Spannungen, Strömungen, Klärungsbedarf

Ein Grund zum Jubeln war es nicht – Die Frage, ob die katholische eine Kirche ist: Kardinal Kurt Koch vom vatikanischen Einheitsrat zieht Bilanz der orthodoxen Synode auf Kreta. Von Guido Horst

Starken Eindruck hat auf Kurienkardinal Kurt Koch die Eröffnungssitzung des Konzils auf Kreta gemacht. Foto: IN
Starken Eindruck hat auf Kurienkardinal Kurt Koch die Eröffnungssitzung des Konzils auf Kreta gemacht. Foto: IN
Selbstbewusst hat man auf Kreta das Panorthodoxe Konzil beendet: eine Botschaft, eine Enzyklika – und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios erklärte, das 21. Jahrhundert könne das Jahrhundert der Orthodoxie werden. Tatsächlich aber lastete auf dem „Großen und Heiligen Konzil“ eine Hypothek: Vier Kirchen fehlten, darunter die mitgliederstärkste mit dem größten Territorium: die russische Orthodoxie. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Es war natürlich sehr schade, dass vier Kirchen nicht anwesend waren, obwohl sie – Antiochia ausgenommen – im Januar alles mit entschieden hatten. Auf der anderen Seite hat es, wenn wir in die Geschichte schauen, bei den Konzilien im ersten Jahrtausend auch solche gegeben, bei denen verschiedene Kirchen nicht anwesend waren – und trotzdem hat man diese Konzilien als gültig erachtet. Ich denke, dass die Kirchen, die auf Kreta nicht dabei waren, jetzt die Möglichkeit haben, zu den Ergebnissen des Konzils Stellung zu nehmen. Für die Orthodoxen ist ein Konzil ohnehin erst abgeschlossen, wenn es rezipiert ist.

Sie haben es eben gesagt: Noch im Januar hatte es so ausgesehen, dass alle vierzehn Patriarchate an der Synode teilnehmen und ein Konsens über die zu verabschiedenden Dokumente besteht. Was ist dann bis Juni geschehen, bis zum Start des Rumpf-Konzils? Warum haben dann doch vier Kirchen abgesagt?

Das ist sehr schwierig zu sagen. Es ist für mich auch schwierig zu verstehen, warum diese vier Kirchen im letzten Moment ihre Teilnahme abgesagt haben. Man kann hier nur Vermutungen anstellen. Ich denke, dass eine Vermutung in die Richtung gehen könnte, dass in den einzelnen Kirchen Spannungen und Differenzen entstanden sind und dass die Synoden mit den von den Patriarchen unterzeichneten Texten nicht einverstanden gewesen sind. Aufgrund solcher Auseinandersetzungen in der eigenen Kirche sind die Patriarchen dann in eine schwierige Situation geraten.

Gilt das dann auch für die russische Orthodoxie? Waren das interne Spannungen in Moskau, die die Absage der Russen provoziert haben?

Bereits nach der Begegnung zwischen Papst Franziskus und dem Patriarchen Kyrill auf Kuba hat es in Russland einige negative Reaktionen gegeben. In einigen sehr scharfen Reaktionen ist dem Patriarchen sogar vorgeworden worden, die Orthodoxie verraten zu haben. Dies hat gezeigt, dass es in der russisch-orthodoxen Kirche Spannungen gibt. Ich denke, dass diese dann auch im Hinblick auf das Konzil erneut zutage getreten sind.

Wie haben Sie die Versammlung auf Kreta erlebt: niedergeschlagen, trotzig – oder doch hoffnungsvoll, dass die vier fehlenden Kirchen sich später dem Ergebnis der Synode anschließen werden?

Dies ist für mich sehr schwierig zu beurteilen, weil wir Beobachter an den Sitzungen nicht teilnehmen konnten. Wir waren nur bei der Eröffnungs- und Schlusssitzung anwesend. Aber den ganzen Konzilsverlauf haben wir nicht miterlebt, sodass es schwierig ist, ihn zu beurteilen. Auf mich hat vor allem die Eröffnungssitzung mit einer deutlichen Rede des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios und der Unterstützung, die er von den anderen Patriarchen erhalten hat, einen starken Eindruck gemacht. Von daher denke ich, dass das Konzil für die anwesenden Kirchen ein großes Ereignis gewesen ist.

