Tiefer in die Nachfolge Christi hineinwachsen

Bischof Felix Genn pflegt den Austausch mit jungen Leuten in Fragen des Glaubens. Von Gerd Felder

In der Reihe christlicher Vorbilder nennt Bischof Genn sie an erster Stelle: Maria, hier dargestellt als Braut des Heiligen Geistes. Fresko in der Wallfahrtskirche Maria Vesperbild. Foto: Archiv
In der Reihe christlicher Vorbilder nennt Bischof Genn sie an erster Stelle: Maria, hier dargestellt als Braut des Heili... Foto: Archiv

Münster (DT) Der Bischof von Münster, Felix Genn, hat den Islam als große Herausforderung für die Christen bezeichnet. „Durch die wachsende Präsenz der Muslime werden wir provoziert, uns zu fragen: Warum sind wir eigentlich Christen?“, sagte Genn am Montag bei einem Gesprächsabend mit jungen Leuten zwischen 18 und 33 Jahren im Bischofshaus von Münster. Diese Herausforderung werde auch Katholiken und Protestanten mehr zusammenführen. Zugleich betonte Genn, er mache sich keine Sorge um die Zukunft des Christentums in Deutschland. Die großen Kirchenmitglieds- und Gottesdienstbesucherzahlen der Vergangenheit habe er stets skeptisch gesehen. „Wir werden künftig zahlenmäßig weniger sein, aber ich halte es für besser, wenn wenige sich zum Christentum bekennen, als wenn wir viele Mitläufer haben“, erklärte der Bischof.

Zehn junge Leute waren an diesem Abend zu diesem von der Diözesanstelle „Berufe der Kirche“ vorbereiteten Treffen ins Bischofshaus gekommen, um den Bischof einmal aus nächster Nähe zu Themen zu befragen, die ihnen auf den Nägeln brennen. „Alle sind stark interessiert an Glauben und Kirche und auf der Suche nach einem geistlichen Leben“, erläuterte Schwester Hiltrud Vacker OSF von der Diözesanstelle, die die jungen Leute zusammen mit Domvikar Michael Rupieper, dem Leiter der Diözesanstelle, bei der Zusammenkunft begleitete.

„Wir haben

nicht nur alles

zum Guten hin

verändert“

Alle hörten aufmerksam zu, als Bischof Genn erzählte, wie er im Jahr 1969 „nach harten Jahren des Ringens, für die ich heute unendlich dankbar bin“, ins Priesterseminar eingetreten war. „Wir haben damals auch schon gedacht: Wenn wir mal kommen, wird alles anders“, berichtete Genn. Dann seien 44 bewegte und unruhige Jahre für die Kirche gefolgt, die man so nicht habe vorhersehen können, „und wir haben nicht nur alles zum Guten hin verändert“. Heute sei die Reizüberflutung noch stärker als damals, und das Thema Sexualität stehe in der Gesellschaft noch stärker im Vordergrund. „Ich möchte aber auch nach dem Missbrauchsskandal am Zölibat festhalten“, versicherte der Bischof, der von 1978 bis 1999 Priester ausgebildet hatte, den jungen Leuten. „Man kann ein solches Leben leben, denn man ist im Zölibat ja nicht beziehungslos.“ Allerdings sei Freundschaft für einen Priester ganz wichtig, fügte Genn hinzu. Seine besten Freunde, mit denen er sich über alles austauschen könne, kämen aus der Priesterschaft.

Genn räumte ein, ihm werde manchmal bewusst, wie gern er Gemeindepfarrer geworden wäre, aber er sei bei seiner Entscheidung für den Priesterberuf in erster Linie bewusst in die Nachfolge Christi eingetreten. „Als Bischof hat diese Nachfolge mich noch mehr eingeholt, und ich finde mehr Zeit zum Gebet als früher als Priester, obwohl ich mehr zu tun habe“, stellte der Bischof fest. Zwar sei er als Bischof noch mehr entprivatisiert als vorher, „aber man muss sich ja im Sinne Christi enteignen lassen. Ich mache das ganz gerne.“ Genn berichtete, dass er oft gefragt werde, wie eigentlich der Alltag und die Arbeit eines Bischofs aussähen. Dazu gehörten viel Schreibtischarbeit, Gebet und das Zelebrieren von Gottesdiensten, aber auch viele Einzelgespräche. Das Wichtigste aber sei, „Zeit zu haben, sich zu überlegen, was man sagt“, wie es kürzlich ein elfjähriger Messdiener treffend formuliert habe. Er müsse also vor allem stets bedenken, wo er eine grundlegende Entscheidung treffen müsse, die dann auch Bestand habe, egal was komme, erklärte Genn. Voraussetzung dafür sei ein geregelter Tagesablauf, der früh beginne und nach Möglichkeit abends gegen 22.30 Uhr ende.

