Sprachlotse für Studienanfänger

Ein Nachschlagewerk erläutert theologische Grundbegriffe. Von Fabian Brand

Bibliothek im Collegium Albertinum in Bonn
Fachbegriffe sind der Schlüssel zum Textverständnis: Theologen lernen sie in mehreren Sprachen. Foto: SymbolKNA

Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ hat der Politikberater Erik Flügge in einem 2016 erschienenen Buch untersucht. Man mag von dieser Titelformulierung wie vom Buch selbst halten, was man will, aber doch hat Flügge mit einer bedeutenden Einsicht den Nagel scheinbar auf den Kopf getroffen: Die Kirche und die Menschen in ihr müssen über ihren Sprachgebrauch nachdenken. Dabei ist es nicht nur wichtig, auf scheinbar plumpe Formulierungen zu verzichten, sondern auch schwierige und komplexe Begriffe verständlich darzustellen. Denn beides gehört zusammen: Die Sprache der Kirche darf nicht unterfordernd, aber eben auch nicht überfordernd sein.

Ob die Herausgeber Christine Büchner und Gerrit Spallek die Anregungen Erik Flügges genutzt haben, bleibt offen. Aber mit ihrem Buch „Auf den Punkt gebracht“ setzen sie zumindest bei der Sprache an und versuchen, Grundbegriffe der Theologie einigermaßen verständlich zu erklären. Dabei handelt es sich nicht um ein Lexikon, in dem unter diversen Lemmata erschöpfend alle theologischen Begriffe aufgeführt und erklärt werden. Das ist „Auf den Punkt gebracht“ eben nicht. Vielmehr haben die beiden Herausgeber zwanzig Grundbegriffe der Theologie ausgesucht und profilierte Theologen gebeten, diese Ausdrücke kurz und verständlich zu erklären. Es geht nicht um eine umfassende Darstellung der Begriffsgeschichte, die Autoren waren vielmehr aufgefordert, ihre Erläuterungen kurz und knapp zu halten und möglichst schnell auf den Punkt zu kommen. Entstanden ist somit ein kleines Handbuch, das Begriffe wie Leib, Geist oder Schöpfung verhandelt, die in der Theologie unumgänglich sind.

Der Salzburger Dogmatiker Hans-Joachim Sander beschäftigt sich beispielsweise mit dem Thema Macht. Dabei untersucht er nicht so sehr die Frage, was überhaupt Macht ist, sondern forscht nach, wo Macht aufzuspüren ist, in welchen Räumen sie wirkt und wie sie topologisch zu fassen ist. Sander wendet sich zunächst der Metaphysik der Macht zu, die er vor allem auf der Grundlage von Machiavellis „Il Principe“ ausdeutet. In den letzten Jahren, so Sander, habe sich eine Transformation der Orte der Macht vollzogen und zwar hin zu einer Pluralisierung. Hierbei stützt er sich auf das Konzept der „Heterotopoi“ von Michel Foucault, jener Andersorte, die einen Diskurs zumuten, in denen Macht einer Relativierung unterworfen wird. Dabei kommt auch ein anderes Theorem Foucaults ins Spiel: die Pastoralmacht. Sie ist die Macht der Hirten, die ständig in der Entscheidung stehen, dem individuellen Heil oder dem allgemeinen Wohl zu dienen. Macht ist also, so macht Hans-Joachim Sander in seinem Beitrag deutlich, ein vielschichtiges Phänomen, das vor allem in der Verbindung mit der gegenteiligen Seite – der Ohnmacht – auf die Rede von Gott hinweist.

Ein anderer Beitrag, verantwortet von Jürgen Werbick, geht dem Begriff der Gnade nach. Dabei beschreibt Werbick zunächst den prekären Bedeutungsverlust, den das Wort „Gnade“ im Sprachgebrauch erfahren hat. Vielfach bekommt man es im Leben eher mit Gnadenlosigkeit zu tun, und wer will schon freiwillig auf die Gnade eines Anderen angewiesen sein? Doch gerade im christlichen Glauben ist Gnade ein zentrales Wort. Besonders bei Paulus erhält es den Akzent der rettenden Befreiung, die durch die gnadenvolle Zuwendung Jesu zur Menschheit geschieht. Obwohl wir Menschen sündig sind, nimmt Christus uns an, um uns aus der Knechtschaft der Sünde zu befreien und zu erretten. Gnade ist mit Freude verbunden. Und das macht schon der griechische Begriff „charis“ deutlich: es geht um „den Charme, der Freude weckt“. Mit dem Wort „Charme“ scheint Werbick dem auf die Spur zu kommen, was Gnade bedeuten kann. Denn Menschen sehnen sich doch danach, dass sie von anderen gerne angesehen werden, dass man über Fehler und Unschönes hinwegsieht. In unserer Bibel ist das grundgelegt: Gott schaut die Menschen gerne an, er schenkt ihnen seine Zuwendung, in seiner Gnade gewährt er den Menschen Leben in Fülle. Gnade ist auch verbunden mit Versöhnung und Vergebung. Gott sieht über die Sünde des Menschen hinweg, er schenkt Gerechtigkeit und Versöhnung, um ein Leben zu ermöglichen, dass frei ist von Konkurrenz- und Heilsangst. Gnade ist, so spitzt Jürgen Werbick in seinem Essay zu, kein welt- und lebensfremder Begriff, sondern etwas, das uns Menschen zutiefst zu eigen ist, eine Sehnsucht, die tief in den Menschen eingeschrieben ist.

„Auf den Punkt gebracht“ wirken theologische Begriffe gar nicht mehr so abschreckend. Sie gewinnen vielmehr eine Konkretheit, die im Leben des Menschen ansetzt und auf die größere Hoffnung hinweist, auf die hin wir ausgerichtet sind. Vielleicht ist es manchmal gar nicht so schlecht, gerade im Blick auf komplexe Begriffe nicht lange „um den heißen Brei herumzureden“. Schwieriger freilich ist es, pointiert zu sagen, was man meint. Aber gerade für Menschen, die keine Theologen sind, ist es unabkömmlich, verständliche Erklärungen zu erhalten, um in den Wirren des theologischen Sprachgewirrs nicht verloren zu gehen.

Jedenfalls kann das Buch eine doppelte Anregung sein: Es gibt theologisch Interessierten, explizit werden Studienanfänger genannt, eine deutliche und klare Erklärung von Begriffen, die im theologischen Sprachgebrauch immer wieder auftauchen. Es ist aber auch eine gute Anregung für Autoren, sich wieder einmal selbst bewusst zu machen, welche Bedeutung man unterschiedlichen Begriffen überhaupt zuschreibt und das auch klar und bewusst auf den Punkt zu bringen.

Christine Büchner/Gerrit Spallek (Hg.): Auf den Punkt gebracht. Grundbegriffe der Theologie. Grünewald-Verlag, Ostfildern, 2017, ISBN 978-3-7867-3119-1, EUR 20,–