Staatsfeind in beiden deutschen Diktaturen

Der 97jährige Priester Hermann Scheipers ist der letzte Überlebende aus dem Priesterblock des KZ Dachau Von Constantin Graf von Hoensbroech

Weil er den Staat durch „freundschaftlichen Verkehr mit Angehörigen feindlichen Volkstums“ gefährdete, kam Hermann Scheipers im Oktober 1940 in das Polizeigefängnis von Leipzig. Die Angehörigen „feindlichen Volkstums“ waren polnische Zwangsarbeiter. Aus Sicht des jungen Geistlichen gehörten auch sie zu den „Söhnen und Töchtern Gottes, denen meine Liebe und Fürsorge als Priester und Seelsorger galt“. Aus Sicht der Nationalsozialisten aber handelte es sich um „Untermenschen“, für die Scheipers Gottesdienst gefeiert hatte. Sechs Monate war er im Polizeigefängnis inhaftiert. In dieser Zeit gelang es ihm aufgrund eines günstigen Umstands, einen Blick in seine Akte werfen zu können. Dabei stellte er fest, dass sein seelsorgerischer Einsatz für die polnischen Zwangsarbeiter nur der äußere Anlass für seine Verhaftung durch die Gestapo gewesen war. Der eigentliche Grund lautete: „Scheipers ist ein fanatischer Verfechter der katholischen Kirche und deswegen geeignet, Unruhe in die Bevölkerung zu bringen.“ Die Empfehlung zur Behandlung dieses Glaubenszeugens war eindeutig: „Daher weitere Schutzhaft im KZ Dachau.“

Vor der möglichen Einlieferung in ein Konzentrationslager habe er immer große Angst gehabt, berichtet der heute 97 Jahre alte Scheipers über seine größte Sorge während seiner Leipziger Haft. „Doch ich bin Gott dankbar, dass ich durch den zufälligen Blick die klaren Aussagen der Gestapo erfahren konnte und nun wusste, woran ich bin.“ Vielleicht sei es dieser Moment gewesen, in dem ihm sein Priesterberuf zum inneren Besitz geworden ist – für sein ganzes Leben. Denn seitdem habe er in sich jene Gelassenheit wachsen gespürt, von der Romano Guardini einmal sagte: „Geborgenheit im Letzten gibt Gelassenheit im Vorletzten.“

Dass Scheipers, der seit vielen Jahren wieder in seinem westfälischen Geburtsort Ochtrup bei Münster lebt, heute immer noch so klar, eindrucksvoll und authentisch als Zeit- und Glaubenszeuge eines Jahrhunderts berichten kann, ist aus seiner Sicht den greifbaren Fügungen Gottes zu verdanken, die er selbst immer wieder erfahren durfte. Bei seinen Auftritten trägt er nicht nur jenes Signum am Revers, das ihn als Träger des Bundesverdienstkreuzes auszeichnet. Darunter hat er auch einen handtellergroßen Stoffausschnitt seiner Häftlingskleidung aus Dachau geheftet. „24255“ lautet die darin eingewobene Gefangenennummer, die zusätzlich auch noch mit auffälligen roten Dreieck unterlegt ist – das Zeichen für die politischen Häftlinge, wie in erster Linie Kommunisten und Sozialdemokraten es tragen mussten und dadurch im Lager sofort als „Staatsfeinde“ der nationalsozialistischen Machthaber identifizierbar waren. „Das irrational Böse, das unausrottbar im Menschen ist, war meine prägendste Erfahrung in Dachau“, sagt Hermann Scheipers nachdenklich und fügt hinzu: „Und das irrational Gute.“ Ein entspanntes Lächeln macht sich bei diesem Zusatz auf seinem Gesicht breit und er nimmt den Gesprächspartner mit seinen wachen Augen hinter der randlosen Brille fest in den Blick.

Während seiner fast viereinhalb Jahre im KZ Dachau war Scheipers im Priesterblock inhaftiert. In diesen Baracken hatte man die Geistlichen verschiedener Nationalität und Konfession inhaftiert. Viele von ihnen, die heute als Märtyrer ihres Glaubens im Martyriologium des 20. Jahrhunderts verzeichnet sind, hat Scheipers gekannt, ihnen bei ihrem Abmarsch in die Gaskammer noch gewunken oder sie auch sterben gesehen. Scheipers selbst entging dem gewaltsamen Tod mehrmals nur äußerst knapp, und auf dem Todesmarsch, der ihn zwei Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers in die Gaskammer führen sollte, gelang ihm auf abenteuerliche Weise die Flucht. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, zitiert der Westfale den Titel des berühmten Liedes des evangelischen Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer auf die Frage, wie er die Zeit in Dachau habe überstehen können. Viele seiner geistlichen Mithäftlinge jedoch mussten für ihre Glaubenstreue und -stärke ihr Leben lassen. Einer der Bekanntesten unter diesen war der selige Karl Leisner. Der vom Niederrhein stammende Diakon wurde im KZ Dachau von einem ebenfalls hier inhaftierten französischen Bischof zum Priester geweiht. „Ich war bei der ersten und einzigen Messe dabei, die Karl Leisner selbst gefeiert hat“, erinnert sich Scheipers an den Mitbruder im geistlichen Amt, der wenige Wochen nach der Befreiung des Konzentrationslagers an den Folgen der Haft verstarb.

