TV-Kritik: Stereotyp, oder was?

Von Benedikt Merz

Deutschland am Beginn des Weltjugendtages. Langsam, ganz langsam, beginnt es auch hier zu tröpfeln. Und das, obwohl dieser Tag ganz werktäglich-stereotyp anfing: Aufstehen – Schütteln – Stoßgebet – Blick zur Uhr – Gang in die Küche – Nachrichten an: Morgenmagazin.

Zu meiner Überraschung und Freude wurde hier dem Weltjugendtag eine gute Portion Sendezeit eingeräumt. Geladen war eine WJT-Teilnehmerin, die extra ihre Anreise verschoben hatte, um den Zuschauern (wohl besser: dem Moderator) Rede und Antwort zu stehen. Das Morgenmagazin, das ja nicht unbedingt für seine individuelle Berichterstattung und journalistischen Finessen bekannt ist, hat dann diesen – wie es gerade schien – nicht stereotypen Tag wieder sehr gewöhnlich beginnen lassen. Eingeleitet wurde das Interview mit einem kurzen Beitrag zum Thema Papst Franziskus und die polnischen Katholiken. Von einer Distanz war da die Rede. Man werde mit dem reformerischen Papst im Gegensatz zum konservativen Landsmann Johannes Paul II. nicht warm. Von Hasskommentaren im Netz war da sogar die Rede. Auch das Thema Flüchtlinge wurde hier wieder aufgegriffen und die selbstständigen Positionen der polnischen Regierung und des Episkopates problematisiert. Eine Steilvorlage für den Moderator.

Doch die tapfere und sehr sympathische Theologiestudentin aus Bonn focht das nicht an. Begeistert durch die Erfahrungen des Weltjugendtages in Köln 2005 und den Geist der Anbetung, den sie dort erlebt hat, engagiert sie sich seither aktiv für „Nightfever“. Von diesem Weltjugendtag in Krakau erhofft sie sich wieder tiefe Glaubenserfahrungen und Begegnungen. Das wiederum focht den Moderator nicht an, der weiter in die Reformer-Kerbe schlug und das Konservativ-Klischee bediente; gleichsam untermalt von der Einblendung des Namens seiner Interviewpartnerin, die – fast wie eine Beschriftung im Museum – zum Teil nur mit „Katholikin“ tituliert wurde. Spätestens jetzt fühlt sich der glaubenstreue Zuschauer von den deutschen Medien wie ein museales Relikt beäugt.

„Dieser Weltjugendtag soll auch eine Stärkung sein, seinen Glauben

zu leben“

Unbeirrt und diplomatisch fuhr aber die „Katholikin“ fort, begeistert zu erzählen. Sie erhoffe sich ein friedliches Fest mit vielen Gleichgesinnten, da man oft als Einzelner im Alltag das Gefühl habe, der einzige zu sein, der versuche, im Glauben zu stehen. Daher solle dieser Weltjugendtag auch eine Stärkung sein, seinen Glauben zu leben. Zudem solle er viele Impulse nach Deutschland bringen, um diese Begeisterung weiterzutragen. Wie der Hund auf den Knochen schien der Reporter auf irgendein Reizwort gewartet zu haben, das er für seine – wieder mal stereotype – Schlussformel gebrauchen konnte: „Dann bräuchten wir also auch ein paar mehr liberale Reformer in Deutschland“.

Am Ende des Interviews können wir die Redaktion nur beglückwünschen, dass sie ihr eingefahrenes Welt- und Kirchenbild trotz einer jungen, eloquenten und überzeugenden „Katholikin“ nicht ändern muss. Vielleicht hat die Redaktion aber zumindest teilweise den Eröffnungsgottesdienst mit Kardinal Dziwisz verfolgt, der die Messe nicht nur komplett in lateinischer Sprache feierte, gepaart mit einem modern komponierten lateinischen Meßordinarium, sondern der zu Beginn auch Reliquien von Schwester Faustina und Johannes Paul II. in zwei modern gestalteten Reliquiaren in Empfang nahm. Jetzt doch stereotyp oder nun ganz anders?