„Test für die Glaubwürdigkeit der Kirche“

Wie lässt sich das biblische Bild vom barmherzigen Samariter im modernen Gesundheitssystem umsetzen? Damit beschäftigten sich über fünfzig Experten bei einer Tagung zum Welttag der Kranken in Eichstätt. Die Kirchen besitzen viele Schätze, die zum Wohl der Kranken gehoben werden sollten. Von Clemens Mann

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, bekräftigte seinen Widerstand gegen eine ärztliche Beihilfe zum Suizid. Foto: C.Mann
Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, bekräftigte seinen Widerstand gegen eine ärztliche Beihilf... Foto: C.Mann

Kein anderes biblischen Bild fordert Christen so eindringlich zur besonderen Sorge für Kranke und Notleidende auf, wie das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Die christliche Caritas, die Jesus in seinem Bildwort anmahnt, ist und bleibt ein konstituierendes Wesensmerkmal von Kirche – auch in der heutigen Zeit –, an der sich nach Papst Benedikt XVI. die Wahrheit des Glaubens erweisen kann. Dass man aber dem jesuanischen Gebot zur besonderen Nähe mit den Kranken und Notleidenden in einem modernen Gesundheitssystem nicht ohne gesamtkirchliche Anstrengungen Rechnung tragen kann, wurde bei der Internationalen Tagung zum Welttag der Kranken an der Katholischen Universität in Eichstätt deutlich. In den Wortbeiträgen von über fünfzig Experten aus Theologie, Medizin und Gesundheitswesen zeigte sich auch das spannungsreiche Verhältnis zwischen menschlicher Zuwendung und ökonomischen Zwängen im deutschen Gesundheitssystem. Die zweitägige Veranstaltung am vergangenen Freitag und Donnerstag stand unter dem Leitwort „Dem Gutes tun, der leidet“ aus dem Apostolischen Schreiben „Salvifici doloris“ des verstorbenen Papstes Johannes Paul II.. Das Schreiben stammt aus dem Jahr 1984.

Gesundheitssystem steht vor großen Herausforderungen

Dass die Barmherzigkeit des Samariters nicht einseitig als individuelle Barmherzigkeit verstanden werden darf, betonte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Die Kirchen müssten sich dafür einsetzen, dass auch „funktionale Strukturen“ geschaffen werden, die ein intaktes Gesundheitssystem garantierten und „soziale Gerechtigkeit“ gewährleisten würden. „Das System muss greifen und alle Menschen umfassen“, mahnte Montgomery. Zwar sei barmherziges Handeln wünschenswert. Der Kranke habe aber keinen Anspruch darauf. Ansprüche an Gesellschaft und Staat könnten die Patienten nur durch klare Patientenrechte und bei funktionierenden Strukturen ableiten. Deshalb sei es eine „moderne Form von Barmherzigkeit“, sich für ein Gesundheitswesen einzusetzen, das alle Versicherten unabhängig von Nationalität und Versicherungsstand behandle. Laut Montgomery steht das deutsche Gesundheitssystem besonders wegen eines zunehmenden wirtschaftlichen Drucks vor großen Herausforderungen: „Der ökonomische Druck darf nicht zu groß werden“, sagte Montgomery. „Begriffe wie Bilanz, Kapital oder Ressource gehören nicht ins Gesundheitswesen.“ Außerdem dürften notwendige Reformen nicht durch eine zunehmende Betonung individueller Barmherzigkeit seitens der Kirche privatisiert werden.