Als Lektüre legte der Oberhirte den jungen Leuten besonders die Bibel an Herz. „Sie ist das Kostbarste, was es gibt, und nicht nur etwas für Protestanten, wie man früher gemeint hat.“ Als wichtige geistliche Autoren empfahl er Carlo Maria Martini, Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyer, unter den Heiligen hob er vor allem die Gottesmutter Maria, Therese von Lisieux, Ignatius von Loyola und als Selige die in Münster hochverehrte Schwester Euthymia hervor. Im Hinblick auf die Ökumene unterstrich Genn, man könne über das, was sich da in den letzten 40 Jahren entwickelt habe, nur staunen. Mit der Orthodoxie, mit der es in der kirchlichen Lehre ganz viele Übereinstimmungen gebe, werde man letztlich schneller zu einer weitgehenden Einigung kommen als mit der evangelischen Seite. „Bei den Kernfragen des Glaubens wie Kirche, Amt, Eucharistie und in einigen moraltheologischen Fragen sind da noch dicke Bretter zu bohren“, meinte der Bischof von Münster skeptisch. „Das kann am Ende nur der Herr schenken, denn alles andere schafft eine neue Kirchenspaltung.“ Warnendes Beispiel sei da die Haltung der Piusbruderschaft, die glaube, die katholische Kirche hätte den Glauben verraten. „Papst Benedikt XVI. hat sich sehr um eine Versöhnung mit ihnen bemüht, aber ich glaube nicht, dass es gelingt, sie ins Boot zu holen“, merkte Genn an.

Von den jungen Leuten besorgt nach der Zukunft der Kirche in 20 Jahren gefragt, antwortete Genn, er sehe viele Hoffnungszeichen. Da gebe es Aktionen wie „Nightfever“, bei der es jungen Leuten am vergangenen Wochenende rund um Münsters bekannte Lambertikirche in der Innenstadt gelungen sei, Passanten buchstäblich von der Straße ins Gotteshaus zu holen. Da sei eine Weggemeinschaft in der Katholischen Studenten- und Hochschulgemeinde (KSHG) Münster, wo 150 Studenten miteinander Austausch pflegen, beten und sich sozial für Obdachlose engagieren. Darüber hinaus werde in Cloppenburg alljährlich eine Projektwoche „Junge Kirche“ für verschiedene Altersgruppen junger Leute veranstaltet. „Das zeigt: Es geht weiter, der Auferstandene lebt“, unterstrich Genn. Allerdings werde das Christentum der Zukunft in Deutschland keine Massenbewegung mehr sein, und auch das priesterliche und bischöfliche Amt werde sich künftig nüchterner darstellen. „Wir sind aber hochinteressant, auch für die Medien“, fügte der Bischof hinzu, „und das gerade auch, weil wir sperrig und angreifbar sind. Diese Aufmerksamkeit haben die Protestanten – von Ausnahmen abgesehen – nicht.“

Seinen jungen Gästen, die auf der Suche sind und ein geistliches Leben führen wollen, vermittelte Genn an diesem Abend eindringlich, dass das Christ-Sein eine ganz individuelle Entscheidung voraussetze. „Ich selbst bin gefordert, nicht die anderen. Der Christ ist wesentlich Zeuge.“ Deshalb dürfe man nicht auf die anderen um einen herum schauen und einen grundsätzlichen Entschluss nicht von ihnen abhängig machen. „Glauben Sie mir: Was positiv eingesät ist, wird irgendwann wirken“, versicherte der Bischof.