Tagesheiliger: 10. November: Der heilige Johannes Skotus

Von Claudia Kock

Nahe der deutschen Ostseeküste, zwischen der Stadt Wismar und dem Stettiner See, liegt das kleine Dorf Mecklenburg, auf das der Name des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern zurückgeht. Der Dorffriedhof ist von einem Ringwall umgeben, in dem sich im Mittelalter eine slawische Burganlage befand. Sie wurde im siebten Jahrhundert erbaut und wird in einem Bericht des arabischen Gelehrten Ibrahim Ibn Jacub, der als Gesandter des Kalifen von Córdoba im zehnten Jahrhundert Mitteleuropa bereiste, als „Nakons Burg“ bezeichnet. Nakon war ein Herrscher der elbslawischen Abodriten, der sich um das Jahr 955 zum christlichen Glauben bekehrte. Gut hundert Jahre später machte der heilige Johannes Skotus – er ist nicht dem gleichnamigen Philosophen zu verwechseln – die Burg zu seinem Bischofssitz.

Johannes wurde um 990 in Schottland geboren – daher sein Beiname –, und war um 1055 wahrscheinlich Bischof von Glasgow. Helmold von Bosau, der Verfasser der Slawenchronik aus dem 12. Jahrhundert, berichtet, dass Johannes „aus Lust zur Pilgerschaft“ nach Sachsen kam. Hier wurde er von Erzbischof Adalbert von Bremen mit offenen Armen empfangen, denn dieser verfolgte den ehrgeizigen Plan, ein Patriarchat des Nordens zu errichten und dafür innerhalb seines Sprengels zwölf Bistümer zu gründen: Helmold zufolge ein „an Wahnsinn grenzendes Hirngespinst“.

Adalbert sandte Johannes in den slawischen Teil seines Erzbistums, zu dem frommen Fürsten Gottschalk, einem Nachkommen des oben erwähnten Nakon, der auf der Mecklenburg residierte. Gottschalk zeigte großen Eifer für die christliche Mission. Oft soll er selbst in der Kirche zum Volk gesprochen und die lateinischen Predigten der Priester in die slawische Sprache übersetzt haben. Unter seiner Herrschaft entstanden zahlreiche Klöster im norddeutschen Raum, etwa in Ratzeburg und Lübeck. Johannes richtete seinen Bischofssitz auf Gottschalks Burg ein und entfaltete eine umfassende Missionstätigkeit. Er taufte, wie Helmold berichtet, „viele tausend Heiden“.

Erzbischof Adalbert von Bremen, unter dessen Schutz die Missionstätigkeit stand, hatte als Berater König Heinrichs III. auch großen Einfluss auf die Reichspolitik. Als der König im Jahr 1056 starb, war sein Nachfolger Heinrich IV. erst sechs Jahre alt. Adalbert nutzte die Situation aus, um seine eigene Machtposition auszubauen und geriet dadurch in immer größeren Misskredit sowohl beim Papst in Rom als auch bei den deutschen Fürsten. Im Jahr 1066 wurde er gestürzt, was einen Aufstand der heidnischen Machthaber gegen Gottschalk und seine Missionspolitik zur Folge hatte. Gottschalk wurde erschlagen; zahlreiche weitere Missionare und andere Christen erlitten das Martyrium.

Das Zentrum des Widerstands gegen die christliche Mission lag in Rethra, einem großen Heiligtum der heidnischen Elbslawen. Es lag im Nordosten Deutschlands; die genaue Lage ist heute unbekannt. Hier erlitt Johannes Skotus schließlich das Martyrium, wie Helmold berichtet: „Der greise Bischof Johannes wurde nebst den übrigen Christen in Mecklenburg als Gefangener zum Triumphe aufbewahrt. Er wurde, weil er sich zu Christus bekannte, mit Stöcken geschlagen, dann durch die einzelnen Städte der Slawen zur Verhöhnung umhergeführt, und weil er von Christi Namen nicht abwendig zu machen war, wurden ihm Hände und Füße abgehauen und sein Körper auf die Straße hinausgeworfen. Das Haupt aber wurde abgeschnitten, und die Barbaren pflanzten es wie ein Siegeszeichen auf einen Spieß und opferten es ihrem Gotte Radegast. Dies geschah in der Hauptstadt der Slawen, in Rethra, am 10. November.“