Striet vs. Benedikt

Leuchttürme einer wahren Befreiung oder Anpassung an die Lebenswirklichkeit? Von Franz Prosinger

Theologe Magnus Striet
Der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet. Foto: Universität Freiburg (Universität Freiburg)
Theologe Magnus Striet
Der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet. Foto: Universität Freiburg (Universität Freiburg)

Der Wunsch, ja das Gebetsanliegen, es möchte ein Bischof auf dem Missbrauchsgipfel im Februar in Rom eine Bilanz ziehen zu 50 Jahren „Befreiung der Sexualität“ und die diesbezügliche Position der „Kirche“, ging nun doch noch in Erfüllung. Mit dem Papa emeritus, Benedikt XVI., nahm dazu jemand Stellung, der den gesellschaftlichen und kirchlichen Umbruch an vorderster Front erlebt und durchlitten hat: als Theologieprofessor in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg, als Erzbischof von München und Freising, als Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation und schließlich als Nachfolger Petri auf dem Bischofsstuhl in Rom.

Lieber sterben als sündigen?

Dass „Befreiung der Sexualität“ in Anführungszeichen zu setzen ist, wurde von Fachleuten wie Christa Meves in vielen Schriften mit guten Argumenten und aus der praktischen Erfahrung des Psychotherapeuten nachgewiesen (zuletzt in der „Tagespost“ vom 11. April, S. 9): In Wahrheit ist die Versklavung unter einen ungebändigten Eros offenkundig. Dabei war es gerade Benedikt, der in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ in mutiger Weise von der positiven Bedeutung des Eros als göttlicher Macht geschrieben hat, die aus der Enge des menschlichen Daseins führen kann – aber ohne die integrierende Kraft der Caritas „ist der trunkene, zuchtlose Eros nicht Aufstieg, ,Ekstase‘ zum Göttlichen hin, sondern Absturz des Menschen“ (Nr.4). Wie verhält sich die Kirche angesichts dieses Absturzes des Menschen? In den ersten Jahrhunderten bildete sie eine Gegen-Gesellschaft in der konsequenten Bereitschaft zum Martyrium: „Lieber sterben als sündigen“ (hl. Maria Goretti). Die römischen Märtyrerjungfrauen waren Leuchttürme einer wahren Befreiung, da der ungebändigte Eros vor allem die Frauen versklavte, ausgeliefert den Zwangsheiraten der vornehmen Familien und der Willkürherrschaft der Männer. Nach den Zeiten der Verfolgung wurde das Fest der hl. Agnes acht Tage lang an der Via Nomentana in der älteren, inzwischen verfallenen Basilika Sant' Agnese fuori le mura gefeiert, die schon im Jahr 342 von der Kaisertochter Constanza errichtet wurde und Tausende von Menschen fasste. Diese ließen während der Oktav eine Stadt hinter sich, die immer noch von Heidentum und Sittenverfall geprägt war. So setzte die Kirche dem „Absturz des Menschen“ das Ideal der Reinheit entgegen. Und wie reagierte die „Kirche“ vor 50 Jahren? Die Anführungszeichen sollen hier auf den Unterschied zwischen den offiziellen, halb-offiziellen und subkutanen Stellungnahmen weisen. Offiziell erschien die Enzyklika „Humanae vitae“, keineswegs magistral diktierend, sondern einfühlsam erklärend. Allerdings kam die notwendige und zunächst noch ersehnte Hilfe nach jahrelangem Zögern wohl zu spät. Halb-offiziell waren die Stellungnahmen der deutschen und österreichischen Bischofskonferenzen (mit einer Gegenstimme), die im Ungeist der Zeit die Entscheidung dem Gewissen anheimstellten. Subkutan, aber sehr effizient wirkten die Lehrstuhlinhaber der Moraltheologie, in München Johannes Gründel, in Bonn Franz Böckle. Von ihnen schreibt Benedikt: „Das Martyrium ist eine Grundkategorie der christlichen Existenz. Dass es in der von Böckle und von vielen anderen vertretenen Theorie im Grunde nicht mehr moralisch nötig ist, zeigt, dass hier das Wesen des Christentums selbst auf dem Spiel steht.“

