Spötter, Sinnsucher, Selbstgespräche

Parallelwelten trafen auf dem Katholikentag: Katholische Glaubensinhalte werden im Zeitalter des Populismus für immer mehr Getaufte zur Provokation. Von Regina Einig

Tanzende auf der Bühne beim Hauptgottesdienst
TanzTheater Münster auf der Bühne während des Hauptgottesdienstes beim 101. Deutschen Katholikentag am 13. Mai 2018 in Münster. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Kein Kreuz, sondern ein Segel symbolisiert den 101. Katholikentag. Ein programmatisches Leitmotiv, doch fehlt ein klarer Kurs. Wer Christus in den Mittelpunkt stellt, muss in Münster jedenfalls mit Gegenwind rechnen. Passaus Bischof Stefan Oster SDB bekommt das zu spüren, als er auf dem Podium zur Jugendsynode das katholische Amtsverständnis erläutert. Der eloquente Salesianer ist davon überzeugt, dass es kein Zufall ist, dass Christus als Mann zur Welt kam und der priesterliche Dienst am Altar die Frauenweihe ausschließt. „Das glaubt doch kein Mensch mehr“, blafft ein junger Mann. Der Jugendbischof reagiert entspannt: „Es gibt ein paar, die es glauben.“ Thomas Andonies (BDKJ) gebetsmühlenartig vorgetragene Forderungen nach dem Weiheamt für Frauen, Segnungen Homosexueller, Mitbestimmung auf allen Ebenen und Dezentralisierung bieten in der nicht einmal zur Hälfte besetzten Aula der Gesamtschule Mitte ein Déja-vu-Erlebnis. Die Betriebstemperatur steigt, als die Eichstätter Religionspädagogin Simone Birkel den Stab über junge Geistliche bricht: „Bei uns heißt es: Hoffentlich kein junger Priester, weil die mit einem klerikalen Anspruch auftreten, der für normale Jugendliche nicht attraktiv ist.“

Populismus und Anbiederungsversuche prägen etliche Debatten in Münster. Unter Rechtfertigungsdruck gerät, wer für die unverkürzte katholische Lehre eintritt. Den sieben Bischöfen, die im Kommunionstreit um konfessionsverschiedene Ehen keinen deutschen Sonderweg gehen wollen, zeigt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am ersten Tag die gelbe Karte. Als evangelischer Christ in einer konfessionsverschiedenen Ehe hofft er auf das gemeinsame Abendmahl. Es klingt aber wie eine Forderung. ZdK-Präsident Thomas Sternberg legt nach, Katrin Göring-Eckart und Winfried Kretschmann (beide Bündnis 90/Die Grünen) stimmen in den Chor ein.

Auf dem Podium mit Kardinal Rainer Maria Woelki zeigt der Kabarettist Eckart von Hirschhausen, wie weit die Auffassung eines evangelischen Christen über die Kommunion vom katholischen Glauben abweichen kann: Da er über seine katholische Ehefrau Kirchensteuer zahle, wolle er „auch die Oblate – oder mein Geld zurück“. Wieherndes Gelächter und Applaus im Publikum, Kölns Erzbischof weist ihn auf das grundverschiedene Verständnis hin. Befremden über den Vorfall äußert der bosnische Bischof Franjo Komarica: „Hat er keine Ahnung, was die heilige Kommunion für uns ist? Oder will er das, was Katholiken besonders heilig ist, absichtlich lächerlich machen?“, fragt der Bischof von Banja Luca im Gespräch mit dieser Zeitung. Es gehe beim Kommunionstreit um Identitätsfragen: „Was verstehen die Gläubigen unter Katholisch- und Evangelischsein? Darüber machen sich viele Menschen nicht allzuviele Gedanken.“ Von Hirschhausen entschuldigt sich am Samstag. Es tue ihm leid, wenn er am Vortag Gefühle von Menschen verletzt habe.

Die kirchliche Gemeinschaft in Münster ähnelt eher einem Nebeneinander als einem Miteinander: Lesben und Schwule sind auf der Kirchenmeile ebenso vertreten wie traditionsbewusste Kirchgänger. Manche Stimmen wirken wie ein Korrektiv. Kardinal Anders Arborelius OCD rückt überhöhte Erwartungen an konfessionsverschiedene Ehen zurecht. Während der vormalige Präsident des vatikanischen Einheitsrates, Kardinal Walter Kasper, diese Paare als „Frischzelle im Leib Christi der Kirche“ empfiehlt, äußert sich der 68-jährige Bischof von Stockholm zurückhaltender: Die meisten Protestanten, die in Schweden mit Katholiken verheiratet seien, sind seiner Erfahrung nach religiös gleichgültig. Sehnsucht nach Eucharistiegemeinschaft? Nur selten. Der erste schwedischstämmige Kardinal der Geschichte wuchs selbst protestantisch auf, ohne in der Kirche von Schweden wirklich heimisch zu werden. Mit 20 Jahren konvertierte er zum Katholizismus. Besorgt zeigt sich der Vorsitzende der orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Metropolit Augoustinos, über das Wetterleuchten der „Ökumene von unten“. Er warnt die katholischen Brüder vor einem Schisma.

Kritisch fällt auch das Urteil junger geflüchteter Christen aus dem Irak und Syrien über den religiösen Ist-Zustand der Deutschen aus. „Hier glaubt man an die Arbeit oder höchstens noch an Fußball, aber nicht an Gott“, erklärt Alaa Murad stellvertretend für die drei jungen Leute, die der Gemeinde der arabisch sprechenden Christen in Münster angehören.

Dabei sind die wunderbaren Gotteshäuser in Münster für deutsche Verhältnisse bestens besucht. In Scharen kommen die Gläubigen zu den Morgenmessen in der Innenstadt und zur eucharistischen Anbetung. Vom Tretbootgottesdienst auf dem Aasee über das Stundengebet und Nightfever bis zur Wallfahrt wird für jede spirituelle Geschmacksrichtung etwas geboten. Bei sommerlichen Temperaturen machen sich tausend Wallfahrer am Samstag zu Fuß und per Rad unter dem Leitwort „Lenke unsere Schritte auf den Weg des Friedens“ auf den zwölf Kilometer langen Weg von Münster zum Heiligtum der Schmerzhaften Muttergottes in Telgte. Pilgern im Rahmen eines Katholikentags gab es bereits 2014 in Regensburg – in Westfalen zündet das Angebot genauso wie in der Oberpfalz.

Viele Sinnsucher erhoffen Antworten auf Lebens- und Glaubensfragen. Das Podium über Liebe, Ehe und Sexualität mit dem Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp wird wegen Überfüllung geschlossen.

Eine faszinierende Gestalt stellen Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer und der emeritierte Hamburger Erzbischof Werner Thissen vor: den einzigen in einem NS-Konzentrationslager geweihten Priester, Karl Leisner (1915–45). Voderholzer würdigt ihn als „Prophet eines christlichen Europas“ und erinnert an die tragische Jahre, in denen Christen gegeneinander Krieg führten. Der Nationalismus habe sich als stärker als die Gemeinschaft der Getauften erwiesen: „Blut ist zäher als Wasser.“ Für ein vereintes Europa sei Leisner ein Vorbild. Viele Jugendliche wollen etwas über den Niederrheiner erfahren, dessen Priesterweihe durch Erzbischof Gabriel Emmanuel Joseph Piguet von Clermont-Ferrand in Dachau als Baustein deutsch-französischer Aussöhnung gilt.

Glaubenszeugen und Märtyrer bewegen die Christen der Gegenwart. Auch wenn der Martyriumsbegriff unter Katholiken und Protestanten unterschiedlich definiert wird – Selbstmörder scheiden aus katholischer Perspektive als Märtyrer aus – bietet das Thema interessante ökumenische Aufhänger. Die 1954 ermordete katholische Reinheitsmärytrerin Brigitte Irrgang tritt in Münster als konfessionsverbindende Gestalt hervor: Ihr Andenken wird seit Jahren auch von evangelischen Christen gepflegt.

In der Bilanzpressekonferenz zeigt sich Bischof Felix Genn erfreut darüber, dass der Katholikentag keine „Friede-Freude-Eierkuchen-Veranstaltung“ gewesen sei. Optimistisch äußerte sich Münsters Oberhirte zur Situation der Kirche in Deutschland: „Wandel heißt, nach vorne zu schauen und nicht nur zu sagen: ‚Früher war alles besser.‘ Das war es nicht. Totgesagte länger leben länger“.

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