Starre können nicht träumen

Zum Jahr der Orden ermuntert Papst Franziskus junge Ordenschristen, sich vor Selbstbespiegelung und Selbstverliebtheit zu hüten

Papst Franziskus spricht zu den jungen Menschen geweihten Lebens. Foto: dpa
Papst Franziskus spricht zu den jungen Menschen geweihten Lebens. Foto: dpa

Guten Tag! Ich danke Euch. Der Kardinalpräfekt hat mir gesagt, dass Ihr fünftausend junge Männer und Frauen geweihten Lebens seid. Ich möchte gerne mit den Fragen anfangen, die Ihr vorbereitet habt und die Ihr mir freundlicherweise vorab habt zukommen lassen. Doch zunächst: Ich weiß, dass Männer und Frauen geweihten Lebens aus dem Irak und aus Syrien unter Euch sind. Ich möchte mit einem Gedanken an unsere Märtyrer aus dem Irak und aus Syrien beginnen, den Märtyrern unserer heutigen Zeit. Vielleicht kennt Ihr einige von ihnen oder viele… Vor ein paar Tagen kam auf dem Petersplatz ein irakischer Priester zu mir und hat mir ein kleines Kreuz gegeben: Es war das Kreuz, das der Priester in der Hand hatte, den man niedergemetzelt hat, weil er Jesus Christus nicht verleugnen wollte. Dieses Kreuz trage ich hier bei mir… Im Licht der Zeugnisse unserer heutigen Märtyrer – es sind mehr Märtyrer als in den ersten Jahrhunderten – und auch der Märtyrer Eurer irakischen und syrischen Heimat, möchte ich unser Gespräch mit einem Dank an den Herrn beginnen: Möge seine Kirche in ihrem Leib das vollenden, was auch heute noch am Leiden Christi fehlt, und bitten wir um die Gnade des winzig kleinen täglichen Martyriums, jenes Martyriums aller Tage, im Dienste Jesu und unseres geweihten Lebens. Und jetzt stellt mir Eure Fragen. Dann werden wir sehen…

Erste Frage: Heiliger Vater, das Evangelium, das wir Männer und Frauen geweihten Lebens alle als Lebensform angenommen haben, sagt uns, dass Jesus, der Herr, den beiden Jüngern, die ihm folgten und ihn fragten: „Wo wohnst Du?“ antwortete: „Kommt und seht“. In diesen Tagen haben wir unserer Berufung gedacht sowie der vielen anderen Rufe, die der Herr an uns gerichtet hat, seitdem wir zum ersten Mal auf seine Einladung geantwortet haben, Ihm aus größerer Nähe und auf prophetische Weise zu folgen. Heiliger Vater, auch Sie haben den Ruf zum geweihten Leben vernommen und sind Jesus gefolgt; auch Sie werden sich an jene „zehnte Stunde“ der Berufung erinnern. Ist es zu verwegen, Sie zu fragen, ob Sie uns mitteilen können, wie jener erste Ruf für Sie war, in jenem Frühjahr im September 1953… Was hat Sie an Jesus und am Evangelium fasziniert? Warum sind Sie Ordensmann geworden, warum sind Sie Priester geworden?

Papst Franziskus: Woher kommst Du? [Applaus] Antwort: Ich bin aus Aleppo, in Syrien… [Applaus]

Zweite Frage: [auf englisch] Lieber Heiliger Vater, in „Evangelii gaudium“, „Die Freude des Evangeliums“, rufen Sie uns in Erinnerung, dass alle Getauften, welches auch immer ihre Stellung in der Kirche oder das Niveau ihrer Ausbildung im Glauben sei, Mitarbeiter der Evangelisierung sind und dass diese Evangelisierung, die Missionsarbeit, „mit Geist“ vorangebracht werden muss: eine Evangelisierung, die im Herzen brennt und die sich deutlich unterscheidet von einer „Ansammlung von Aufgaben, die als eine drückende Verpflichtung erlebt werden, die man bloß toleriert oder auf sich nimmt als etwas, das den eigenen Neigungen und Wünschen widerspricht“. Lieber Heiliger Vater, welches ist der Auftrag der jungen geweihten Personen in der Kirche von heute? Wohin sollten wir gehen? An wen und wie sollten wir uns um Hilfe wenden? Wohin sendet uns die Kirche?

Papst Franziskus: Wie heißt Du? Woher kommst Du und von welchem Institut?

