„Tausende sind ausgewandert“

Pater Artemio Vítores OFM, Vikar der Kustodie für das Heilige Land, ermutigt dazu, die Christen im Heiligen Land nicht zu vergessen

Der aus Spanien stammende Franziskanerpater Artemio Vítores OFM (60) ist Vikar der Kustodie für das Heilige Land und lebt seit fast vierzig Jahren in Jerusalem. Im Auftrag der Kirche widmet sich die Kustodie seit knapp sieben Jahrhunderten dem Schutz der Heiligen Stätten, betreut die Pilger vor Ort und unterstützt mit Hilfs- und Entwicklungsprojekten die schrumpfende christliche Minderheit im Land Jesu. Mit Pater Artemio sprach Vicente Poveda.

Was ist das Besondere an einer Pilgerfahrt ins Heilige Land?

Im Heiligen Land können die Pilger mit ihren eigenen Augen sehen und mit ihren eigenen Händen berühren, dass Jesus hier von der Jungfrau Maria geboren wurde. Diese Steine, diese Wände halten in uns die Erinnerung an dieses 2000 Jahre alte Ereignis wach. Vor kurzem habe ich vor Blinden gepredigt, die gerade Nazareth besucht hatten. Sie sagten mir voller Freude: „Wir haben Wunderbares gesehen!“ In der Grotte der Verkündigungsbasilika hatten sie die Stelle berührt, an der geschrieben steht: „Hier wurde das Wort Fleisch“. Familienangehörige riefen mich an und sagten: „Wir sind jetzt wie verwandelt!“. Es ist nur ein Beispiel davon, was eine Pilgerfahrt ins Heilige Land bewirken kann.

Welche Bedeutung hat die Weihnachtszeit im Heiligen Land?

Ich denke, an Weihnachten sollten wir ganz besonders einen Blick auf die Christen im Heiligen Land werfen. Schon im Evangelium liest man: „In der Herberge war kein Platz für sie“. Und das geschieht heute immer noch. Sie verlassen das Heilige Land, weil es keinen Platz für sie gibt. Wir lassen hier Wohnungen für christliche Familien bauen, damit sie überleben können. Ein Mietshaus für eine Familie in der Jerusalemer Altstadt kostet bis zu 1 500 Dollar im Monat. Dabei beträgt der Mindestlohn nur etwa 950 Dollar. Der Friede ist auch ein wichtiges Thema an Weihnachten. Bei einem Besuch in Bethlehem sieht man die israelische Mauer und spürt man die angespannte Lage. Man fragt sich, ob es eines Tages Frieden geben wird.

Wie wichtig sind die Pilgerfahrten für die Christen in Bethlehem?

Haupteinnahmequelle der Bethlehemer war immer, im benachbarten Jerusalem zu arbeiten. Wegen der israelischen Mauer um Bethlehem ist das fast unmöglich geworden. Jetzt ist eine Sondergenehmigung erforderlich, die man alle drei Monate verlängert, und die zu jeder Zeit entzogen werden kann. Die Mauer wird auch oft zu jüdischen Feiertagen und bei Sicherheitswarnungen geschlossen. Es kann deshalb vorkommen, dass man bis zu zwei Wochen hintereinander am Arbeitsplatz nicht erscheint. Viele haben somit den Job verloren. Wer nicht in Jerusalem arbeitet, lebt vor allem vom Tourismus. Am 28. September 2000 ist allerdings der palästinensische Volksaufstand ausgebrochen. Von diesem Zeitpunkt an bis Ende 2005 gab es so gut wie keine Pilger in Bethlehem. Nach unseren Schätzungen haben achtzig Prozent der christlichen Familienväter in Bethlehem fünf Jahre lang keinen Lohn verdient. Viele Geschäfte haben schließen müssen.

Wandern deshalb viele Christen aus?

Bethlehem ist meiner Meinung nach die christliche Gegend, die wir am ehesten verlieren können. Vor 1967 waren etwa siebzig Prozent der Einwohner Christen. Heute sind es nicht einmal fünfzehn Prozent, wenn wir die angrenzenden Flüchtlingslager dazuzählen. In den vergangenen Jahren sind tausende Christen ausgewandert. Als Folge davon haben viele junge Frauen niemanden mehr zum Heiraten. Wenn eine Gemeinschaft so schnell schrumpft, ist sie sozusagen krank. Die Pilgerfahrten sind deshalb auch unter einem psychologischen Gesichtspunkt wichtig. Es ist wichtig, dass die hiesigen Christen mit Christen aus anderen Erdteilen in Berührung kommen. Hierher zu pilgern ist fast wie ein Krankenbesuch. Wir werden den Patienten durch unseren Besuch nicht heilen können, aber er wird sich wie beim Besuch eines Freundes oder eines Geschwisters freuen.