Scheipers hat überlebt, und an das mutige Zeugnis der mit ihm bekannten Märtyrer zu erinnern, ist ihm seither eines seiner wichtigsten Anliegen. Dieser Tage tat er das in Köln als die nunmehr fünfte und um über 70 weitere Lebensbilder erweiterte Auflage des zweibändigen Werks „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyriologium des 20. Jahrhunderts“ im Beisein des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner vorgestellt wurde. Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz wird es vom Kölner Prälaten Professor Helmut Moll herausgegeben. Seit fast 15 Jahren trägt der Geistliche, der 1973 beim heutigen Papst Benedikt XVI. seine Doktorarbeit verfasst hat, mit rund 150 Fachleuten in allen deutschen Bistümern die katholischen Märtyrer des vergangenen Jahrhunderts nach vier Kategorien zusammen. Rund 900 Frauen und Männer sind verzeichnet als Opfer des Nationalsozialismus, als Blutzeugen aus Missionsgebieten, zudem die Schicksale von Mädchen und Ordensschwestern sowie die Opfer aus der Zeit des Kommunismus. Unter ihnen beispielsweise der Kölner Pfarrer Joseph Marxen, der 1946 in Albanien erschossen wurde und für den die albanische Bischofskonferenz im kommenden Jahr ein Seligsprechungsverfahren in Rom einleiten lassen will.

Opfer des Kommunismus ist der geistig und körperlich bemerkenswert frische und in seiner Haltung unbeugsame Prälat Hermann Scheipers zwar nicht geworden, doch unter der zweiten deutschen Diktatur mit dem „teuflischen System“ der Staatssicherheit, die ihn mehrfach als „Geheimen Informanten“ anzuwerben suchte, hat er jahrelang gelitten. Auch in der DDR avancierte Scheipers – obwohl anfangs durch das staatlich verordnete Attribut eines „Opfers des Faschismus“ besser gestellt – zum Staatsfeind. Aus seinen umfangreichen Stasi-Akten erfuhr er später, dass ihm mehrfach eine Verurteilung wegen „staatsfeindlicher Hetze“ gedroht hatte. Den Mauerfall erlebte er als „phantastisch“, denn zu DDR-Zeiten war dieses Szenario nicht zuletzt aufgrund der ständigen Präsenz von Soldaten und der vermeintlichen Stärke des Systems schlicht unvorstellbar. Die umfangreichen Erfahrungen in beiden deutschen Diktaturen machen Scheipers wahrlich zu einem Zeugen des Jahrhunderts. 1946 war er aus Westfalen in sein Heimatbistum Dresden-Meißen zurückgekehrt, das er sich als junger Priester wegen des dortigen Priestermangels erwählt hatte. „Fünf Jahre haben wir um dich gezittert, und jetzt gehst du zu den Russen“, erinnert sich der vitale Seelsorger noch lebhaft an den Kern der damaligen innerfamiliären Debatten. Doch mit Blick auf die vielen katholischen Heimatvertriebenen, die nun in der sächsischen Diaspora gestrandet waren, stand für ihn fest: „Ich werde dort noch mehr als vor dem Krieg gebraucht.“ Erst 1983 trat der Geistliche, unter anderem Ehrenbürger der sächsischen Gemeinden Hubertusburg/Wermsdorf sowie Schirgiswalde, in den Ruhestand.

Mit Zuversicht und Gelassenheit und einer Bitte, die zugleich als Ermahnung verstanden werden kann, entlässt der seit 73 Jahren im priesterlichen Dienst stehende Hermann Scheipers seine Zuhörer: „Gott schenke uns wirklich hörende Ohren und in schwierigen Situationen die Bereitschaft, das Richtige zu tun. Unsere Mitmenschen warten darauf, und Gott auch.“

„Zeugen für Christus. Das deutsche Martyriologium des 20. Jahrhunderts“, herausgegeben von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 5. erweiterte und aktualisierte Auflage, zwei Bände, 1732 Seiten, Verlag Ferdinand Schöningh, 88 Euro, ISBN: 978-3-506-75778-4.