Sonntagslesung: Wo das eine Licht leuchtet, gibt es keine Spaltungen

Zu den Lesungen des 3. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A)

Jes 8, 23b–9, 3

1 Kor 1, 10–13.17

Mt 4, 12–17

Das Bild vom Licht in der Finsternis und die Warnung vor Spaltung bleiben aus den Lesungen in Erinnerung. Ihr innerer Zusammenhang ist: Dort, wo das eine Licht leuchtet, kann es keine Spaltungen geben. Am Schönsten wird das stets in der Osternacht liturgisch dargestellt: Von der einen Osterkerze, die allein die ganze dunkle Kirche erleuchtet, heißt es, sie bilde den ab, der die Herzen eint und die Gewalten beugt. Doch wo immer viele Lichter sein wollen, die sich nicht auf das eine Licht zurückführen mögen, sondern die in Konkurrenz zueinander stehen, dort gibt es Streit und Krieg.

Paulus hat das in Korinth gerade erfahren, als er den Ersten Korintherbrief schreibt. Und er sagt: Viele Köche verderben den Brei. Man kann die Gegenfrage stellen: Warum ist die Einheit, sogar „dasselbe zu denken“, so nötig? Sind wir nicht frei, darf nicht jeder das denken und glauben, was er will? Viele stellen sich emanzipiertes Christentum so vor, doch wahrhaft emanzipiert ist das Gegenteil: In der Spaltung und im Uneins-Sein steckt für Paulus das Böse oder einfacher gesagt: die überwundene alte Schöpfung. Die Konsequenz aus dem Monotheismus ist für ihn so gravierend, dass sie bedingungslos Einheit und Frieden zur Folge hat. Für Paulus heißt das: Kreuzestheologie. Deshalb ist sein letztes Wort in 1, 17: Damit nicht entleert wird das Kreuz Christi. Was bedeutet das alles? Was hat es mit dem Kreuz zu tun?

Wohnen dem Monotheismus Intoleranz und Gewalt inne?

Man hat kürzlich lebhaft darüber diskutiert, ob nicht der Glaube an einen einzigen Gott (Monotheismus) notwendig immer auch Intoleranz und Gewalt bedeutet. Denn die vielen anderen Götter, an die man zuvor auch geglaubt hatte, werden ja nun bekämpft und vertrieben, ihr Kult wird verboten. Nun ist es die Erfahrung des biblischen Monotheismus, dass es sich mit einem einzigen Gott, einer einzigen Moral freier und besser leben lässt, als wenn man immer tausend andere Mächte mitbedienen muss. Vor allem aber hat nach biblischer Überzeugung dieser eine und einzige Gott das Gewaltmonopol. Und wenn er der Herr ist, sind alle anderen Sklaven, wenn er der Vater ist, sind sie Geschwister. Dass die Finsternis der Unwahrheit verscheucht wird, kann man als Intoleranz bezeichnen, doch die Herrschaft des einen und einzigen Gottes ist für seine Anhänger vor allem die Gelegenheit zu Frieden. Indem sich alle ihm unterordnen, besteht die beste Möglichkeit zum Frieden. Denn wo er Herr ist, kann sich keiner erheben.

Für Paulus ist darüber hinaus der Glaube an Jesus eine radikale Verschärfung des Monotheismus. Das kommt gerade in dem Wort Kreuz zum Ausdruck. Denn dieses Wort setzt einen krassen Unterschied zwischen Gott und Welt. Gott ist nicht nur kein Götze unter anderen: Er ist allem, was in der Welt gilt, total entgegengesetzt. Dadurch ist, wenn man es so sagen darf, die Zahl seiner Feinde exponentiell vergrößert. Es gibt ja jetzt nicht nur die Götzen, sondern alles das ist feindlich, was in den Händen des Menschen zum Gegenstand des Sich-Rühmens, zur Bestreitung des Machtanspruchs Gottes und damit zum Instrument des Unfriedens werden kann. Denn alles, womit ein Mensch glänzen und sich erhöhen kann, ist zugleich Bestreitung des Anspruchs Gottes und in Tateinheit Streit und Unfrieden unter Menschen.

Paulus ist nicht dazu bereit, Intoleranz als Nachteil des biblischen Monotheismus zu werten, solange dieser Monotheismus der einzige verlässliche Weg zum Frieden ist. Die Kreuzestheologie sagt, was alle die gesellschaftlich relevanten „Werte“ wirklich wert sind: Sie sind nichts wert, weil sie nur Instrumente im Krieg aller gegen alle sind. Und das ist nicht nur der Krieg aller Menschen gegeneinander, sondern auch der Krieg des Menschen gegen Gott. Hier aber kann der Mensch in jeder Hinsicht nur verlieren. Natürlich hat das Wort vom Kreuz auch mit Demut zu tun. Denn wer ihm folgt, verzichtet systematisch darauf, Scheinwerte zu kultivieren, deren Funktion nur darin besteht, im Krieg des Neides verheizt werden.

