Spannende Exerzitien

Raniero Cantalamessa betrachtet die Seligpreisungen. Von Hinrich E. Bues

Die Kirche auf dem Berg der Seligpreisungen (Schech 'Ali) am See Genezareth. Foto: KNA
Die Kirche auf dem Berg der Seligpreisungen (Schech 'Ali) am See Genezareth. Foto: KNA

Wer möchte nicht einmal dabei sein, wenn im päpstlichen Hause, in der Casa Pontifica, in Anwesenheit von Papst Benedikt XVI. geistliche Exerzitien gehalten werden? Zumindest in Buchform ist das nun möglich. Die hier vorgelegten acht Vorträge über die Seligpreisungen wurden im Advent 2006 und in der Fastenzeit 2007 ebendort von Papstprediger und Professor für die Geschichte der Alten Kirche, Raniero Cantalamessa, gehalten.

Die Seligpreisungen gelten seit jeher als Höhepunkt und Zusammenfassung der Predigt Christi. Wie aber wird daraus eine geistliche Lektüre, eine Betrachtung, die den Glauben aufbaut und vertieft? Raniero Cantalamessa legt dazu, vergleichbar den Zufahrtsstraßen zu einem Kreisverkehr, mehrere Zugänge. Zum einen durch die exegetische Betrachtung, die dem Leser hilft, den wörtlichen und kontextuellen, zuweilen auch kontroversen Sinn zu verstehen. Daneben wendet Cantalamessa ebenso wie Benedikt XVI. die sogenannte kanonische Exegese an, die hohe Kunst, eine Bibelstelle im Gesamtzusammenhang der Bibel zu deuten. Einen dritten Zugangsweg erschließt der Autor dem Leser durch die kenntnisreiche Auslegung der Kirchenväter, einen vierten schließlich durch die zuweilen gewagten Betrachtungen moderner Dichter und Schriftsteller.

Auf diese Weise wird jede Seligpreisung aus dem Munde des Herrn gleichsam mehrmals umrundet, betrachtet, beleuchtet und aktualisiert. Der Leser erfährt auf diese Weise, warum und inwiefern auch er selbst selig gepriesen werden kann. Oberflächlich betrachtet ist das ein verwegenes Unterfangen, denn Jesus bezeichnet ja genau die Menschen als überglücklich, denen es offenkundig besonders schlecht auf der Erde ergeht: Arme, Weinende, Friedensstifter und Sanftmütige, Barmherzige und im Namen Christi Verfolgte. Ihnen sagt Jesus „schon jetzt“ das Himmelreich zu und prophezeit gleichzeitig eine neue Zeit, in der genau diese eigentlich Unseligen zu den Gewinnern zählen werden.

Der synoptische Vergleich der acht Seligpreisungen, die der Evangelist Matthäus an den Beginn der Bergpredigt stellt, mit den vier Seligpreisungen und ebenso vielen Wehe-Rufen, die der Evangelist Lukas in der genannten Feldrede aufgezeichnet hat, ringt der Autor jeweils um eine eigene Version. Sie eröffnet an vielen Stellen erstaunliche und neue Sichten. Es sind die Polaritäten und scheinbaren Widersprüche, die Cantalamessa reizen, um dem Geheimnis der Seligpreisungen näherzukommen. Etwa die Polarität von „schon jetzt“ und „noch nicht“, wie die Exegeten sagen. Genau hier lauert das Problem der Aktualisierung. Schlägt sich ein Prediger zu sehr auf die Seite des „jetzt“, dann wird er zum Schwärmer; schlägt er sich auf die Seite des „morgen“, vertröstet man die Menschen auf das bessere Jenseits – ein alter Vorwurf der Religionskritiker.

Diesem Problem weicht Cantalamessa nicht aus, sondern versucht gerade aus vermeintlichen Widersprüchen oder Gegensätzen geistliches Kapital zu schlagen. So etwa bei dem bei Matthäus genannten „spirituell Armen“ und den bei Lukas „materiell Armen“. Im Blick auf die Person Christi löst sich dieser scheinbare Widerspruch bei den beiden Evangelisten zu einem mehrdimensionalen Bild Christi und damit für die Nachfolge von Christen auf, wie dies der Apostel Paulus an die Korinther zusammenfasste: durch die materielle Armut Christi zu spirituellem Reichtum gelangen (2 Kor 8, 9).

In Anlehnung an eine Betrachtung der sel. Angela von Foligno erweitert Cantalamessa diese Sicht noch um einen prozesshaften Gedanken. Er unterscheidet die Armut im Haben von der Armut im Sein. Bei genauerer Betrachtung erscheine der Sohn Gottes zunächst nicht als der „Ärmste der Armen“, wie er heute gerne von sozial orientierten Christen charakterisiert wird. Jesus habe als Handwerker im Betrieb des heiligen Josef, einem „Baumeister“ (tekton) der damaligen Mittelschicht angehört und nicht dem damaligen Proletariat oder Prekariat. Jesus habe in der Zeit als Wanderprediger auch im Hause der Reichen verkehrt, sei von wohlhabenden Frauen versorgt worden und als „Rabbi“ öffentliche Wertschätzung erlebt. Doch auf dem Weg nach Jerusalem sei er immer ärmer geworden, sowohl in der Dimension der Habens wie des Seins.