Antwort: [auf englisch] Heiliger Vater, mein Name ist Schwester Mary Giacinta, ich komme aus Indien und gehöre zu den Schwestern der Liebe vom Kinde Maria.

Dritte Frage: [auf spanisch] Heiliger Vater, diese Frage hat eine Klausurschwester geschrieben, die heute hier nicht bei uns sein konnte… Ich glaube, dass sie sich auf alle Personen geweihten Lebens beziehen lässt. Wir jungen Männer und Frauen geweihten Lebens von heute gehören einer Generation an, die einige als „flüssig und instabil“ bezeichnet haben, einer Generation mit wenig Wurzeln, die Schwierigkeiten hat, sich ganz auf etwas einzulassen. Unsere Familien sind manchmal unstrukturiert; wir gehören zu einer Generation, die häufig Bequemlichkeit und Relativismus vorzieht, alles, was sofort, „light“, Ex-und-hopp ist… Nachdem wir die erste Etappe der Ausbildung zum geweihten Leben abgeschlossen und die feierlichen Gelübde abgelegt haben, machen auch wir oftmals die Erfahrung einer gewissen Instabilität auf unserem Weg der Nachfolge Christi. Wie können wir es verhindern, in Mittelmaß zu versinken?

Antwort von Papst Franziskus: Ich danke Sara, Mary Giacinta und Pierre. Ich danke allen dreien. Beginnen wir bei Sara, denn Du berührst ein sehr ernsthaftes Problem, und zwar die Bequemlichkeit im geweihten Leben: „Wir müssen das tun…, wir sind ruhig…, ich beachte alle Gebote, die ich hier halten muss, die Regeln…, ich bin folgsam…“. Doch die heilige Theresa von Jesus hat über die starre und strukturierte Observanz gesagt: das nimmt die Freiheit. Und sie war eine freie Frau! So frei, dass sie bei der Inquisition erscheinen musste. Es gibt eine Freiheit, die vom Geist kommt, und eine Freiheit, die von der Welt kommt. Der Herr beruft Euch – und er beruft uns alle – zu dem, was Pierre „prophetische Weise“ der Freiheit genannt hat, also der Freiheit, die mit dem Zeugnis und der Treue vereint werden muss. Eine Mutter, die ihre Kinder in der Starrheit erzieht – „das muss man tun, man muss, man muss, man muss…“ - und nicht zulässt, dass die Kinder träumen, dass sie Träume haben, und nicht zulässt, dass die Kinder wachsen, macht die kreative Zukunft der Kinder zunichte. Die Kinder werden unfruchtbar sein. Auch das geweihte Leben kann unfruchtbar sein, wenn es nicht wirklich prophetisch ist, wenn es sich nicht erlaubt, zu träumen. Doch denken wir an die heilige Theresia vom Kinde Jesu: abgeschlossen in einem Kloster, zudem mit einer nicht einfachen Priorin; einige dachten, die Priorin habe sie so behandelt, um sie zu irritieren… Doch diese junge Schwester von sechzehn, siebzehn, achtzehn, zwanzig, einundzwanzig Jahren träumte! Sie hat nie die Fähigkeit verloren, zu träumen. Sie hat nie den Horizont verloren! Das führte sogar dazu, dass sie heute die Patronin der Missionen ist; sie ist die Patronin der Horizonte der Kirche. Und das, was die heilige Teresa „almas concertadas“ genannt hat, ist eine Gefahr. Das ist eine große Gefahr. Sie war eine Klausurschwester, doch sie war auf den Straßen in ganz Spanien unterwegs und hat Klöster gegründet. Und niemals hat sie die Fähigkeit der Kontemplation verloren. Prophetie, die Fähigkeit zu träumen, ist das Gegenteil von Starrheit. Die Starren können nicht träumen. Denken wir an jene schönen Dinge, die Jesus im dreiundzwanzigsten Kapitel des heiligen Matthäus den starren Menschen seiner Zeit gesagt hat, den starren, Gott geweihten Menschen seiner Zeit. Lest es. Das sind die Starren. Und die Observanz darf nicht starr sein; wenn die Observanz starr ist, ist es keine Observanz, sondern persönlicher Egoismus. Dann ist sie Suche nach sich selbst und nach dem Gefühl, gerechter zu sein als die anderen. „Ich danke dir, Herr, dass ich nicht wie jene Schwester, wie jener Bruder, wie der da bin… Ich danke dir, Herr, weil meine Kongregation wirklich katholisch, wirklich strenggläubig ist, und nicht wie jene Kongregation, die in jene Richtung geht, oder diese, die hierhin oder dahin geht…“ So reden die Starren. Doch alles das findet Ihr im dreiundzwanzigsten Kapitel des heiligen Matthäus. Teresa nennt sie „almas concertadas“. Und wie schafft man es, sich nicht in so etwas zu verwandeln? Immer ein offenes Herz haben für das, was der Herr uns sagt; und das, was der Herr uns sagt, im Gespräch mit dem Oberen, mit dem geistlichen Leiter oder der geistlichen Leiterin, mit der Kirche, mit dem Bischof ansprechen. Offenheit, ein offenes Herz, Gespräch und auch gemeinschaftliches Gespräch. „Aber Pater, wir können kein Gespräch führen, denn wenn wir ein Gespräch führen, dann streiten wir immer…“. Aber das ist in Ordnung! Auch Petrus, Paulus, Jakobus haben in der ersten Zeit – lest die Apostelgeschichte – heftig gestritten. Doch dann waren sie so offen gegenüber dem Heiligen Geist, dass sie einander zu vergeben vermochten. Ich werde jetzt einen etwas heiklen Punkt anschneiden. Ich werde aufrichtig zu Euch sprechen: Eine der Sünden, die ich häufig im gemeinschaftlichen Leben vorfinde, ist die Unfähigkeit zur Vergebung unter den Brüdern, unter den Schwestern. „Ah, das werde ich der da heimzahlen! Das werde ich ihr heimzahlen!…“ Das heißt, den anderen zu beschmutzen! Gerede in einer Gemeinschaft verhindert die Vergebung und führt auch dazu, dass man einander fern steht, dass sich einer vom anderen entfernt. Ich pflege zu sagen, dass Gerede nicht nur eine Sünde ist – denn Gerede ist eine Sünde, beichtet das, wenn Ihr es tut… Es ist eine Sünde! –, sondern Gerede ist auch eine Form von Terrorismus! Denn jemand, der tratscht, „wirft eine Bombe“ auf den Ruf des anderen und zerstört diesen anderen, der sich nicht wehren kann. Es wird nämlich immer im Dunkeln getratscht, nie im Hellen. Und die Dunkelheit ist das Reich des Teufels. Das Licht ist das Reich Jesu. Wenn Du etwas gegen Deinen Bruder, gegen Deine Schwester hast, dann geh hin… Bete zuerst, bring Deine Seele zur Ruhe, und dann geh zu ihm, zu ihr, um Ihm oder ihr zu sagen: „Ich bin damit nicht einverstanden… Du hast da etwas Schlechtes getan…“. Aber nie, nie die Bombe des Geredes werfen. Niemals, wirklich niemals! Das ist die Pest des gemeinschaftlichen Lebens! Und so werden der Ordensmann oder die Ordensfrau, die ihr Leben Gott geweiht haben, ein Terrorist und eine Terroristin, weil er oder sie in seiner oder ihrer Gemeinschaft eine zerstörerische Bombe wirft.

