prozession mitgetragen. Foto: reg
Das Reliquiar mit dem Schleier Mariens wird in der Prozession mitgetragen. Foto: reg

Um sieben Uhr morgens ist die Kathedrale Notre Dame in Paris am am Samstag vor Pfingsten bis auf den letzten Stehplatz besetzt. Auch auf dem Vorplatz drängen sich die überwiegend jungen Pilger. Fahnen aus allen französischen Provinzen und mehreren europäischen Ländern wecken die Neugier der Passanten. Etwa dreihundert Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Raum sind darunter, viele gehören der Katholischen Pfadfinderschaft Europas an. Das Leitwort der von der Organisation „Notre-Dame de Chrétienté“ alljährlich zu Pfingsten organisierten Wallfahrt „Tradition, Christenheit und Mission“ zieht vor allem aktive junge Gläubige an. Zu Fuß wollen sie über Pfingsten zu Unserer Lieben Frau ins hundert Kilometer entfernte Chartres pilgern. In der gotischen Kathedrale wird seit dem Mittelalter eine kostbare Reliquie verehrt: der Schleier Mariens.

Eine blumengeschmückte Sänfte mit der Statue Unserer Lieben Frau von Fatima erinnert daran, dass die Wallfahrt in das Jubiläumsjahr der Marienerscheinungen in Portugal fällt. Keine Wallfahrt nach Chartres ohne Marienweihe: Am Pfingstsonntag weihen sich die Pilger traditionell abends im Zeltlager der Gottesmutter beziehungsweise erneuern ihre Weihe. Dieser Brauch geht zurück auf den heiligen Ludwig Maria Grignion de Montfort. In seinem „Goldenen Buch“, einem Klassiker der katholischen Spiritualität, empfiehlt er Übungen und Gebete zur Vorbereitung auf die Weihe an die Gottesmutter. Anlässlich der Hundertjahrfeier der Erscheinungen von Fatima steht in diesem Jahr die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens im Mittelpunkt. Erstmals hat die Wallfahrtsleitung den Teilnehmern eine 33tägige Weihevorbereitung vorab per Mail zur Verfügung gestellt, um sie mit der Geschichte Fatimas und dem Brauch der Herz-Mariä-Sühnesamstage vertraut zu machen. Marianische Akzente setzt der Rektor der Kathedrale, Patrick Chauvet, Bischofsvikar für den Gebrauch des römischen Ritus in der außerordentlichen Form in seiner Predigt. Er fragt die Pilger, was sie aus ihrem Taufversprechen gemacht haben. Um Christus zu finden, müsse man sich von Maria führen lassen. In Anspielung auf das Fiat Mariens unterstreicht Chauvet, Maria wolle die Gläubigen helfen, in der Tugend des Glaubens und des Glaubensgehorsams zu wachsen. Er ermutigt die Pilger, die Mutter Jesu zur Vertrauten zu erwählen. Es ist eine klassische Marienpredigt ohne politische Anspielungen, auch wenn der ehemalige Generalvikar des Erzbistums Paris die öffentlichen Demonstrationen für die traditionelle Familie „Manifs pour tous“ aktiv unterstützte.

Betend und singend verlassen die Pilger nach der Messe zügig die Pariser Innenstadt über die Rue Saint-Jacques über den Boulevard Saint Michel vorbei am Jardin du Luxembourg in Richtung Vorstadt. In den Straßencafés werden Smartphones gezückt, es gibt freundliches Interesse und neugierige Blicke. Vom Balkon aus verfolgt mancher Anwohner den knapp einstündigen Zug. Zweieinhalb Tage dauert die Fußwallfahrt durch Wälder, Wiesen und Getreidefelder, bis am Horizont die Türme der Kathedrale von Chartres auftauchen. Gegen diese Form der Neuevangelisierung haben die allermeisten Pariser offensichtlich nichts. Unterwegs wird der Rosenkranz gebetet und Katechese gehalten. Wer beichten will, findet dafür während der Wanderung genügend mitpilgernde Geistliche. Beim Austausch der „Chapitres“ genannten Gruppen in den Pausen fällt die intensive Heiligen- und Herz-Jesu-Verehrung der französischen Jugendlichen auf. Viele nutzen den großen Teil der Strecke zum Gebet und pflegen den geselligen Austausch nur an den Rastplätzen und am Abend im Zeltlager. Neunhundert freiwillige Helfer sorgen unterwegs für den reibungslosen Ablauf. Vom Shuttleservice für Wallfahrer mit wundgelaufenen Füßen über LKW-Ladungen Mineralwasser und Baguette bis zum GPS-gestützten Sicherheitsdienst steht alles zur Verfügung. Durchhaltevermögen beweisen unterwegs vor allem die Pfadfinder, denen keine Arbeit zuviel ist und die auch bei strammem Marschtempo noch die nötige Puste haben zum Vorbeten und -singen.