Gibt es bei so einer Synode auch persönliche Gespräche? Sie waren zwar nicht bei den Sitzungen dabei, aber hat man vielleicht gemeinsam gegessen. Haben sie miteinander „geplaudert“ über das, was da auf Kreta passiert? Oder war alles ganz offiziell, ohne persönlichen Austausch?

Es hat nach der ersten Sitzung ein Essen mit den Patriarchen gegeben und ein weiteres nach der letzten. Ansonsten waren wir einige Kilometer von der Akademie entfernt. Der Ökumenische Patriarch hat ein großes Programm für die Beobachter vorbereitet. Wir konnten die Metropolien und viele Klöster auf Kreta besuchen – mit einer beeindruckenden Gastfreundschaft, für die wir dankbar sind. Dies bedeutet aber auf der anderen Seite, dass wir uns nicht in der Nähe des Konzils aufgehalten und deshalb wenig Kontakt mit den Konzilsteilnehmern gehabt haben.

Die Bulgaren und die Georgier hatten ihre Absagen mit der ausdrücklichen Ablehnung der Ökumene begründet. Was ist für diese denn die römische Kirche? Ist die Ökumene nicht auch ein Anliegen der Orthodoxie?

Zunächst einmal muss man sagen, dass die Georgische Kirche nicht in erster Linie wegen der Ökumene nicht gekommen ist, sondern wegen des Dokumentes über die Mischehe, die es in der Georgischen Kirche nicht geben darf. Die anderen Kirchen sind diesbezüglich offener und geben dem Bischof eine pastorale Entscheidungskompetenz in dieser Frage. Natürlich betrifft diese Frage auch die Ökumene. Das Dokument über die Ökumene ist von den sechs Dokumenten, die beraten worden sind, dasjenige, das am längsten und intensivsten diskutiert worden ist.

Diesbezüglich sind verschiedene Strömungen sichtbar geworden. Eine Strömung ist von der Ökumenischen Bewegung überzeugt. Sie wird vor allem vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios vertreten, der in den öffentlichen Sitzungen sehr deutlich seine Dankbarkeit für die Anwesenheit der ökumenischen Beobachter zum Ausdruck gebracht hat. Daneben gibt es eine andere Strömung, die gegenüber der Ökumene viele Bedenken hat. Der wohl strittigste Punkt im Dokument über die Ökumene ist wohl derjenige gewesen, wie die anderen Kirchen zu bezeichnen sind. Diesbezüglich hat man die Kompromissformel gefunden, dass die Orthodoxen bei den anderen die „historische Bezeichnung als Kirche“ anerkennen. Was dies genau heißt, wird freilich noch zu zeigen sein.

„Ich denke auch nicht, dass der Ökumenische Patriarch beschädigt worden ist“

Überraschend ist für mich vor allem, dass überhaupt kein Unterschied zwischen der katholischen Kirche und den anderen Kirchen gemacht wird. Die orthodoxe Kirche nimmt für sich in Anspruch, die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, gegründet auf der Eucharistie und der Apostolischen Sukzession zu sein. Diese kirchliche Struktur teilt nun aber die katholische Kirche mit der orthodoxen Kirche. Dass dies nicht erwähnt und deshalb kein Unterschied gemacht wird zwischen den Kirchen, die dieselbe ekklesiale Struktur wie die orthodoxe Kirche haben, und den anderen, beispielsweise protestantischen Kirchen, ist durchaus etwas befremdlich. Es dürfte aber damit zusammenhängen, dass die orthodoxe Kirche das Konzept einer gestuften Zugehörigkeit zur Kirche, wie es im Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert ist, nicht kennt, sondern gleichsam nach dem Prinzip „Alles oder nichts“ urteilt.

Aber ist das nach 55 Jahren der Vorbereitung dieser Synode nicht ein Rückschlag für die katholische Kirche oder für die ökumenischen Bemühungen der katholischen Kirche in Richtung Orthodoxie?