Du, Sara, hast auch über die Instabilität unserer Nachfolge gesprochen. Es gibt immer, vom Anfang des geweihten Lebens an bis jetzt, Momente der Instabilität: es sind die Versuchungen. Die ersten Wüstenmönche schreiben darüber und lehren uns, wie wir innere Stabilität, wie wir Frieden finden können. Doch Versuchungen wird es immer geben, wirklich immer… Der Kampf wird bis zum Ende dauern. Und um auf die heilige Theresia vom Kinde Jesus zurückzukommen: Sie sagte, dass man für diejenigen beten muss, die im Sterben liegen, denn gerade das ist der Moment der größten Instabilität, in der die Versuchungen mit Macht kommen. Kulturell, das stimmt, leben wir in einer sehr, sehr instabilen Zeit, und auch in einer Zeit, die ein „Stück“ Zeit zu sein scheint: wir leben in einer Kultur des Vorläufigen. Ein Bischof hat mir einmal gesagt – vor einem oder zwei Jahren mehr oder weniger –, dass ein tüchtiger junger Mann zu ihm gekommen sei, wirklich tüchtig, der Priester werden wollte, aber nur für zehn Jahre: „Dann sehen wir weiter…“. Aber das passiert, das geschieht: unsere Kultur ist eine Kultur des Vorläufigen. Auch in den Ehen: „Ja, ja, wir heiraten! So lange die Liebe anhält… wenn die Liebe aufhört, dann Tschüss: Du zu Dir, ich zu mir.“ Und diese Kultur des Vorläufigen ist in die Kirche eingedrungen, sie ist in die Ordensgemeinschaften eingedrungen, sie ist in die Familien, in die Ehe eingedrungen… Die Kultur des Endgültigen: Gott hat Seinen Sohn für immer gesandt! Nicht vorläufig, zu einer Generation oder in ein Land: zu allen. Zu allen und für immer. Und das ist ein Kriterium für die geistliche Unterscheidung. Bin ich in der Kultur des Vorläufigen? Bin ich beispielsweise bereit, auch endgültige Verpflichtungen eingehen, um meine Integrität zu wahren?

