Sonntagslesung: Krankheit ist eine Chance, Gott zu begegnen

Zu den Lesungen am sechsten Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)

Lev 13, 1–2.43–46

1 Kor 10, 31–11, 1

Mk 1, 40–45

Vor den Toren der alten Kaiserstadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es jahrhundertelang und gibt es noch heute das Siechenhaus, bis heute am Stadtrand gelegen und eben nach den Siechen genannt, die hier abgesondert wurden, weil man ihre Krankheit für ansteckend und gefährlich hielt. Im Inneren ist das Haus bis heute ein großer kahler Raum, und immer, wenn ich als Heranwachsender mir den Schlüssel geben ließ und dieses Haus besuchte, um Unentdecktes zu entdecken, fiel mir die Trostlosigkeit dieser Halle förmlich auf die Füße.

Das Wesen des Aussatzes, den Lev 13 beschreibt, steht bis heute symbolisch für das Wesen von Krankheit überhaupt. Bis heute bedeutet es Absonderung, Ausschluss, Erschrecken vor dem Schrecklichen und Weglaufen. Das bemerkt selbst noch das Pflegepersonal. Ihm gegenüber verhalten sich viele Leute so, als sei jede Krankheit, zum Beispiel Lungenkrebs im Endstadium, vielleicht doch irgendwie ansteckend. Zur negativen Faszination gerade des Aussatzes, der in Lev 13 und in Mk 1 beschrieben wird, gehört, dass die scheinbare Harmlosigkeit der Zeichen, an denen er diagnostiziert wird, in keinem Verhältnis steht zur Katastrophe der Krankheit.

Seit der Lektüre der Biographie des heiligen Damian de Veuster, der freiwillig auf die Aussätzigen-Insel Molokai ging, ahne ich, welcher Schrecken teilweise bis heute von dieser Krankheit ausgeht. Eine eigene Insel war zur Ausgrenzung nötig. Diese Erinnerung kam mir neulich, als ich eine große Klinik besuchte, in der Lungenkrebs-Kranke im Endstadium dem Tod entgegensehen. Nicht ausgegrenzt, aber auf einem recht hohen Berg, vom nächsten Bahnhof nur über 25 km Taxifahrt zu erreichen.

Was habe ich als Neutestamentler heute Menschen in diesem Stadium zu sagen? Zunächst einmal, dass Jesus den für viele Menschen leider noch immer selbstverständlichen Zusammenhang von Sünde und Krankheit sprengt. Weder redet Jesus von Sünde als Ursache noch wühlt er überhaupt in Biographien der Kranken. Er sagt nur: Diese Krankheit ist dazu da, um Gott zu verherrlichen, auch wenn sie zum Tod führt.

Und das gilt im Denken der Bibel eben nicht nur für Krankheit, sondern für alles Leid auch sonst. Nirgends geht es um die Frage: Wer ist in naher oder ferner Vergangenheit schuld an meinem Elend (es sind dann immer die anderen)? Sondern so: Wenn es schon so weit gekommen ist, wie es ist – was wird Gott daraus machen? Die Zukunft ist immer die Zukunft Gottes. Er hält sie in seinen Händen, und der Mensch ist, wo immer es um Zukunft geht, gehalten, sich an diesem Gott zu orientieren. Das ist auch bereits im Alten Testament der Fall, und daher liegt prophetische Geschichtstheologie immer im Blickfeld Israels.

In dieser Perspektive aber wird der biologische Tod eines Menschen zunehmend unwichtiger, bis hin zu Franz von Assisi, der sagen kann „Gelobt seist du, mein Herr und Gott, wegen unseres Bruders des leiblichen Todes.“ Der leibliche Tod ist eher nur ein Übergang, das entscheidend Schlimme wäre der „zweite Tod“, nämlich nicht: körperlich zu sterben, sondern im Ganzen sinnlos zu leben. Der leibliche Tod ist immer nur das Vorletzte, der zweite Tod ist schon jetzt das pure Verhängnis. Denn die Leiblichkeit ist immer Manövrierfeld Gottes – hier kann Gott schenken, heilen, verwandeln und auferwecken – der zweite Tod dagegen ist im Grunde eine Selbstverurteilung des Menschen. Daher ist auch das, was mit dem Leib geschieht, geeignet als Zeichen für das, was mit dem Menschen im Ganzen geschieht. Denn es ist Stück eines größeren Ganzen.

„Geboren, um zu sterben, und gestorben, um zu leben“ steht auf einer Grabinschrift in Corvey. Sie erinnert an das alte Bild, dass Sterben wie eine zweite Geburt ist. Auch M. Luther verwendet diese Erfahrung in seinem „Sermon vom Sterben“ von 1526. Er erinnert in seinem Trakat daran, dass der Todestag der Heiligen ihr dies natalis (Geburtstag) ist und ja auch tatsächlich anstelle ihres Geburtstags gefeiert wird.

Die „Kunst des Sterbens“ ist immer auch eine Kunst des Heilens und umgekehrt. In einem christlichen Hospiz wurde niemand behandelt, der nicht als erstes zur Beichte und Kommunion ging. Das heißt: Auf diesem Weg, ob er nun zum Tod oder zur Genesung führt, werden auf jeden Fall die wahren Wertmaßstäbe „eingeübt“. So sind auch die Heilungen Jesu immer die Spitze des Eisbergs, das heißt sie sind real, stehen aber für das Ganze. Die pädagogische Kunst Gottes mutet hier dem Menschen etwas zu: Bleib hier nicht stehen, ich habe erst mit der Heilung begonnen. Der Mensch muss diesen Weg nicht alleine gehen.

