Theologie, die den Glauben reifen lässt

Ein Gespräch mit dem römischen Theologen Ralph Weimann über den Masterstudiengang Joseph Ratzinger am Patristischen Institut Augustinianum Von Guido Horst

Ralph Weimann. Foto: privat
Ralph Weimann. Foto: privat

Ralph Weimann hat zwei Doktorate erworben: in Dogmatik mit einer Arbeit zur Theologie Joseph Ratzingers, und in Bioethik über die Präimplantationsdiagnostik, ein im Reagenzglas stattfindendes Selektionsverfahren von Embryonen. Er unterrichtet an der Päpstlichen Universität vom heiligen Thomas von Aquin (Angelicum) dogmatische Theologie und Bioethik. Am Päpstlichen Patristischen Institut Augustinianum koordiniert er die theologischen Inhalte des neuen Masterstudiengangs in Joseph Ratzinger.

Das erste Semester des insgesamt zweisemestrigen Masterstudiengangs läuft. Wie viele Studenten haben sich eingeschrieben?

Es haben sich knapp achtzig Studenten eingeschrieben und es ist ein bunt gemischtes Publikum aus vielen unterschiedlichen Ländern und – sofern ich das überblicken kann – aus allen Kontinenten.

Was erwartet jemand, wenn er nach Rom kommt, um sich in insgesamt acht Modulen, die jeweils drei Tage in Anspruch nehmen, in die Theologie und Spiritualität des theologischen Lehrers Joseph Ratzinger zu vertiefen?

Die Erwartungen sind ganz unterschiedlicher Art. Grundsätzlich lassen sich zwei Hauptstränge nennen. Die eine Motivation besteht darin, einen Überblick über die Theologie zu gewinnen. Wer die Texte von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. gelesen hat, der weiß, dass es ihm gelungen ist, die verschiedenen philosophisch-theologischen Strömungen zu analysieren und eine Gesamtschau zu bieten, die heute oft fehlt. Dieser Master will das gewährleisten. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche, individuelle Motivationen, die die Teilnehmer mit der Theologie Joseph Ratzingers verbinden. Ein Großteil der Studenten sind Lizenziatsstudenten oder Doktoranden, das heißt Studenten, die bereits weitergehende Studien absolviert haben und die an einer weiteren Spezialisierung arbeiten. Diese Teilnehmer erwarten sich weitere Impulse oder Anregungen für ihre wissenschaftlichen Arbeiten.

Von wem stammt die Anregung zu diesem Studiengang? Vom Schülerkreis? Oder kam das aus Regensburg oder von hier, von der Bibliothek Joseph Ratzinger am Campo Santo Teutonico?

Vielen der genannten Institutionen wäre eine Initialzündung zuzutrauen gewesen, aber diese Initiative ist wirklich am Augustinianum geboren worden. Das Augustinianum hat bereits verschiedene Veranstaltungen zur Theologie von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. hier in Rom unterstützt und somit eine gewisse Erfahrung damit. Die Patres haben sich gesagt, dass sie gerne einen weiteren Beitrag leisten wollen, und haben in Absprache mit der „Fondazione“ und mit dem Institut in Regensburg versucht, diesen Master zu konzipieren. Aber das Projekt ist hier in Rom gewachsen und war eine Initiative der Augustiner-Patres.

Sie sprachen von einer „Fondazione“. Ich denke, Sie meinen die „Fondazione Vaticana Joseph Ratzinger“

Ja, sie wird auch einfach als „Fondazione“ bezeichnet, dabei handelt es sich um die vatikanische Stiftung, die verschiedene Projekte unterstützt und auch den „Premio Ratzinger“ organisiert, den einige als „Nobelpreis der Theologie“ bezeichnen. Die Stiftung fördert die Verbreitung des Werkes von Joseph Ratzinger, sie ist aber gebunden an den regierenden Papst, das heißt sie arbeitet in seinem Auftrag.

Sie gehören selber zum „Neuen Schülerkreis“. War man dann Schüler eines Schülers Joseph Ratzingers?

Der junge oder neue Schülerkreis ist ein Kreis von Theologen, die sich mit der Theologie Joseph Ratzingers beschäftigen, dies ist auch eine der Voraussetzungen für die Zugehörigkeit. Insofern haben wir eine besondere Beziehung zu seiner Theologie, während seine ehemaligen Studenten sich vor allem mit der Person Joseph Ratzingers identifizieren, bei dem sie promoviert und das Rüstzeug für ihre eigene theologische Arbeit erworben haben. Doch die persönliche Begegnung mit Benedikt XVI. wurde auch Mitgliedern des neuen Schülerkreises zuteil bei den jährlichen Schülerkreistreffen in Castel Gandolfo.