Damit kommt Papst Benedikt in seinem Schreiben auf den zentralen Punkt: die Verankerung der Moral im biblischen Gottesbild. Ungewollt und hervorragend bestätigt hat diese Analyse der Freiburger „Fundamentaltheologe“ Magnus Striet in einer polemischen Erwiderung gegen das erwähnte Schreiben. Striet hat sich nämlich explizit vom biblischen Gottesbild verabschiedet: „Die Gewissheit eines freien Gottes, wie er auf den biblischen und Reflexions- und Traditionslinien des Gottesbewusstseins ausgeprägt wurde, wie er ... bis heute in der Frömmigkeitspraxis vorausgesetzt wird, ist auf der Begründungsebene nicht mehr zu erreichen. Seine empirische Präsenz in der Praxis zeigt nur an, dass es eine anthropologisch analysierbare Sehnsucht nach ihm gibt, nicht aber auch seine vom menschlichen Begriff unabhängige Existenz“ (M. Striet, Ernstfall Freiheit. Arbeiten an der Schleifung der Bastionen, Freiburg 2018, 144). Striet postuliert eine „autonome Moral“ und nimmt dafür zu Unrecht Immanuel Kant in Anspruch. Für den Königsberger Philosophen resultiert wahre Freiheit als Postulat aus der Einsichtigkeit des Sittengesetzes, das er freilich nicht „Gesetz“ nennen sollte, da es weder vor- noch aufgesetzt ist, sondern als einsichtiger Ruf ergeht, der eine freie Antwort erwartet. Für Striet bedeutet „autonome Moral“ dagegen ungebundene Freiheit, die lediglich die Freiheit der anderen zu respektieren hat. Ein „freier Gott“ ist in diesem Menschenbild „auf der Begründungsebene nicht mehr zu erreichen“.

Sehnsucht nach einer Welt heiliger Reinheit

Striet wirft auf dem halb-offiziellen Internetportal der Deutschen Bischofskonferenz katholisch.de am 11. April – postwendend! – Papst Benedikt vor: „Die Gesellschaft ist nicht schuld an der Missbrauchskrise.“ Das hat der Papa emeritus auch nicht behauptet. Er schrieb von einem Versagen der kirchlichen Organe angesichts eines dammbruchartigen Umsturzes in der Gesellschaft. Und dieses Versagen hält an, obwohl in der Gesellschaft längst eine Sehnsucht nach einer anderen Welt aufblühen könnte, der Welt Gottes, einer Welt heiliger Reinheit. Aber nach wie vor dozieren „Theologen“ wie Magnus Striet auf Lehrstühlen mit Zustimmung der Bischöfe und publizieren in renommierten Verlagen und kirchlich geförderten Medien eine Anpassung an die „Lebenswirklichkeit“. Wer in diesen philosophisch und theologisch wirren Zeiten den Zugang zum biblischen Gottesglauben verloren hat, sollte von Niemandem verurteilt werden. Aber er sollte sich freiwillig aus der kirchlichen Lehrtätigkeit und Verkündigung zurückziehen, oder andernfalls zurückgezogen werden. Denn mit der Glaubwürdigkeit der Kirche geht auch die Glaubwürdigkeit des Glaubens der Kirche verloren. Christian Geyer stellte in der FAZ vom 21. Februar in einem Beitrag zu „Die Kirche und der Missbrauch“ unter dem Titel „Wer will Gott ertrinken lassen?“ als kritischer Außenstehender die Frage, ob die Vertreter der Kirche noch glauben, was die Kirche lehrt. Anlass waren die Reaktionen auf das Glaubensmanifest von Kardinal Müller. Mit Recht sollte sich Magnus Striet fragen, warum der Papa emeritus das Schweigen bricht, das er sich vorgenommen hat. Für ihn ist die Frage freilich nur ein frivoler Vorwurf. Sein Maßstab sind „Human- und Sexualwissenschaften“, in denen „schon lange keine Texte mehr gelesen werden, die aus Rom kommen“. Obwohl sie sich mit der Theologie des Leibes des hl. Johannes Paul II. durchaus auseinandersetzen sollten. Tatsächlich könnte es sein, dass Papst Benedikt sein Schweigen gebrochen hat, weil er uns angesichts einer Krise, die die Fundamente des kirchlichen Glaubens und Lebens erschüttert, das Testament eines langen Lebens im Kampf um die Lehre und Leitung der Kirche hinterlassen will.

Der Autor ist Dozent für Exegese im Seminario San José in Ayaviri/ Peru