Theologie des klassischen Dreiklangs

Hochschule Heiligenkreuz feierte „ihren“ emeritierten Papst Benedikt mit einer vorgezogenen Hommage zum 90. Geburtstag. Von Gudrun Trausmuth

Abt Maximilian Heim OCist dankte Kurienkardinal Kurt Koch für seinen Festvortrag, in dem er Benedikt XVI. als Zeugen des österlichen Glaubens hervorgehoben hatte. Foto: E. Fürst
Abt Maximilian Heim OCist dankte Kurienkardinal Kurt Koch für seinen Festvortrag, in dem er Benedikt XVI. als Zeugen des... Foto: E. Fürst

Stark und jung schlägt das Herz der Kirche im österreichischen, fast 900 Jahre alten Zisterzienserstift Heiligenkreuz im Wienerwald. Am Ort „seiner“ Hochschule, der philosophisch-theologischen Hochschule Benedikt XVI., wurde der 90. Geburtstag des emeritierten Papstes mit einer großen Hommage vorgezogen gefeiert: Im prachtvollen barocken Kaisersaal des Stiftes begrüßte der Rektor der Hochschule, Karl Wallner, inmitten einer großen Schar von Heiligenkreuzer Studenten, Professoren, Mönchen und Freunden des Stiftes, unter anderen den Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kurt Kardinal Koch und den Apostolischen Nuntius Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen.

Den Reigen der Hommagen am Freitagvormittag eröffnete der Salvatorianer Stephan Horn, Sprecher des Ratzinger-Schülerkreises, der die Historie des Schülerkreises darstellte und die „lebhafte und freie Diskussionen“ als wesentlich anführte. Horn zitierte aus Vinzenz Pfnürs großer Ratzinger-Bibliographie „Das Werk“, wonach für die Schüler Ratzingers das Konzil der Auftrag gewesen sei, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen und „in Auseinandersetzung mit Entmythologisierung, dialektischer Theologie und historisch-kritischer Methode wieder verlässlichen Grund zu gewinnen“. Als nach der Papstwahl von Benedikt XVI. die Frage gekommen sei „Könnten wir uns nicht einmal in Castel Gandolfo treffen?“ sei dies der Beginn der dortigen Treffen des Schülerkreises gewesen.

„Ratzingers Theologie sei geprägt vom klassischem Dreiklang des Schönen, Wahren und Guten“

Michaela Hastetter vom Internationalen Theologischen Institut in Trumau, setzte als Sprecherin des „Neuen Schülerkreises Josef Ratzinger/Benedikt XVI.“ den nächsten Akzent. Sie führte ausgehend von einem Aufsatz Ratzingers aus dem Jahr 1975 aus, dass „zum Vater als Singular“ als innerster Bezugspunkt des christlichen Glaubens im Werk Josef Ratzingers als weiterer innerer Referenzpunkt seiner Theologie „der Plural der Väter“ trete. Ratzinger verstehe seine Theologie als eine auf die Vätertheologie bezogene; der dafür gewählte Begriff des „Resourcement“ füge sich ein „in ein lebendiges, theologisches Beziehungsgeschehen zwischen dem Autor heute und den Vätern des Glaubens“, in deren Theologie, so Ratzinger, „die Wasser des Glaubens noch unverfälscht in ihrer ersten Frische strömten“.

Michael Hofmann, Vorsitzender der „Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung“, erinnerte sich an Professor Ratzinger als seinen Doktorvater und betonte in einer heiteren und sehr persönlichen Hommage den großen Einsatz Ratzingers für seine Studenten.

Barbara Hallersleben von der Universität Fribourg, Konsultorin im päpstlichen Ökumenerat, verwandelte den an Ratzinger ergangenen Vorwurf einer „Rückkehrökumene“ in eine Hommage, indem sie dem Begriff neuen Sinn zusprach: „Rückkehrökumene“ bedeute „keine bloße Rückkehr in der Zeit, denn der Geist erneuert diese Wohnung hier und heute. Keine Rückkehr zu einer institutionell verfestigten Gestalt, auch nicht zu einem geschichtslosen, rein jenseitigen Gott“: Rückkehrökumene, so Hallersleben, könnte eine bewusst provozierende Übersetzung der Reform, der Metanoia, darstellen, zu der wir gemäß der Verkündigung Jesu Christi gerufen seien.

Anton Strukelj von der Theologischen Hochschule Laibach wies in seiner Ehrung darauf hin, dass die Schriften „des künftigen Kirchenlehrers“ Joseph Ratzinger in Slowenien mit „Ehrfurcht und Dankbarkeit“ rezipiert würden. Ratzingers Theologie sei geprägt vom klassischem Dreiklang des Schönen, Wahren und Guten.

Der Heiligenkreuzer Abt Maximilian Heim sprach in seinem Vortrag von einer „religiösen Wüste der postsäkularen Gesellschaft“. In dieser Wüste seien heilige Orte wie Klöster „Oasen“, die dem Menschen eine Begegnung mit dem Heiligen ermöglichten, welche den letzten Sinn seiner Würde ausmache. In Bezug auf diese Begegnung unterstrich der Abt besonders die Notwendigkeit einer neuen Haltung der Ehrfurcht. Als aktuelle Gefahr stellte der Abt eine Selbstsäkularisierung der Kirche durch Lauheit dar; demgegenüber müsse es mit Papst Benedikt eine richtig verstandene „Entweltlichung“ der Kirche geben, eine neue Art der Hinwendung zur Welt durch die Wiederentdeckung des Heiligen und die Verwurzelung einer weltzugewandten Liebe im Sakrament. Der zentrale Verwandlungsakt, mit den Worten Papst Benedikts „die Kernspaltung im Innersten des Seins“, von dem aus der Sieg der Liebe über Hass und Tod geschehe, sei das eucharistische Opfer.