Du, Mary Giacinta, hast von der Evangelisierung gesprochen. Eine Evangelisierung – hast du zitiert – die im Herzen brennt: das Verlangen, zu evangelisieren, wo das Herz brennt, mit dem Herzen, das brennt. Das ist apostolischer Eifer. Evangelisieren ist nicht dasselbe, wie Proselyten machen. Wir sind kein Fußballklub, der Teilhaber, der Mitglieder sucht… Evangelisieren heißt nicht nur überzeugen, es heißt, zu bezeugen, dass Jesus Christus lebt. Und wie bezeuge ich das? Mit Deinem Leib, mit Deinem Leben. Du kannst studieren, du kannst Evangelisierungskurse besuchen, und das ist gut und schön, doch das Vermögen, die Herzen zu erwärmen, stammt nicht aus Büchern, es kommt aus Deinem Herzen! Wenn Dein Herz aus Liebe zu Jesus Christus brennt, bist Du ein guter Verkünder oder eine gute Verkünderin des Evangeliums. Doch wenn Dein Herz nicht brennt und Du nur auf die organisatorischen Dinge achtest, die notwendig sind, aber zweitrangig… Und hier möchte ich gerne – verzeiht mir, wenn ich ein bisschen feministisch bin – für das Zeugnis der geweihten Frauen danken – nicht allen allerdings, es sind auch ein paar darunter, die ein bisschen hysterisch sind: Ihr habt dieses Verlangen, immer an die vorderste Front zu gehen. Warum? Weil Ihr Mütter seid, Ihr habt diese Mütterlichkeit der Kirche, die Euch den Menschen nahe sein lässt. Ich erinnere mich an ein Krankenhaus in Buenos Aires, das praktisch keine Schwestern mehr hatte, nur noch einige wenige, alte, und jene Kongregation war fast am Ende… – denn die Ordensinstitute sind alle vorläufig: Der Herr wählt eines für eine gewisse Zeit aus, dann lässt er davon ab und lässt ein anderes entstehen; niemand hat die Möglichkeit, für immer zu bleiben; es ist eine Gnade Gottes, und einige sind für eine gewisse Zeit; das sollte klar sein – … diese Schwestern, diese Armen, waren alt… Und haben mir von einer Kongregation in Korea erzählt: die Schwestern von der Heiligen Familie in Seoul. Durch einen koreanischen Priester kamen schließlich drei koreanische Schwestern in jenes Krankenhaus in Buenos Aires, in dem spanisch gesprochen wird. Und sie konnten Spanisch genauso gut wie ich Chinesisch: nämlich überhaupt nicht! Am zweiten Tag sind sie in die Krankenzimmer, auf die Krankenstationen gegangen. Sie sind dorthin gegangen, mit Gesten, mit einer Liebkosung, mit einem Lächeln… Die Kranken haben gesagt: „Was für tolle Schwestern! Wie die arbeiten! Wie gut die sind!“. „Haben sie etwas zu dir gesagt?“ „Nein, nichts“. Das war das Zeugnis eines brennenden Herzens. Es ist die Mütterlichkeit der Schwestern. Verliert das bitte nicht! Denn die Schwester ist das Bild der Mutter Kirche und der Mutter Maria. Ihr habt wirklich diese Funktion in der Kirche: ein Bild der Kirche zu sein; ein Bild Marias; ein Bild der Zärtlichkeit der Kirche, der Liebe der Kirche, der Mütterlichkeit der Kirche und der Mütterlichkeit der Gottesmutter. Vergesst das nicht. Immer an die vorderste Front, aber auf diese Weise. Und außerdem ist die Kirche die Braut Jesu – ich höre jetzt auf mit den Schwestern – und die Schwestern sind Bräute Jesu, und daraus beziehen sie ihre ganze Kraft, vor dem Tabernakel, vor dem Herrn, im Gebet mit ihrem Bräutigam, um den Menschen seine Botschaft zu bringen.

