Spaltungen unter Christen: ein Ärgernis

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz am 22. Januar 2013

Papst Franziskus begrüßte am Mittwoch eine junge Audienzbesucherin. Foto: dpa
Papst Franziskus begrüßte am Mittwoch eine junge Audienzbesucherin. Foto: dpa

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Am vergangenen Samstag hat die „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ begonnen, die am kommenden Samstag, dem Fest der Bekehrung des heiligen Apostels Paulus, zu Ende gehen wird. In diese geistliche Initiative, die heute wertvoller ist denn je, sind die christlichen Gemeinden seit mehr als hundert Jahren eingebunden. Es handelt sich um einen Zeitraum, der dem Gebet für die Einheit aller Getauften gewidmet ist, gemäß dem Willen Christi: „Alle sollen eins sein“ (Joh 17, 21). Jedes Jahr sucht eine ökumenische Gruppe aus einem Gebiet der Welt unter der Leitung des Ökumenischen Rats der Kirchen und des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen das Thema aus und bereitet Arbeitshilfen für die Gebetswoche vor. Dieses Jahr kommen die Arbeitshilfen von den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften Kanadas und beziehen sich auf die Frage, die der heilige Paulus an die Christen von Korinth gerichtet hat: „Ist denn Christus zerteilt?“ (1 Kor 1, 13).

Christus war gewiss nicht zerteilt. Doch wir müssen ehrlich und bekümmert erkennen, dass unsere Gemeinschaften weiter getrennt sind und so ein Ärgernis darstellen. Die Spaltungen unter uns Christen sind ein Ärgernis. Es gibt kein anderes Wort: ein Ärgernis. „Jeder von euch – schrieb der Apostel – sagt etwas anderes: Ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus“ (1, 12). Auch diejenigen, die sich zu Christus als ihrem Haupt bekannten, erhielten von Paulus keinen Beifall, weil sie den Namen Christi benutzten, um sich von den anderen innerhalb der christlichen Gemeinschaft zu lösen. Doch der Name Christi schafft Gemeinschaft und Einheit, nicht Spaltung! Er ist gekommen, um Gemeinschaft unter uns zu schaffen, nicht um uns zu trennen. Die Taufe und das Kreuz sind zentrale Merkmale der christlichen Jüngerschaft, die uns gemeinsam sind. Die Spaltungen hingegen schwächen die Glaubwürdigkeit und die Wirksamkeit unseres Einsatzes für die Evangelisierung und bergen die Gefahr, das Kreuz seiner Kraft zu berauben.

Paulus tadelt die Korinther für ihre Streitigkeiten, doch er dankt auch dem Herrn „für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis“ (1, 4–5). Diese Worte des Paulus sind nicht eine einfache Formsache, sondern ein Zeichen, dass er zunächst – wobei er sich aufrichtig freut – die Gaben sieht, die Gott der Gemeinschaft geschenkt hat. Diese Haltung des Apostels ist eine Ermutigung für uns und für jede christliche Gemeinschaft, voller Freude die Gaben Gottes zu erkennen, die sich in anderen Gemeinschaften finden. Trotz des Kummers über die Spaltungen, die leider immer noch andauern, wollen wir die Worte des Paulus als Einladung auffassen, uns aufrichtig über die Gnaden zu freuen, die Gott anderen Christen gewährt hat. Wir haben dieselbe Taufe empfangen, denselben Heiligen Geist, der uns die Gnade geschenkt hat: Erkennen wir das und freuen wir uns darüber.

Es ist etwas Schönes, die Gnade zu erkennen, mit der Gott uns segnet und noch mehr, in anderen Christen etwas zu finden, dessen wir bedürfen, etwas, das wir von unseren Brüdern und Schwestern wie ein Geschenk empfangen könnten. Die kanadische Gruppe, die die Arbeitshilfen für die diesjährige Weltgebetswoche vorbereitet hat, hat die Gemeinden nicht dazu eingeladen, darüber nachzudenken, was sie den Christen geben könnte, die ihnen am nächsten sind, sondern sie hat sie aufgefordert, sich zu treffen, um zu verstehen, was „alle“ jeweils von den anderen empfangen können. Das erfordert ein wenig mehr. Das erfordert viel zu beten, das erfordert Demut, das erfordert Nachdenken und ständige Umkehr des Herzens. Verfolgen wir diesen Weg weiter und beten wir für die Einheit der Christen, damit dieses Ärgernis ein Ende findet und nicht mehr unter uns ist.

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Besucher aus dem deutschen Sprachraum:

Von Herzen begrüße ich die Pilger deutscher Sprache. Liebe Freunde, Jesus hat gesagt, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen (vgl. Mt 18, 20). Nehmen wir uns die Worte des Herrn zu Herzen und kommen wir mit den Brüdern und Schwestern der anderen christlichen Gemeinschaften zum gemeinsamen Gebet zusammen. Der Heilige Geist begleite euch auf euren Wegen.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller