Sonntagslesung: Jesus hat den Tod besiegt

Zu den Lesungen des zwölften Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A)

Jer 20, 10–13

Röm 5, 12–15

Mt 10, 26–33

Tod der Menschen, speziell der Ungerechten, ist das gemeinsame Thema der drei biblischen Lesungen. Und man kann nicht gerade sagen, das Thema würde verharmlost oder weichgespült. Dabei sind die drei Texte nur eine kleine Auswahl aus den biblischen Stellungnahmen zum Tod.

Im Jeremia-Zitat sind am eindrücklichsten die Sätze „Alle, die mir befreundet sind, lauern auf meinen Fall. Der Herr rettet das Leben des Armen aus der Übeltäter Gewalt“. So ist der einsame, von allen Freunden verlassene Mensch, der sich nur an Gott halten kann, eine eindrückliche Gestalt in allen wichtigen Texten der Bibel geworden. Denn noch ist der Fromme bedrängt. Noch entspricht dem einen und einzigen Gott nicht die eine, ganze ihm freudig zustimmende ganze Menschheit. Sondern der, der an den einen Gott glaubt, ist einsam. Auch Jesus ist von allen Jüngern verlassen; nur der Lieblingsjünger und Maria stehen unter dem Kreuz. Wahrscheinlich muss man sich das öfter sagen (lassen): Mit dem, der viele Freunde hat, stimmt etwas nicht. Der Beter der Psalmen und auch Propheten wie Jeremias sind wohl immer einsame Kämpfer. In den Schluchten dieser Nöte werden die flehentlichen Bittgebete der Bibel erfunden, und hier wird eine epochemachende Entdeckung vollzogen: Die Entdeckung des Einzelmenschen.

Das Individuum entdeckt sich in tiefster Not

Bis heute reden wir im Rahmen der „Menschenrechte“ gerne von der Bedeutung des Individuums. Und dabei vergessen wir, dass das Individuum entdeckt wird in der tiefen Not, in der ein Mensch sich als Verfolgter und Flüchtling an Gott allein wendet. Auch Gott wird hier ganz neu entdeckt als der, der jeden Einzelnen in größter Treue liebt und beschützt. Verfolger und Tod, Gott und der gerettete Einzelne stehen sich hier gegenüber

Nach Röm 5, 12–15 wird ein Einzelner, der freilich Typus der ganzen Art ist, zur Ursache dafür, dass Sünde und Tod in die Welt kommen. Es heißt nicht, dass Adam die Sünde einfach bewirkt, hervorgerufen und verursacht hat. Er hat sie hereingelassen, sie lauerte wie ein gefährliches Tier schon an der Schwelle. Adam hat in Ungehorsam und Unbedachtsamkeit die Tür geöffnet. Und indem er sich die Sünde aneignete, hat sie dann auch den Tod zur Folge gehabt. Denn wer dem Schöpfer des Lebens den Gehorsam verweigert, zieht sich den Tod zu. Zu dieser Variante des Themas Tod wird oft die Frage gestellt, ob denn nicht diese Schöpfung von allem Anfang an sterblich geschaffen sei. Denn diese Welt ist ohne den Tod der Lebewesen gar nicht vorstellbar. Sie könnte doch nicht alle Kreaturen, die ewig leben würden, ernähren. Man kann nur sagen, dass die bestehende Schöpfung gar nicht ohne Tod vorstellbar ist. Das meint auch Paulus, wenn er die bestehende Schöpfung „Fleisch“ nennt, also verführbar, schwach, suchtgefährdet und sterblich. Aber warum kann er dann sagen, durch Adam seien Sünde und Tod in die Welt gekommen? Adam wurde doch erst als letzter erschaffen, da muss doch alles andere schon bestanden haben. Nun ist mit Adams Sünde und Tod etwas hinzugekommen, das es zuvor nicht gab: Weil Sünde qualifizierte Entfernung von Gott ist, ist auch der Tod nicht einfach Folge der Schwäche, sondern der erste Tod ist zugleich das, was die Rabbinen und der Seher Johannes den „zweiten Tod“ nennen: Hoffnungsloses Getrenntsein von Gott. Der durch Sünde in die Welt getretene Tod ist daher mehr als nur Entschlafen, sondern Verbannung in die aggressive Gottesferne. Nun gibt es aber in der Geschichte der Schöpfung und des Heils einen „äußeren“ Rahmen mit Anfang und Ende und darin einen inneren Rahmen mit Anfang und Ende.