Hunderte Kinder laufen in einem eigenen Zug eine kürzere Strecke. Viele französische Familien wallfahren zeitweise mit den Kleinsten im Buggy. Am Pfingstsonntag trifft man sich vor der Messe bei milden Temperaturen auf einer Wiese bei Les Courlis unweit von Rambouillet. Alle Generationen sollen die angemessene geistliche Nahrung finden bei dieser traditionell familiär geprägten Wallfahrt. Ihre Wurzeln gehen auf die französischen Könige des Mittelalters zurück. Im zwanzigsten Jahrhundert als Studentenwallfahrt weitergeführt schlief sie im Zug der religiösen Krise der 68er Bewegung ein. Es war Papst Johannes Paul II., der 1980 bei seiner Pastoralreise in Bourget mit seiner Frage „Frankreich, bleibst Du Deinem Taufversprechen treu?“ den entscheidenden Impuls für die Wiederbelebung der in die französische Literatur eingegangenen Fußwallfahrt nach Chartres gab. Mehr als ein gläubiger Franzose fühlte sich persönlich angesprochen, eine Laieninitiative folgte. Gläubige aus der Pfarrei Unsere Lieben Frau von der heiligen Hoffnung in Mesnil-Saint-Loup in der Champagne machten 1982 den Anfang.

Dass die Dynamik der Fußwallfahrt nach Chartres inzwischen Gläubige über die französischen Landesgrenzen hinaus anzieht, spricht für das Traditionsbewusstsein vieler junger Katholiken. Bestärkt durch den heiligen Johannes Paul II. integrieren sie die Marienverehrung in ihre persönliche Frömmigkeit; ermutigt durch Papst Benedikt XVI. haben sie Messfeiern in der außerordentlichen Form des römischen Ritus als eine Bereicherung für ihren Glauben entdeckt. Die allermeisten Pilger schätzen diese Messform ohne einseitigen Blickwinkel und feiern beide Formen des römischen Ritus ganz selbstverständlich mit. Kein Messopfer während der Wallfahrt vermittelt den Eindruck, hier werde Altes schlicht tiefgefroren, im Gegenteil: Gerade die herausragende musikalische Gestaltung der Liturgie zeigt, dass sich traditionelle Formen und neues Liedgut harmonisch ergänzen: Choralmessen, Lourdes-Gesänge und moderne geistliche Lieder werden nicht nur von einer Schola gesungen, sondern von der Mehrheit der Pilger beherrscht, eine Erlebnis mit Seltenheitswert. Die Tageskatechesen befassen sich mit der von dem französischen Geistlichen Pere Emmanuel André (1826–1903) begründeten Verehrung Unserer Lieben Frau von der heiligen Hoffnung in der Pfarrei Mesnil-Saint-Loup und der Bitte um die eigene Bekehrung, mit dem heiligen Volksmissionar Ludwig Maria Grignion de Montfort (1673–1716) und der Geschichte Unserer Lieben Frau von Fatima.

Die Widrigkeiten der gesellschaftspolitischen Wetterlage beschäftigen vor allem die französischen Teilnehmer. Jean de Tauriers, Präsident der Vereinigung „Notre-Dame de Chrétienté“, erklärt gegenüber dieser Zeitung, Lebensschutz, Familie und Bildung seien für Benedikt XVI. und Johannes Paul II. nicht verhandelbare Themen. „Wir als Christen wollen sie verteidigen.“ Viele Teilnehmer der Wallfahrt seien während der Großdemonstrationen für die traditionelle Familie für ihre Überzeugung auf die Straße gegangen. Mit Nachdruck unterstreicht de Tauriers, dass die alte Messe eine Hilfe gewesen sei, um schwierige Zeiten zu überstehen. „Wir sind ein aktiver Teil der Kirche und wollen einen Beitrag zur Neuevangelisierung leisten.“ Das vor knapp zehn Jahren veröffentlichte Motu proprio „Summorum Pontificum“ bezeichnet er als eine „ganz große Gnade“ Benedikts XVI.