Genau hier kann der Leser oder Hörer einsteigen, der den Spuren Jesu folgen will. Es ist in gewisser Weise ein ständiger gesellschaftlicher und materieller Abstieg, den Jesus hier vorschlägt und mit der Verheißung der Seligkeit begründet. Ob das im Rahmen eines gewöhnlichen Berufs- oder Familienleben oder in der Lebensform der „freiwilligen Armut“ geschieht, die der Autor als Kapuzinermönch für sich gewählt hat, ist dabei nicht entscheidend, wenn die Richtung des Armwerdens eingehalten sei. Gleiches gelte für die „spirituell Armen“, wo Gott im Gebet, in der „Kontemplation“, die leeren Hände und Herzen der Gläubigen immer wieder neu füllen werde.

Ein gewagter, aber gangbarer Weg

Es sind diese Ausblicke, diese Einblicke in die Person und das Leben Jesu, erhellt durch die biblischen Zeugnisse und vertieft durch die Aussagen von Kirchenvätern oder Heiligen, die diese Exerzitien so spannend machen. Hier ist nicht der Geist der Überforderung oder der scheinheiligen Selbstpreisung zu spüren, sondern ein durchaus gangbarer, wenn auch utopischer, gewagter Weg. Die Interpretationen, die Cantalamessa aus dem Fundus der Dichter und Schriftsteller der Moderne hinzufügt, mögen dabei auch manche Kritik auslösen. So zum Beispiel am Untertitel, den wohl der Verlag wählte, der jedoch in der italienischen Originalfassung nicht vorkommt (Le beatidudine evangelische – Otto gradini verso la felicita). Der Untertitel erinnert an buddhistische Wegweisungen zum Glück, was verkaufsfördernd wirken mag, aber dem wirklichen Inhalt und Anspruch der Seligpreisungen Jesu nicht entspricht. Mit dem einfachen Wort „Glück“ wird die oben beschriebene Polarität, die innere Spannung und das Mysterium der Seligpreisungen vorschnell aufgelöst. Die Rede Jesu lässt sich gerade nicht in einem eins-zu-eins-Maßstab auf das alltägliche Leben übertragen.

Besonders wichtig ist dieser Ansatz auch bei der letzten Seligpreisung, der um Jesu willen und der Gerechtigkeit Verfolgten und Beschimpften, der es wahrlich nicht an Aktualität mangelt. Denn in immerhin fünfzig Ländern, darunter vierzig islamische, erleiden Christen im Jahr 2011 schärfste Verfolgung bis hin zum Tod. Im 20. Jahrhundert, sagt die traurige Statistik, sind mehr Christen wegen des Glaubens ermordet worden, als zusammengerechnet in den 1 900 Jahren zuvor. Neben der Tötung erleiden Christen auch eine weitgehend unsichtbare Form der Verfolgung, wie Cantalamessa feststellt: Die „Ausgrenzung“ oder Diskriminierung um des Glaubens willen. Sie gehörte nicht nur zum Alltag der untergegangenen DDR sondern nimmt auch im vereinigten Deutschland durch einen zunehmend aggressiven Atheismus und Materialismus zu.

Der Wehe-Ruf des Evangelisten Lukas über die, die von allen gelobt werden, bildet dazu einen Kontrast, der ebenfalls sehr aktuell ist. Auf fast prophetische Weise beschreibt hier Jesus den wohl zeitlosen Mainstream der öffentlichen Meinung, den die „falschen Propheten“ so attraktiv finden. Die Seligpreisungen und die Wehe-Rufe haben eine historische und eine prophetische Dimension, schreibt Cantalamessa. Sie zeichnen die „Situation der Jünger des Lammes in jeder historischen Epoche“. Neben der gewaltsamen Verfolgung durch totalitäre Regime gäbe es heute, sagte Papst Benedikt zum Weltfriedenstag 2007, „eine systematische kulturelle Verhöhnung religiöser Überzeugungen“ durch religiös indifferente Regierungen. Wie es um die deutsche Regierung diesbezüglich steht, wird man beim Papstbesuch im September sehen. Für den Gläubigen gilt es, wie Cantalamessa rät, in all diesen Konflikten das ewige Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: das wahre Glück, das sich – auch unter Drangsal – im Leben des Gläubigen auch schon jetzt einstellt.

Raniero Cantalamessa: Selig seid ihr..., Acht Wegweisungen zum Glück, Adamas Verlag Köln, 2010, broschiert,

168 Seiten, EUR 14, 50