Wie kam es zur Ansiedlung beim Patristischen Institut Augustinianum? Hat das eine gewisse inhaltliche Bedeutung für den Masterstudiengang?

Am Augustianum wird bereits ein „Master in Sankt Augustinus“ angeboten. Aufgrund dieses „Vorläufers“ kam der Gedanke auf, sich mit der Theologie Joseph Ratzingers zu beschäftigen, denn er ist ja einer der großen Meister der Neuzeit, die Augustinus rezipiert haben. Dem Augustinianum ist es ein Anliegen, die Theologie des heiligen Augustinus in die heutige Zeit zu übersetzen und man konnte dafür keinen besseren Theologen finden als Joseph Ratzinger.

Ohne das vollständig beantworten zu können: Würden Sie zumindest einige Aspekte hervorheben, die die Theologie Joseph Ratzingers kennzeichnen?

Ich nenne einmal drei Aspekte, ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit: Ein erster Aspekt ist sein tiefer Glaube. Joseph Ratzinger ist Zeit seines Lebens ein Mann des Glaubens gewesen und er hat davon ausgehend seine Theologie entwickelt. Für ihn ist die Theologie eine Reflexion über den Glauben, nur von dieser Grundlage ausgehend wird Theologie überhaupt möglich. Diese selbst unter einigen Theologen in Vergessenheit geratene Grundbedingung hat Eingang gefunden in die erste Enzyklika von Papst Franziskus, „Lumen fidei“. Ein weiterer Aspekt, den ich hervorheben möchte, ist seine tiefe Demut. Joseph Ratzinger war ein Mann, der sich nicht selbst ins Zentrum gestellt hat, sondern Christus. Er sagte wiederholt, er habe keine eigene Theologie schaffen wollen, kein eigenes System, sondern er wollte Mitarbeiter der Wahrheit sein und diese Wahrheit in die heutige Zeit übersetzen. Der dritte Aspekt ist seine intellektuelle Brillanz, die es ihm erlaubt, auch bei sehr komplizierten Sachverhalten den Überblick nicht zu verlieren, sondern in einer klaren Analyse die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Was hat man gelernt, wenn man den einjährigen Masterstudiengang absolviert und dafür immerhin den Preis von 2 400 Euro bezahlt hat?

Wie bereits gesagt bietet der Studiengang einen Überblick über die Theologie, was heute im Theologiestudium oft zu kurz kommt. Zudem wird eine „positive Theologie“ vermittelt, denn die Theologie Joseph Ratzingers zeichnet sich dadurch aus, dass sie zum Wachstum im Glauben anregt und zu einem tieferen Verständnis desselben führt. Wie die Beschreibung des Studiengangs schon sagt, geht es nicht nur um Studien zur Theologie Joseph Ratzingers, sondern auch um Spiritualität; auf diese Weise wird Theologie lebendig, sie wird eine Theologie auf Knien. Die Teilnehmer haben die Möglichkeit, ihren eigenen theologischen Ansatz zu entwickeln und zu schärfen, ausgehend von einer Theologie, die dazu wertvolle Anregungen liefert. Der Studiengang lädt also nicht nur ein, das eigene Profil zu schärfen, von einem großen Meister zu lernen, einen Überblick zu gewinnen, sondern bietet die Möglichkeit, selber bereichert und im Glauben bestärkt das Master-Programm abzuschließen.

Der Master wird in Englisch und Italienisch angeboten, wie sieht das konkret aus? Muss man beide Sprachen beherrschen oder kann man es sich aussuchen, ob man zu einem Italiener oder einem englischsprachigen Dozenten geht?

Grundsätzlich kann man zwischen beiden Möglichkeiten wählen. Der Masterstudiengang dauert ein Jahr, also zwei Semester. Die Module sind zeitverschoben, das heißt, das Modul in englischer Sprache fängt im ersten und das italienische im zweiten Semester an. So wurde eine Kompatibilität geschaffen, die es den Studenten ermöglicht, den ganzen Masterstudiengang (in einer Art Intensivkurs) auch in nur einem Semester zu absolvieren. Dann müssen sie allerdings auf Italienisch und Englisch an den jeweiligen Modulen teilnehmen. Darüber hinaus steht es den Studenten frei, ihre Masterarbeit, die sie schreiben müssen, in den unterschiedlichsten Sprachen zu verfassen.