Schadet die Sperranlage den Pilgerfahrten?

Nein, bislang nicht. Es gibt manchmal Zugangsprobleme zu Bethlehem, aber diese sind eher begrenzt. Bei unseren Gesprächen mit israelischen Regierungsvertretern haben wir immer betont, dass es ohne Bethlehem keine Pilgerfahrten mehr geben wird. Für die israelische Wirtschaft sind die Pilgerfahrten wichtig und deshalb werden die Pilger noch nach Bethlehem hineingelassen. Heutzutage gibt es sogar größere Pilgergruppen, die bis zu fünf oder sechs Tage hintereinander in Bethlehem übernachten. Die Frage ist immer, wie lange das noch gehen wird.

Nach israelischen Angaben werden zu Weihnachten Sondergenehmigungen an palästinensische Christen erteilt, damit sie ihre Familien jenseits der Mauer besuchen können. Stimmt das?

Ja, das stimmt. Armeeoffiziere haben uns bei früheren Treffen versichert, dass sie bis zu 1 800 Sondergenehmigungen erteilt haben. Viele Christen haben allerdings oft aus Angst vor den Sicherheitskontrollen keinen Gebrauch davon gemacht. Die Christen sind eine immer kleiner werdende Minderheit und viele haben auch Angst davor, von anderen Palästinensern als pro-israelisch abgestempelt zu werden, wenn sie Israel besuchen.

Haben die Christen auch unter radikalen Muslimen zu leiden?

In Bethlehem nehmen die islamischen Fundamentalisten zu. Auch dort kam es zu Wahlerfolgen der radikal-islamischen Hamas. Das wird auch auf den Überlebenskampf der Christen Einfluss haben. Wer eine Bar in bestimmten Gegenden hat, wird keinen Alkohol mehr ausschenken können. Da die Palästinensergebiete von Muslimen regiert werden, ist es zu Landenteignungen und Verweigerungen von Baugenehmigungen gekommen. Davon gab es viele.

In Israel kämpft die Kirche gegen Einreisebeschränkungen für Priester und Ordensleute aus arabischen Ländern. Gibt es da Fortschritte?

Nein, die Lage ist unverändert. Die Probleme treten vor allem bei Priestern und Ordensleuten aus Syrien, dem Libanon oder dem Irak auf. Ab und zu erhalten wir Einreisegenehmigungen für sie – maximal nur in einem Drittel der Fälle. Mit den Leuten aus Jordanien oder Ägypten haben die Israelis weniger Probleme. Die israelische Führung verspricht uns immer eine Lösung, aber in der Tat ändert sich nichts. Sie werden immer noch als Staatsfeinde behandelt. Ich selbst lebe hier seit 38 Jahren und muss meine Aufenthaltsgenehmigung jährlich verlängern. Wer zum Beispiel in Spanien oder in Deutschland lebt, kann nach einigen Jahren zum Staatsbürger werden. In Israel geht das nicht. Wir spüren deshalb oft das Gefühl, mit dem Damoklesschwert über unserem Kopf zu leben. Wir leben mit der Unsicherheit, dass man uns die Aufenthaltsgenehmigung entziehen kann, wenn wir etwas Falsches tun. Ich selbst hatte hier keine ernstzunehmende Probleme. Als EU-Bürger hat man ja gewisse Vorteile. Und dennoch fühle ich mich als Gast und Pilger hier. Das ist ein sehr christliches Gefühl, aber diese unsichere Lage macht die Dinge auf langer Sicht schwer.

Angesichts der Lage der palästinensischen Christen und der Streitpunkte zwischen Israel und der Kirche, halten Sie einen Besuch von Benedikt XVI. im Heiligen Land für richtig?

Ich denke, ein Besuch des Papstes kann dazu beitragen, dass einige Mauern fallen – vor allem die Mauer des Hasses. Papst Benedikt XVI. misst den Beziehungen zwischen Christen und Juden eine große Bedeutung bei. Eine Reise des Papstes kann hilfreich sein, wenn Israel anfängt, über uns Christen nachzudenken. Ich denke, der größte Fehler Israels ist es, den Wert des Christentums nicht anzuerkennen, sogar was die politischen Beziehungen mit der arabischen Welt betrifft.