Die Betrachtung des Leidens Jesu (Sitzen und Meditieren vor dem Isenheimer Altar gehörte zur Therapie) vergewissert jeden, dass er nicht allein auf dem Weg ist, und der Gesang vergewissert ihn der Nähe der anderen. Das Singen im dunklen Wald steht micht zufällig in dem Ruf, Angst zu vertreiben. Die Musiktherapie der Kirchenväter geht davon aus, dass keine böse Macht eindringen darf.

Eine auch heute noch wahre Einübung in das Sterben geben die apokryphen Petrusakten in K.37. Petrus mahnt: „Von allem sinnlich Wahrnehmbaren haltet eure Seelen fern. Vor allem sichtbar Erscheinenden, das doch nicht wirklich ist, verschließt diese eure Augen, verschließt diese eure Ohren. Haltet euch fern von den Dingen, die sichtbar erscheinen!“ Und gewissermaßen als Garantie für diese Revolution und Umkehrung aller sterblichen Normalitäten lässt er sich mit dem Kopf nach unten kreuzigen. Heute nennt man das, was Petrus hier fordert, loslassen, leer werden, frei werden. Denn alle wirklich wichtigen und wesentlichen Dinge sind unsichtbar. Es ist dieselbe Philosophie, aus der heraus schon Antoine de Saint-Exupéry sagt, dass allein die Augen des Herzens gut und richtig die Wahrheit erkennen. Man kann diese Orientierung am Nicht-Sichtbaren abschätzig „Platonismus“ nennen, sollte aber dann nicht vergessen, dass Plato eben diese Weltsicht „Liebe“ nennt und in Sehnsucht gegründet sein lässt.

Das Wichtigste ist auch auf diesem Weg das Gebet. Denn wie Gespräche in der Politik den Weg des Friedens säumen, ist das Beten der Weg, der vermeidet, dass Gott fremd wird oder bleibt. Es hält den Menschen biegsam, sodass er nicht starr wird und zerbricht. Schon zur Zeit Jesu ist das Abendgebet jedes Tages gleichzeitig das Sterbegebet. Wenn Jesus nach Lukas sagt: „In deine Hände lege ich mein Leben“, dann hält er sich dabei an Ps 31, 8, der schon früh als jüdisches Abendgebet überliefert ist und auch bis jetzt im Mönchtum so gebraucht wird. Krankheit oder Gesundung oder Verschlechterung, jede dieser Stationen kann eine Gelegenheit sein, Gott zu begegnen und daher eine Antwort im Gebet finden.

In einer bestimmten Epoche der mittelalterlichen Kunst verbindet sich ein verhältnismäßig realistisch gezeichneter Vordergrund mit einem Goldgrund-Himmel. Das heißt: Gegenwart und schützende Führung Gottes sind genauso realistisch wie die Details im Vordergrund des Bildes. Es besteht nicht nur kein Widerspruch, sondern das eine ist real wie das andere.

Es gibt zwei konkurrierende geistliche Wege. Am frühen Morgen sollte man sagen: Jede Stunde, in der es mir heute irgendwie erträglich geht, will ich nutzen, um mich meines Daseins zu erfreuen. Denn ich weiß, dass Daseinsfreude zum Selbstläufer wird, nicht nur für mich selbst, auch für andere. Am frühen Abend und zu Nacht hin sollte man sagen: „Lerne, dein Schicksal anzunehmen, denn es ist Gottes Weg mit deiner Seele“. Es ist ein je persönlicher Weg, auf dem jeder Einzelne seine Spur finden muss.

Schließlich aber gilt auch dieses: „Das Sterben will dem Sterbenden die Chance geben, mit seiner Biografie ins Reine zu kommen, mit den Menschen, die dem Sterbenden wichtig waren, Frieden zu schließen. Das Sterben kann in Familien Wunden heilen, Verfeindete wieder zusammenführen, Zurückbleibende reifer machen.“ Dazu gehört also die Dimension der Versöhnung, die seit dem Frühjudentum sich darin äußert, dass der Sterbende die Zurückbleibenden noch einmal segnen kann. Es ist daher Zeichen einer menschenverachtenden Dummheit, wenn man im Sinne modischer Euthanasie Menschen um die Phase des Sterbens betrügen will. Das Sterben „gehört nicht nur dazu“, es gibt vielmehr den meisten Sterbenden die Möglichkeit, die eigenen Wege und die mit anderen zusammen gegangenen Wege zusammenzuführen und friedlich Gott für alles zu danken.

So zeigt die Schrift: Krankheit kann begriffen werden als ein Weg mit intensiver Begegnung mit Menschen und mit Gott. Auf diesem Weg kommt zum Vorschein, was sonst oft unbeachtet bleibt, nämlich die Basis von Sinn und Beziehungen. Jede Heilung von Krankheit, nicht nur die wunderbare, ist zu begrüßen, weil unser Gott der Gott des Lebens ist. Aber eine wirkliche Heilung ist etwas Großes, so wie auch der wirkliche Tod weit schrecklicher ist als der physische, nämlich ein verfehltes Leben. Klaus Berger