Welche Potenziale können die Kirchen heben, um die Behandlung von Kranken zu verbessern? Eckhard Frick, Professor für „Spiritual Care“ an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wies auf die Notwendigkeit hin, religiös-spirituelle Bedürfnisse kranker Menschen stärker in den Blick zu nehmen. Spiritualität sei eine „Ressource“, die zu einer höheren Behandlungsqualität beitragen könne, derzeit aber kaum im Gesundheitssystem und in der Ausbildung der Gesundheitsberufe berücksichtigt werde. Dabei gibt es dafür gute Gründe: Patienten, deren spirituelle Bedürfnisse im Sinne einer ganzheitlichen Behandlung berücksichtigt würden, seien zufriedener, was sich auf den Krankheitsverlauf auswirken könne. Studien zeigten nicht nur, dass spirituell betreute Tumorpatienten weniger häufig auf die Intensivstation verlegt werden müssten und dort seltener versterben. Der ganzheitliche Ansatz wirke sich auch förderlich auf das Arzt-Patientenverhältnis aus. „Eine schlechte spirituelle Betreuung ist Geldverschwendung“, schlussfolgert Frick deshalb. Der Jesuit beklagte, dass viele Krankenhäuser noch nicht verstanden hätten, die Sorge um die Spiritualität in die eigenen Abläufe einzubauen. Auch im Management kirchlicher Krankenhäuser fehle vielfach das Bewusstsein dafür. „Es besteht ein großer Nachholbedarf in ,Spiritual Care‘ in kirchlichen Krankenhäusern“, sagte Frick. „Wir müssen die spirituellen Schätze für die Menschen heben, damit sie auch spirituelle Nahrung erhalten.“

Unterstützung für die Forderung, Religiosität und Spiritualität stärker im Gesundheitswesen zu berücksichtigen, erhielt Frick von Christian Zwingmann, Professor für Empirische Sozialforschung der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe. Zwingmann betonte, dass Religiosität und Spiritualität in der Psychotherapie kaum vorkomme. Dies liege auch daran, dass Psychologen und Psychotherapeuten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung weniger religiös seien. Zugleich wirke die religionskritische Einstellung etwa von Sigmund Freud nach. Die Berücksichtigung der Spiritualität berge aber große Bewältigungspotenziale. „Warum soll man sie nicht nutzen“, meinte Zwingmann.

Der Freiburger Professor Eberhard Schockenhoff warnte davor, Krankheit theologisch als Strafe Gottes zu verstehen. Die moralische Verurteilung etwa von AIDS-Patienten stelle ein „längst überwundenes religionsgeschichtliches Relikt“ dar, das durch das Evangelium und dem persönlichen Beispiel Jesu längst widerlegt sei. Zugleich sprach sich der Moraltheologe, der Mitglied im Deutschen Ethikrat ist, gegen eine vorschnelle Mystifizierung von Krankheit aus. Auch im Ernstfall und der Gefahr eines unmittelbaren Todes dürften religiöse Deutungen von Krankheit nicht vorschnell gegeben werden, da die Gefahr einer „Kapitulation vor der Krankheit“ bestehe. So könne es zu einer „ergebenen Anpassung kommen, wo ein Kampf gegen die Krankheit nötig wäre“. Laut Schockenhoff müssten Seelsorger alles dafür tun, um den Widerstand gegen die Krankheit zu stärken und den Patienten zu befähigen, sein Leid anzunehmen. Die Fähigkeit, das persönliche Leiden anzunehmen, gehöre zu einem gesunden Leben dazu. Gelinge dies, gewinne das Leben der Kranken eine tiefere Bedeutung für Gesellschaft und Kirche. „Die Kranken leisten den Gesunden einen Dienst, in dem sie zeigten, dass Leistung nicht alles ist.“ Sie erinnerten zudem jüngere Generationen und Gesunde daran, dass das Menschsein begrenzt ist.