Ich muss mich ein bisschen beeilen, denn heute gibt es viel Arbeit!

Du, Pierre, hast Schlüsselbegriffe genannt: Jesus aus größerer Nähe folgen; nahe, Nähe; auf prophetische Weise. Darüber, über die Prophetie habe ich gesprochen, als ich Sara geantwortet habe. Es gibt einen weiteren Schlüsselbegriff im geweihten Leben: Gedächtnis. Also Prophetie, Nähe, Gedächtnis. Über die Prophetie habe ich gesprochen. Nähe. Nähe unter Euch und zu den anderen. Nähe zum Volk Gottes. Ein Arbeitskollege meines Vaters – nach dem spanischen Bürgerkrieg waren mehrere Genossen nach Argentinien gekommen, und das waren echte Priesterhasser – wurde eines Tages krank, er hatte eine wirklich schlimme Infektion, mit wunden Stellen, eine schlimme Krankheit, und auch seine Frau arbeitete, und sie hatten drei Kinder. Davon erfuhren die Schwestern einer Kongregation, „Les Petites Soeurs de l'Assomption“, jener Kongregation, die von Pater Pernet gegründet wurde. Zu jener Zeit gingen sie nach dem Gebet in Häuser, in denen es Probleme gab. Alle waren Krankenschwestern und pflegten Kranke, brachten die Kinder zur Schule, kümmerten sich um den Haushalt, und um vier Uhr nachmittags gingen sie dann wieder nach Hause. Eine von ihnen ist also dort hingegangen, und zwar die Oberin, weil es ein schwieriger Fall war. Sie hat gesagt: „Da gehe ich hin“. Jetzt stellt Euch vor, was der Mann zu dieser Schwester gesagt hat: die allerübelsten Schimpfwörter. Aber sie blieb ganz ruhig, machte ihre Arbeit, versorgte die Wunden, brachte die Kinder zur Schule, machte das Essen. Und dann, nach einem Monat, war dieser Mann wieder gesund. Er war geheilt. Er ging wieder zur Arbeit. Ein paar Tage später kamen er und drei oder vier seiner Priesterhasser-Genossen von der Arbeit. Da kamen zwei Schwestern über die Straße, und einer von ihnen sagte Schimpfworte zu den Schwestern. Er hat ihn mit einem Faustschlag zu Boden gestreckt und gesagt: „Über die Priester, über Gott, über was auch immer kannst du alles sagen, was du willst, aber lass die Muttergottes und die Schwestern aus dem Spiel!“. Stellt Euch das vor, ein Atheist, ein Priesterhasser. Und warum? Weil er die Mütterlichkeit der Kirche gesehen hat, er hatte das Lächeln der Gottesmutter in jener geduldigen Schwester gesehen, die ihn pflegte, den Haushalt versorgte und die Kinder zur Schule brachte und wieder abholte. Vergesst das nicht, liebe Schwestern: Ihr seid das Bild der heiligen Mutter Kirche und der heiligen Mutter Maria. Vergesst das nicht. Und die Kirche dankt Euch dafür, das ist ein schönes Zeugnis. Und das heißt Nähe, Ihr seid nahe, Nähe zu den Problemen, den wirklichen Problemen.

Ein weiterer Schlüsselbegriff ist das Gedächtnis. Ich denke, dass Jakobus und Johannes nie jene Begegnung mit Jesus vergessen haben. Das gilt auch für die anderen Apostel. Petrus: „Du bist Petrus“; Nikodemus, Natanaël… Die erste Begegnung mit Jesus. Das Gedächtnis, die Erinnerung an die eigene Berufung. In den dunklen Momenten, in den Momenten der Versuchung, in den schwierigen Momenten unseres geweihten Lebens zu den Quellen zurückkehren, sie sich ins Gedächtnis rufen und sich an das Staunen erinnern, das wir verspürt haben, als der Herr uns angeschaut hat. Der Herr hat mich angeschaut… Gedächtnis.

