Tagesheiliger: 21. April: Der heilige Anselm von Canterbury

Von Reinhard Nixdorf

Anselm von Canterbury war einer der größten Denker des Mittelalters: In Aosta 1033 geboren, begab sich Anselm in jungen Jahren auf der Suche nach einem Lehrer auf die Wanderschaft. Er fand ihn in der Normandie, in der Benediktinerabtei Le Bec, deren Prior Lanfrank eine Klosterschule gegründet hatte. Dort blieb Anselm und wurde drei Jahre später Lanfranks Nachfolger als Prior und Leiter der Klosterschule.

Nachdem Lanfrank zum Erzbischof von Canterbury ernannt worden war, wählten die Mönche Anselm 1079 zum Abt. Etwa 1093 wurde Anselm Nachfolger Lanfranks als Erzbischof von Canterbury und Primas der Kirche von England. Die Verhältnisse in England ähnelten allerdings dem deutschen Investiturstreit. Bischöfe, Äbte und höhere Prälaten wurden vom englischen König bestellt, der Einfluss Roms auf die englische Kirche war weithin ausgeschaltet. So kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Anselm, den Papst Urban II. unterstützte, und dem englischen König. Nachdem ihn die Mehrheit der englischen Bischöfe nicht unterstützte, musste Anselm 1097 England verlassen.

Als Denker stellte Anselm von Canterbury wichtige Fragen: Kann der Mensch überhaupt von Gott reden? Spricht der Mensch nicht letzten Endes über sich selbst, wenn er von Gott spricht? In diesem Zusammenhang entwickelte Anselm den ontologischen Gottesbeweis: ,,Wir glauben, dass Du etwas bist, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann.“ Eine derartige Wirklichkeit kann aber nicht nur in der menschlichen Vorstellung existieren. Es ist logisch unmöglich, dass etwas, ,,über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", als nicht existierend gedacht wird.

Die zweite Frage, mit der Anselm in die Theologiegeschichte einging, war die Frage seines Werkes ,,Cur deus homo“ – ,,Warum Gott Mensch wurde“: Warum nahm Gott Menschengestalt an und starb am Kreuz? Hätte es nicht einen bequemeren Weg gegeben, die Menschheit zu erlösen? Dies schließt Anselm aus. Als endliches Wesen hat der Mensch sich durch seine Sünde unendlich schuldig gemacht und kann aus eigener Kraft diese Schuld nicht sühnen. Gott aber kann auf diese Sühne nicht verzichten. Also leistet Gott selbst Genugtuung, wird in Jesus von Nazareth Mensch und schafft durch dessen Tod Ausgleich für jene Entehrung, die ihm die Sünde des Menschen zufügt. Eine solche Theologie denkt freilich in juristischen Kategorien und in den Vorstellungen von Ehre und Sühne. Damals jedoch war es ein großartiger Erklärungsansatz.

Als mit Heinrich I. 1100 ein neuer König auf den englischen Thron kam, kehrte Anselm nach Canterbury zurück. Kontroversen auch mit diesem König endeten für Anselm 1103 jedoch mit seiner erneuten Verbannung. Erst als sich König Heinrich I. und Papst Paschalis II. verständigten, konnte Anselm 1106 wieder zurückkehren und sich seiner Diözese und seinen Studien widmen. Am 21. April 1109 starb Anselm in Canterbury, wo er an der Seite seines Lehrers Lanfrank begraben liegt. 1494 wurde Anselm heiliggesprochen und 1720 von Papst Clemens XI. zum Kirchenlehrer ernannt.