Jesus Christus begegnet den Menschen im Sakrament

Bischof Walter Mixa, Mitglied im Päpstlichen Rat für die Pastoral im Krankendienst, betonte gegenüber dieser Zeitung die Bedeutung der Sakramente für die Krankenpastoral. „Jesus nimmt sich vor allem den Armen, Kranken und sündigen Menschen an. Er ist gekommen, zu heilen und aufzurichten.“ Diese Nähe Jesu Christi zu den Menschen zeige sind besonders in den Sakramenten der Kirche. „Sakramente haben ja nichts bedrückendes, moralisierendes, sondern wirken befreiend und aufrichtend. Sie zeigen ganz und gar die Nähe des liebenden Gottes.“ Bischof Mixa warnte aber davor, den Kranken den Empfang der Sakramente aufzudrängen. Man müsse hier vorsichtig abtasten, inwieweit eine Offenheit für den Empfang für die Sakramente vorhanden sei. In „einladender Art und Weise“ solle man auf die Möglichkeit des Sakramentenempfangs hinweisen. Zugleich regte Mixa an, das Sakrament der Krankensalbung neu als „helfendes, heilendes Sakrament“ und nicht ausschließlich als Sterbesakrament zu verstehen. „Ein Sakrament ist nie in erster Hinsicht ein Sakrament zum Sterben, sondern ein Sakrament zum Leben.“ Die Krankensalbung wolle den Kranken nicht nur stärken und trösten, sondern auch deutlich machen, dass man auf die Treue Jesu Christi auch im persönlichen Leid bauen kann. „Auf ihn kann ich setzen. Er bleibt uns treu“, sagte Mixa.

Kardinal Reinhard Marx forderte in seiner Rede eine breitere Vernetzung der Familien- und Altenseelsorge, der territorialen und kategorialen Seelsorge sowie eine neue Kultur der „Compassion“, der Zuwendung, zu den Kranken. „Es gehört zu den großen Herausforderungen der Zukunft einen breiten Ansatz in der Seelsorge zu finden“, sagte Marx. Die Kirche müsste sich die Frage stellen, was die Pfarreien, die Sozialstationen, als auch die Ehrenamtlichen und die professionellen Helfer für die Kranken und Leidenden tun könnten. „Das ist eine große Aufgabe für die Zukunft, auch für die Zukunft der Pfarreien. Denn die Pfarreien sollen ja auch eine Sehschule für die Wahrnehmung von Leid sein.“ Das menschliche Leid dürfe nicht einfach aus dem Alltag verschwinden und in die Krankenhäuser und karitativen Einrichtungen verdrängt werden. Der richtige Umgang mit den Kranken sei entscheidend für die Glaubwürdigkeit der Kirche: Da Jesus die Kranken und Schwachen in die Mitte seiner Botschaft gestellt habe, müsse sich die Kirche auch heute daran messen lassen. „Die praktische Nächstenliebe ist ein Test für die Glaubwürdigkeit der Kirche.“ Durch den Vorfall in Köln, – ein Vergewaltigungsopfers war an zwei katholischen Krankenhäusern abgewiesen worden –, habe die Glaubwürdigkeit der Kirche schaden genommen. Der Vorfall habe auch offenbart, dass es in den kirchlichen Einrichtungen eine neue Kultur des Vertrauens und Zutrauens geben müsse. Deshalb sprach Marx auch den Beschäftigten an den katholischen Gesundheitseinrichtungen sein Vertrauen aus. „Ich traue ihnen zu – voll und ganz –, dass sie mit ihrem christlichen Gewissen all das tun, was in einer extremen Situation notwendig ist.“ Marx betonte außerdem die Notwendigkeit einer spirituellen Erneuerung in den Pfarreien, bei der die Caritas „neu in den Blick genommen werden“ müsse. „Manche Pfarreien kreisten lediglich um sich selbst“, wodurch Sendung und Auftrag der Kirche nur verkürzt wahrgenommen werde. Gelinge die Verbindung von kategorialer und territorialer Seelsorge, könne die Pastoral an den Kranken auch zu einem Ort der Evangelisierung werden.

Die hochkarätig besetzte Tagung in Eichstätt fand anlässlich der Feierlichkeiten zum 21. Welttag der Kranken statt. Veranstalter der Tagung, an der rund 260 teilnahmen, war unter anderem der Päpstliche Rat für die Pastoral im Krankendienst sowie die Katholische Universität Eichstätt.