Sonntagslesung: Zum Urteil gehört die Gerechtigkeit - Sirach 27,4-8; 1 Kor 15,54-58; Lukas 6,39-45

Kritisches Denken beginnt beim Blick auf sich selbst. Von Martin Grichting

Die erste Lesung aus dem Alten Testament (Sirach 27, 4–7) ist fast schon eine Einladung zum fröhlichen Urteilen über andere. „Im Sieb bleibt, wenn man es schüttelt, der Abfall zurück; so entdeckt man den Unrat eines Menschen in seinem Denken“, heißt es da. Und weiter: „Der Brennofen prüft Töpferware, und die Erprobung des Menschen geschieht in der Auseinandersetzung mit ihm.“ Und schließlich gibt uns das Buch Jesus Sirach sogar noch folgenden Rat: „Lobe keinen Menschen, ehe du nachgedacht hast; denn das ist die Prüfung für jeden!“

Nun entspricht es sicher der menschlichen Klugheit, sich ein Urteil über die Menschen zu bilden, mit denen man zusammenlebt und arbeitet. Man muss eine klare Vorstellung haben davon, was der andere kann und was nicht, nur schon, um ihn nicht zu überfordern. Ein Lehrer muss Noten geben. Das heißt: Es muss ein Urteil gefällt werden über die Fähigkeiten der Schüler. Ein Chef muss einem Angestellten ein Zeugnis ausstellen über dessen Arbeitsleistung. Um das Urteilen über andere kommt man in der Wirklichkeit nicht herum. Genau diese Binsenwahrheit spricht die Lesung aus dem Alten Testament aus. Sie stammt aus dem Buch Jesus Sirach, das etwa dreihundert Jahre vor Christus verfasst wurde. Dieses Buch gehört zur sogenannten Weisheitsliteratur, weil hier Weisheiten, menschliche und göttliche, verkündet werden.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass es schwierig ist, über andere zu urteilen und dabei gerecht zu sein. Denn es gibt immer einen Ermessensspielraum. Es gibt persönliche Überzeugungen, Vorlieben und Haltungen, die einen beim Urteilen beeinflussen. Die reine Objektivität gibt es nicht. Und dennoch scheint es uns einfacher zu fallen, andere zu beurteilen, einzuschätzen, als uns selbst gerecht zu beurteilen. Wir haben doch meist ein ziemlich feines Sensorium für die Fehler und Schwächen der anderen. Wir spüren bei ihnen oft instinktiv, dass da etwas nicht stimmt, dass zwischen dem Gesagtem und dem Gedachtem ein Unterschied besteht. Wir merken, dass einer nicht so lebt, wie er redet. Und dann sind wir oft auch gerne bereit, unser Urteil klipp und klar zu fällen. Mit uns selber sind wir dagegen meist viel gnädiger.

Wir führen bei uns selbst die mildernden Umstände an, die wir bei anderen nicht gern gelten lassen. Wir entschuldigen Dinge bei uns, die wir bei anderen missbilligen. Die Einladung zum kritischen Urteilen über andere, welche die erste Lesung scheinbar so unbekümmert ausspricht, muss deshalb ergänzt werden. Und sie wird ergänzt durch das Evangelium des heutigen Sonntags.

Es heißt dort: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen“. Das bedeutet: Wenn wir den anderen gegenüber nicht blauäugig sein sollen, dann sollten wir auch uns gegenüber nicht blauäugig sein. Wir sollen mit der gleichen Hellsichtigkeit, mit der wir andere beurteilen, auch uns selbst beurteilen. Ja, eigentlich noch mehr. Jesus sagt uns: Wir sollen uns gegenüber noch kritischer sein als den anderen gegenüber. Wir sollen nicht zuerst hinterfragen, was die anderen tun, was sie wohl für Motive und Hintergedanken haben könnten. Wir sollen uns selbst zuerst hinterfragen. Wir sollen zuerst uns selbst bessern, dann können wir auch die anderen zu bessern versuchen.

Warum wir mit der Gnade Gottes rechnen können

Nun gibt es bekanntlich im Kirchenjahr eine besondere Zeit, die genau dem Thema, bei sich selbst anzufangen, gewidmet ist. Wir beginnen diese Zeit am Aschermittwoch. Es ist die Fastenzeit. Die Fastenzeit ist die Zeit, in der wir daran erinnert werden, dass wir nicht zuerst die anderen beurteilen sollen, sondern dass wir uns selbst prüfen sollen. Am kommenden Aschermittwoch kommt das schön und auch öffentlich zum Ausdruck: Wir bekommen etwas Asche auf den Kopf gestreut.

Das ist ein altes Zeichen, schon im Alten Testament bekannt. Damals haben sich die Menschen Asche aufs Haupt gestreut, um damit zu sagen: Ich habe falsch gehandelt, ich will Reue zeigen, ich will umkehren, ich will mich bessern. Dies geschah öffentlich, vor den anderen Menschen. Und so ist es auch bei uns. Wenn jede und jeder von uns vor den Augen der anderen die Asche aufgelegt bekommt, dann sagt er oder sie damit: Ich selbst muss mich bessern. So ist dieser Ritus ein gutes Gegengewicht zu unserem oft ungerechtfertigten oder gar ungerechten Urteilen über andere: Das machen wir ja auch mehr oder weniger öffentlich. Selten in der Zeitung, aber oft im Gespräch, im kleinen oder größeren Kreis. Und wenn wir nun im Gottesdienst die Asche aufgelegt bekommen, dann sagen wir unseren Mitmenschen durch dieses Zeichen: Ja, ich will auch mir gegenüber kritisch sein und ihr dürft das wissen.

Besuchen wir also die Heilige Messe am Aschermittwoch, setzen wir dieses Zeichen der Umkehr, legen wir ein Gegengewicht zu unserem Sprechen über andere, indem wir mit einem beredten Zeichen zu erkennen geben, dass wir auch bei uns nicht alles so vorfinden, wie es sein sollte.

Natürlich kann man jetzt sagen: Das Aschenkreuz aufgelegt zu bekommen, ist nur ein Zeichen. Das stimmt. Mit dem Zeichen ist es nicht getan. Aber wenn wir das Zeichen gläubig empfangen, dann dürfen wir mit der Gnade Gottes rechnen. Dann dürfen wir wirklich damit rechnen, dass dieses Zeichen „ähnlich einem Sakrament“ das bewirkt, was es bezeichnet. Und seien wir sicher: Je mehr wir nach dem leben, was das Evangelium uns sagt und was das Aschenkreuz bedeutet: Umso glücklicher und zufriedener werden wir, umso eher leben wir in Frieden miteinander, umso mehr leben wir unser Leben mit Gott. Und wir dürfen sicher sein, dass dann das gilt, was uns der Apostel Paulus heute in der zweiten Lesung sagt: Unsere Mühe wird nicht vergeblich sein (1 Korinther 15, 58).