Wenn wir in der Gemischten Internationalen Kommission zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche über das zentrale Thema des Verhältnisses zwischen Synodalität und Primat arbeiten und dabei nicht geklärt ist, ob die Orthodoxie die katholische Kirche als Kirche anerkennt, ist dies keine einfache Situation. Diese Frage muss vertieft werden. Im Ganzen bin ich aber froh und dankbar, dass das Dokument über die Ökumene vom Konzil angenommen worden ist. Die orthodoxen Kirchen haben damit die bisher geführten ökumenischen Dialoge bestätigt und die Bereitschaft, sie weiter zu führen, erklärt.

Ist Patriarch Bartholomaios mit der Rumpf-Synode auf Kreta nun innerhalb der Orthodoxie beschädigt?

Ich würde nicht von einer Rumpf-Synode sprechen, und ich denke auch nicht, dass der Ökumenische Patriarch beschädigt worden ist. Man wird vielmehr sagen müssen, dass die Botschaft, die das Konzil der Welt hätte geben wollen und sollen, etwas Schaden gelitten hat. Denn es ist das erklärte Ziel gewesen, deutlich bewusst zu machen, dass es zwar autokephale Kirchen gibt, dass diese sich aber auf der universalen Ebene als die eine orthodoxe Kirche verstehen. Dass dies nicht so deutlich sichtbar gemacht werden konnte, ist zu bedauern. Vielleicht zeigt sich hier auch in den orthodoxen Kirchen ein Unterschied dahingehend, dass für die einen die Sichtbarkeit der einen orthodoxen Kirche auf der Weltebene sehr wichtig ist, und dass die anderen den Schwerpunkt mehr in der Autokephalie auf der regionalen Ebene sehen.

Wie geht es weiter? Wird es tatsächlich den synodalen Prozess geben, der auf Kreta angekündigt wurde – und wie kann der aussehen?

Es hat während des Konzils einige Voten gegeben, dass man alle sieben oder zehn Jahre ein Konzil abhalten sollte. Doch diesbezüglich ist nichts entschieden worden. Diese Frage wird bei den nächsten Synaxen der Patriarchen besprochen und entschieden werden. Es könnte ja sein, dass man eine ähnliche Erfahrung wie beim Zweiten Vatikanischen Konzil gemacht hat. Denn diejenigen, die es vorbereitet hatten, waren der Meinung, dass es in wenigen Wochen über die Bühne gehen könnte. Daraus sind dann freilich drei Jahre geworden. Vielleicht hat auch die Panorthodoxe Synode gezeigt, dass es mehr gemeinsame Beratungen braucht und dass der konziliare Weg weiter beschritten werden soll. Dies hoffe ich jedenfalls für die Orthodoxe Kirche.

Kreta war jetzt nicht der „orthodoxe Handschlag“ in die Richtung der katholischen Kirche, um nun das Nahziel der Kircheneinheit beziehungsweise der Kommuniongemeinschaft zügig anzupacken. Muss Rom nun wieder getrennt mit allen Patriarchaten das ökumenische Gespräch führen?

Nein, das Konzil hat vielmehr gezeigt, dass wir in der Internationalen Gemischten Kommission den Weg wie bisher weitergehen können und sollen. Es ist ja die Entscheidung der orthodoxen Kirche gewesen, dass nicht bilaterale theologische Dialoge geführt werden, sondern dass in der genannten Kommission alle orthodoxen Kirchen mitwirken, Dieses bisherige Vorgehen ist nicht infrage gestellt worden. Es ist freilich auch deutlich geworden, dass der Weg zur Wiedergewinnung der Einheit zwischen Ost und West sehr viel länger ist, als man in den sechziger Jahren gemeint hat. Ich erinnere mich gerne an das Wort des damaligen Ökumenischen Patriarchen Athenagoras, dass Katholiken und Orthodoxe denselben Glauben teilen, dass sie einander lieben und dass es deshalb Zeit ist, gemeinsam an denselben eucharistischen Altar zu treten. Von dieser Leidenschaft sind wir heute leider entfernt. Sie ist zwar durchaus bei nicht wenigen auch orthodoxen Bischöfen gegenwärtig, die gehofft haben, dass das Konzil weitere Schritte tun würde. Doch wir müssen unser Augenmerk jetzt vor allem darauf richten, was auf Kreta positiv geschehen ist, und darauf weiter bauen.