Eine Filmvorführung nahm den Papstbesuch in Heiligenkreuz am 9. September 2007 in den Blick. Im Anschluss lud der Vizerektor der Hochschule, Alkuin Schachenmayr, zu einem anregenden Podiumsgespräch in den barocken Kaisersaal: Altabt Gregor von Henckel-Donnersmarck bezeichnete den Heiligenkreuzbesuch Benedikt XVI. als Höhepunkt seines Lebens und meinte in Bezug auf das schweigende Gebet des Papstes vor der Kreuzreliquie: „Das war ein Moment, der mich bis heute atemlos macht“. Der Verleger Bernhard Meuser („You-Cat“ und „Do-Cat“) stellte die These auf, dass das Ende der klassischen Katechese der Anfang der Pädagogisierung der Liturgie gewesen sei und berichtete von der Arbeit an einem „Kid?s Cat“.

„Bündnis zwischen

Wahrheit und Liebe, ebenso wie die Koalition von Glaube und Vernunft“

Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück würdigte in besonderer Weise die Jesus-Trilogie Benedikts XVI. in ihrem Anliegen, den Riss zwischen der historisch-kritischen Methode und einer theologischen Interpretation der Evangelien zu heilen. Die Jesus-Bücher seien der Versuch einer spirituellen Christologie, welche „Christusfreundschaft“ wieder möglich machen wolle, so Jan-Heiner Tück.

Der Festvortrag von Kurt Kardinal Koch spannte den Bogen vom Geburtstag Josef Ratzingers am Karsamstag 1927, bis zum bevorstehenden 90. Geburtstag am 16. April 2017, der mit dem Ostersonntag zusammenfällt. Vor diesen zeichenhaften biografischen Fakten porträtierte der Kardinal Benedikt XVI. als dankbaren Zeugen des österlichen Glaubens: Da nicht der Tod, sondern das Leben das letzte Wort habe, bilde Freude den innersten Kern des Christentums.

Als tiefes inneres Kontinuum des theologischen Denkens Benedikts XVI. stellte Kardinal Koch das Bündnis zwischen Wahrheit und Liebe vor, ebenso wie die Koalition von Glaube und Vernunft, sowie das Paradigma der Freiheit, die sich in ihrer letzten Dimension als Hingabe vollende. Im Pontifikat des Theologenpapstes sieht Koch einen Primat des Liebesdienstes, der den Menschen mitteilen wollte: „Ich bin definitiv geliebt, und was immer mir geschieht – ich werde von dieser Liebe erwartet (Enzyklika ,Spe salvi‘)“; Benedikt XVI. habe den Menschen in die „eucharistische Umarmung Christi“ hineinführen wollen.

Die zweitägige Hommage für Benedikt XVI. war eingelassen in die Liturgie. Die Gäste nahmen am lateinischen Chorgebet der Mönche teil und konnten auf diese Weise die „vertiefte Verbindung von wissenschaftlicher Theologie und gelebter Spiritualität“ atmen, von der Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Heiligenkreuz gesprochen hatte. Im Anschluss an die von Kurt Kardinal Koch zelebrierte Dankmesse am Samstagvormittag folgte eine offizielle Gratulation an Benedikt XVI. im Hof der Hochschule: Die berührenden, sehr persönlichen Danksagungen des Abts, des Rektors der Hochschule und stellvertretend von fünf der 298 Studierenden, setzten den warmen Ton der Hommage fort, Zeugnis einer ehrlichen, innigen Zuneigung und herzlichen Dankbarkeit gegenüber dem „Papa emeritus“. Schließlich stiegen 90 gelbe und weiße Luftballons als sichtbares Zeichen des Grußes und der Verbundenheit der österreichischen Hochschule mit Benedikt XVI. auf. Seit 1. Oktober 2015 steht am Eingang zur Hochschule eine überlebensgroße Bronzeskulptur des Papstes aus der Hand des Heiligenkreuzer Künstlermönchs Raphael Statt; hinter Glas ist – gleichsam gewendet in ein Versprechen – das zu lesen, was Benedikt XVI. vor zehn Jahren den Professoren und Studenten hier ins Herz geschrieben hatte: „Wo die intellektuelle Dimension vernachlässigt wird, entsteht allzu leicht ein frömmlerisches Schwärmertum, das fast ausschließlich von Emotionen und Stimmungen lebt, die nicht das ganze Leben werden durchtragen können. Und wo die spirituelle Dimension vernachlässigt wird, entsteht ein dünner Rationalismus, der aus seiner Kühle und Distanziertheit nie zu einer begeisterten Hingabe an Gott durchbrechen kann (….) Jede Berufung zum Ordensstand und zum Priestertum ist ein so wertvoller Schatz, dass die Verantwortlichen alles tun müssen, um die adäquaten Wege der Ausbildung zu finden, so dass zugleich fides et ratio – Glaube und Vernunft, Herz und Hirn gefördert werden.“ Dass die aufstrebende und immer mehr Studierende empfangende philosophisch-theologische Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz aus ganzem Herzen den Weg geht, der ihr solchermaßen gewiesen wurde, ist sicher eines der wertvollsten Geburtstagsgeschenke für den großen Theologenpapst.