Kehren wir an den Anfang zurück: Das Licht, das im Finsteren leuchtet, ist durchaus als die Sonne vorzustellen. Sie ist in Ägypten seit Pharao Echnaton ein Bild für den einen Gott. Das gilt auch in Israel. Für Juden ist dabei die Sonne nicht selbst Gott, sondern nur Zeichen für den Einen. Das eine Licht bedeutet den einen Gott, der den Menschen Frieden schenkt. Matthäus überträgt dieses Bild nun auf Jesus. Denn in ihm haben wir es mit Gottes Licht zu tun. Er ist nicht nur der Stern für die Heiden (Mt 2), das Licht für die Heiden (Jes 49), sondern eben auch das Licht in der Finsternis für alle, die im Todesschatten sitzen.

Das Zitat aus Jes 9 in Mt 4 ist ein klassisches Reflexionszitat. Denn Jesus berührt auf seinem Werg genau die Gegenden, die das Zitat nennt (Galiläa, Zebulon, Neftalim), nur „Nazara“, wie hier Nazareth heißt, kommt im Zitat (und im ganzen Alten Testament) nicht vor. Reflexionszitate nennt man Bibelzitate, die nicht als Worte Jesu, sondern als Kommentar (Reflexion) des Evangelisten hier stehen und deren Einleitung stets ähnlich feierlich ist wie hier: „damit erfüllt wird, was gesagt wurde durch den Propheten X“. Dieses „Denken in Erfüllungszitaten“ setzt ein besonderes Verständnis des prophetischen Wortes voraus.

Demnach verhält sich das Wort der Schrift zum neutestamentlichen Geschehen wie eine Ankündigung (Verheißung) zur Umsetzung in reale Geschichte. Anders als bei heutigen Alttestamentlern wird daher das prophetische Wort der Schrift (wozu auch die Psalmen zählen, da David als Prophet gilt) nicht seinerseits als Niederschlag einer konkreten Geschichte gesehen, sondern als pures Wort, als pure Schrift. Die Zeit Jesu ist damit „Erfüllungszeit“, in der Gott immer wieder sein Wort wahr macht. Und für das neutestamentliche Geschehen bedeutet das: Es ist nicht zufällig, nicht kontingent, nicht rein irdisch oder politisch, sondern heilige Geschichte. Nimmt man Ausgang und Ziel zusammen, so gilt: Weder ist das alttestamentliche Wort zufälliges Menschenwort noch ist das neutestamentliche Ereignis zufälliges Geschehen, sondern beides ruht fest in Gottes Hand.

Die Bibel denkt im Schema von Verheißung und Erfüllung

Die Apostelgeschichte lässt erkennen, dass die heilige Erfüllungszeit nicht auf das Leben Jesu beschränkt ist. Sie gilt seit Jesus. Dabei ist für die neutestamentlichen Autoren offen, wieweit auch die weitere Kirchengeschichte in diesem Sinne als Erfüllung gelten kann. Nach meinem Eindruck wäre es konsequent neutestamentlich gedacht, wenn auch spätere Ereignisse der Kirchengeschichte im Lichte des Schemas Verheißung/Erfüllung gedacht würden. Lediglich in apokalyptischen Strömungen hat man das versucht.

Festzuhalten bleibt: Gottes Wirken in der Geschichte ruht immer auf zwei Säulen: altes Wort und neues Geschehen. Beides bestätigt sich gegenseitig – wie nach der Regel der mindestens zwei Zeugen (Dtn 18). Dabei ist ein Autor wie Matthäus offenbar unbesorgt darüber, dass nur ein Bruchteil der alttestamentlichen Prophetenworte im Neuen Testament umgesetzt wird. Zum Beispiel fällt bei unserem Text auf, dass Mt auf das naheliegende Stück Jes 9, 5 nicht eingeht („Ein Kind wird uns geboren, ein Sohn wird uns geschenkt, auf seinen Schultern ruht Weltherrschaft“). Diese Stelle wird im ganzen Neuen Testament nicht zitiert, wohl aber in der späteren Liturgie. Offenbar genügt es, dass sich wiederholt – wie in einem Teppichmuster – alttestamentliche Stellen anbieten, besonders in den Kindheitsgeschichten und in der Passion (also an den klassischen biographischen Topoi von Anfang und Ende des Lebens). Das sagt dann offenbar genügend über das Ganze.

Während bei Lukas diese Art von Schriftbeweis auf die Belehrung durch den Auferstandenen zurückgeführt wird – was Passion und Auferstehung angeht –, kann Matthäus diese Arbeit selbstständig durchführen. Offenbar versteht er sich als Schriftgelehrter, der Neues und Altes aus seinem Schatz hervorholt (Mt 13, 52). Dadurch kann er sein Evangelium besonders empfehlen, ist doch so auf einzigartige Weise immer Altes und Neues Testament präsent. Die Kirche hat es ihm durch umfassenden Gebrauch in ihrer Liturgie gedankt. Klaus Berger