Der äußere Rahmen betrifft anfangshaft diese Schöpfung, die sterblich ist. Sie wird abgelöst durch die neue Schöpfung, die unsterblich ist. Das ist der Endpunkt der alten und der definitive Beginn der neuen Schöpfung: Auferstehung beziehungsweise Verwandlung zur Unsterblichkeit. Da wir alle noch sterben und noch nicht zur Unsterblichkeit verwandelt sind, dauert diese erste Schöpfung noch an. Das ist gewissermaßen die große Klammer, die von der Erschaffung des Lebens an bis zur Verwandlung in Unsterblichkeit dauert. Innerhalb dieser größeren Klammer gibt es eine zweite, und diese dauert nicht so lange. Sie dauert vom Sündenfall Adams bis zu der Versöhnung, die Jesus am Kreuz gewirkt hat. Mit Jesu Kreuz und Auferstehung ist zwar nicht der biologische Tod, wohl aber die Sünde und die Furchtbarkeit des zweiten Todes grundsätzlich für jeden behoben, der glaubt und getauft wird. Diese Zeit dauerte von Adams Sündenfall bis Ostern. Hinter dieser Zeit steht eine zweite, sozusagen innere Klammer. Noch einmal: Die äußere Klammer reicht von der Erschaffung der sterblichen Kreaturen bis zum Beginn der neuen Schöpfung in der Auferstehung der Toten. Im Innenraum dieser Klammer gibt es eine zweite Klammer, die von Adams Sündenfall bis Ostern reicht und die Menschen grundsätzlich vom Schlimmsten befreit: von der Nacht der Sünde und vom zweiten Tod der verzweifelten Gottferne. Nur die Vernichtung des biologischen Todes steht noch aus. Der sogenannte zweite Tod ist mit Kreuz und Auferstehung besiegt.

Nach dem Text aus Röm 5 hat der Tod daher eine Geschichte, und in dieser geht es nicht um den einzelnen Menschen allein, sondern immer schon auch um Mitbetroffensein – die sogenannte Erbsünde – und die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen in dem einen Leib der Kirche.

Insofern ist hier das Spielfeld und die Anzahl der handelnden Personen gegenüber dem Alten Testament erweitert. Und der Tod ist in beiderlei Gestalt von Gott selbst her besiegt.

In Mt 10 schließlich geht es um die Folgen, die der grundsätzliche Sieg Jesu über den Tod für jeden einzelnen Christen hat. Das bedeutet zunächst größte Sorglosigkeit, besonders in der Situation des Martyriums. Zweitens bedeutet es aber auch etwas scheinbar zunächst Erschreckendes, denn Berger-Nord übersetzen zu Mt 10, 28: „Habt keine Angst vor denen, die euch zwar leiblich umbringen, doch euer Innerstes nicht töten können. Habt aber Angst vor Gott. Denn er kann euch äußerlich wie innerlich in der Hölle umkommen lassen.“ Für Furcht und Angst hat die Bibel nur ein und dasselbe Wort, und die biblischen Autoren unterscheiden daher – anders als deutsche – nicht zwischen Furcht und Angst. Um das zum Ausdruck zu bringen, haben wir mit „Angst“ übersetzt. Denn es geht um Bekennen und Martyrium, also um die Stunde der Wahrheit. Wenn man Gott lediglich „fürchten“ soll, vor weltlichen Tyrannen dagegen Angst zu haben pflegt, wird man stets der Angst nachgeben und die Gottesfurcht dafür opfern.

Würden Christen verhaftet – gäbe es genügend Beweise?

Doch der Gedanke Jesu bleibt extrem fremd. Hoffen wir nicht doch insgeheim, dass wir unseren Glauben ruhig um des Lebens willen verraten dürfen, dass Gott aber dann ein Einsehen haben werde und uns dennoch in den Himmel hineinließe? Nun, was Gott genau tun wird, wissen wir nicht, und auch Jesus sagt es nicht. Aber er verkündigt das, was die vielen großen und kleinen Märtyrer zu entscheiden hatten: Gibt es etwas, das kostbarer ist als unser leibliches Leben? Wenn ja, dann ist dieses der größte Schatz. Oder anders formuliert: Angenommen, du würdest verhaftet, weil du Christ bist – gäbe es genügend Beweise, dich zu überführen?

So entwickeln die drei Lesungen ein dramatisches Bild über Gott und Tod: Gott rettet vom Tod (Jeremias), er befreit uns selbst vom ewigen Tod (Römerbrief), aber das Christentum bringt auch mutige Menschen hervor, die um der „unverratenen Anbetung“ willen alles riskieren, auch ihr biologisches Leben. Denn die Erfahrung lehrt, dass Christen in der Situation von Verfolgung und Bekenntnis plötzlich zu einem Mut fähig sind, den man ihnen nie vorher zugetraut hätte. Offensichtlich wird ein Mensch, der sich – wie der Märtyrer in der Stunde der Wahrheit – ganz in Gottes Hand gibt, darin von einer Kraft und Widerstandsfähigkeit erfüllt, die staunenswert ist. Für mich war dieses immer der überzeugendste aller „Gottesbeweise“. Deshalb haben bis heute kluge Tyrannen vor nichts so große Angst wie davor, Märtyrer zu schaffen. Denn bisher hat noch jeder Tyrann jedes Martyrium, das er inszenierte, verloren. Die Bedeutung des Martyriums für das christliche Menschenbild ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Gerade für Papst Johannes Paul II. kamen an diesem Punkt Glaube und Menschenbild konkret zusammen.

Klaus Berger