Beeindruckt zeigen sich die Pilger aus dem europäischen Ausland vom spirituellen Savoir-vivre französischer Katholiken. Wie selbstverständlich wird der Zug der Wallfahrer überall willkommen geheißen. Die Prediger konzentrieren sich auf das Thema der Wallfahrt: Monsignore Rudolf Michael Schmitz, Generalvikar des Instituts Christus König und Hoherpriester, stellt Maria als Ikone der Kirche in den Mittelpunkt seiner Pfingstpredigt: Die Gottesmutter lehre uns, dass das Göttliche in unsere Existenz durchdringen wolle.

Als die ersten Gruppen am frühen Nachmittag des Pfingstdienstag unter Glockenläuten das Ziel erreichen, begrüßen Ortsbischof Michel Pansard und Kardinal Raymond Leo Burke sie persönlich am Hauptportal der Kathedrale von Chartres: Ringkuss für den Kardinal, Handschlag des Bischofs, die Stimmung hellt sich nach den Strapazen auf. Kardinal Burke erinnert in der Abschlussmesse an das Fatimajubiläum und die Kernelemente der Botschaft der Muttergottes: Rosenkranzgebet, die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens. Mit Nachdruck unterstreicht er, diese Botschaft rufe heute zur Neuevangelisierung in Kirche und Welt auf. Die Kraft des Rosenkranzgebets habe sich schon 1571 in der Schlacht von Lepanto gezeigt. „Durch die Fürsprache Unserer Lieben Frau von Fatima, Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, wird Gott zum Sieg über Satan verhelfen.“ Der Kardinal lädt die Pilger ein, im September an der Wallfahrt Summorum Pontificum in Rom teilzunehmen.

Während viele nach der Messe noch einen Gang durch das frisch restaurierte Hauptschiff und den Chorumgang der Kathedrale machen, um die Fenster zu bewundern, plaudert Ortsbischof Pansard im Straßencafé bei einem Glas Bier mit Priestern der Petrusbruderschaft und stellt sich mit Pilgern aus Köln und den USA zum Gruppenfoto vor dem Seiteneingang auf. Auch die Freunde der alten Messe gehören hier dazu. Bischof Pansard selbst sieht in der Wallfahrt eine Hilfe, die Gegenwart Christi im persönlichen Leben wiederzuentdecken. Ihn bewegt immer wieder, wenn deutsche Pilger kommen und sich mit dem Seelsorger Abbé Franz Stock (1904–48) befassen, der nach dem Krieg in Chartres Regens des sogenannten „Stacheldrahtseminars war. „Eine wunderbare, positive Gestalt“, äußert er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Matthias Becker leitet seit Jahren das Kölner Chapitre. Er gehört zu den Pionieren einer achtköpfigen Gruppe von Studenten und Schülern aus dem Umfeld von Nightfever, die 2009 in einem Kleinbus nach Paris fuhren und sich der Wallfahrt anschloss. Auch in diesem Jahr sind wieder mehrere „Pioniere“ dabei. Einer von ihnen fasst seine Erfahrungen im Gespräch mit dieser Zeitung zusammen: „Die Wallfahrt ist europäischer geworden: Man nimmt von französischer Seite sehr viel Rücksicht auf die ausländischen Pilgergruppen.“ Auch Becker ist hochzufrieden: „Es war eine gelungene Wallfahrt mit viel Zeit zum Beten und Singen“, so sein Resumé. „Gutes Wetter – sonnig bei moderaten Temperaturen – und wenig Regen haben uns das Pilgern relativ leicht gemacht.“ Seinen Schätzungen nach sind über zehntausend Personen nach Chartres gewallfahrtet, darunter mehr als 900 ausländische Teilnehmer. Erstmals kamen auch Pilger aus den Niederlanden und aus Schweden. Den weitesten Weg legten allerdings die Gruppen aus den USA und Malaysia zurück. Die Gemeinschaft und das gemeinsame Singen während der Wallfahrt hat auch die 23-jährige Samona aus München überzeugt. Trotz der anstrengenden Wanderungen habe dieses Erlebnis mitgerissen, beschreibt die Studentin der Zahnmedizin den Eindruck ihrer ersten Chartreswallfahrt. „Man kommt dem Ziel immer näher und wächst auch in der Seele.“ Und Kardinal Burke zeigte sich im Gespräch mit dieser Zeitung begeistert von der großen Teilnahme: „Das ist ganz sicher ein Werk Gottes“.