Du hast mich gebeten, Euch meine Erinnerung mitzuteilen, wie das war, jene erste Berufung, am 21. September 1953. Aber ich weiß nicht, wie es war. Ich weiß, dass ich zufällig eine Kirche betreten habe, einen Beichtstuhl sah und als ein anderer herausgekommen bin. Als ich herauskam, war ich ein anderer. Dort hat sich mein Leben verändert. Und was hat mich an Jesus und seinem Evangelium begeistert? Ich weiß nicht… seine Nähe zu mir: der Herr hat mich nie allein gelassen, auch in den schlimmen und dunklen Momenten nicht, auch in den Momenten der Sünde nicht… Denn auch das müssen wir sagen: wir alle sind Sünder. Und das sagen wir in der Theorie, aber nicht in der Praxis! Ich erinnere mich an meine Sünden und schäme mich. Auch in jenen Momenten hat mich der Herr nie allein gelassen. Das gilt nicht nur für mich, sondern für alle. Der Herr lässt nie jemandem im Stich.

Und ich habe diesen Ruf gehört, Priester und Ordensmann zu werden. Der Priester, der mir an jenem Tag die Beichte abgenommen hatte und den ich nicht kannte, war zufällig dort, er hatte Leukämie, er war in Pflege und ist ein Jahr später gestorben. Und dann hat mich ein Salesianer – wie Du – geführt, ein Salesianer, der mich getauft hatte. Ich bin zu ihm gegangen, und er hat mich zu den Jesuiten geführt… Ordens-Ökumene! Doch in den schlimmsten Momenten hat mir die Erinnerung an jene erste Begegnung sehr geholfen, weil der Herr uns immer auf endgültige Weise begegnet, der Herr hat nichts mit der Kultur des Vorläufigen zu tun: Er liebt uns für immer, er begleitet uns für immer.

Also: Nähe zu den Menschen, Nähe unter uns; Prophetie mit unserem Zeugnis, mit dem Herzen, das brennt, mit apostolischem Eifer, der die Herzen der anderen erwärmt, auch ohne Worte, wie jene koreanischen Schwestern; und Gedächtnis, immer zurückkehren.

Und ich gebe Euch einen Rat: Nehmt das Buch Deuteronomium, wo Moses dem Volk einiges ins Gedächtnis ruft, und ruft Euch Euer Leben ins Gedächtnis: „Als ich dort Sklave war, wie der Herr mich befreit hat und wie…“. Das ist schön. Fast am Ende des Buches, lehrt er, wie man zum Tempel gehen muss, um zu opfern, und sagt: „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer…“. Lernen, sein Leben vor dem Herrn zu erzählen: Ich war ein Sklave, eine Sklavin, der Herr hat mich befreit, und daher komme ich und bin fröhlich! Wenn Du der Wunder gedenkst, die der Herr in Deinem Leben gewirkt hat, dann bist Du automatisch fröhlich, dann kommt Dir ein Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reicht! Ein schönes Lächeln, weil der Herr treu ist! Prophetie, Gedächtnis, Nähe, brennendes Herz, apostolischer Eifer, Kultur des Endgültigen, Nein zur Ex-und-hopp-Mentalität.

Ich möchte mit zwei Worten schließen. Einem Wort, das das Schlimmste symbolisiert – ich weiß nicht, ob es das Schlimmste ist, aber es gehört zu den schlimmsten Haltungen eines Geistlichen –: die Selbstbespiegelung, die Selbstverliebtheit. Hütet Euch davor! Wir leben in einer Kultur der Selbstverliebtheit und verspüren immer die Neigung, uns selbst zu betrachten. „Nein“ zur Selbstverliebtheit, zur Selbstbespiegelung. Und „Ja“ hingegen zum Gegenteil, zu dem, was uns von aller Selbstverliebtheit befreit, „Ja“ zur Anbetung. Ich glaube, dass dies einer der Punkte ist, an dem wir weiterkommen müssen. Wir alle beten, danken dem Herrn, bitten um Gefallen, preisen den Herrn… Doch ich stelle die Frage: Beten wir den Herrn an? Du, Ordensmann oder Ordensfrau, besitzt du die Fähigkeit, den Herrn anzubeten? Das Gebet der stillen Anbetung: „Du bist der Herr“, ist das Gegenteil jener Selbstbespiegelung der Selbstverliebtheit. Anbetung, mit diesem Wort möchte ich schließen: seid Frauen und Männer der Anbetung. Und betet für mich. Danke.

Übersetzung der Ansprache vom 17. September 2015 aus dem Italienischen von Claudia Reimüller