Sonntagslesung: Gottes Gerechtigkeit schafft Gemeinschaft

Zu den Lesungen des sechzehnten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B)

Jer 23, 1–6

Eph 2, 13–18

Mk 6, 30–34

„Hirte“ ist ein altes orientalisches Bild für den König, also für einen politischen Beruf. Jer 23 nimmt die auch damals verbreitete Klage über die mangelnde Qualität der Könige, der führenden Politiker, auf. Gott wird einen neuen, gerechten König senden. Dieser wird aus dem Haus Davids sein. Er wird in Weisheit herrschen, denn Weisheit ist die Tugend der Könige. „Durch mich regieren die Könige“, sagt die Weisheit von sich nach Prov 8. – Und vor allem wird er Gerechtigkeit bringen. Was ist Gerechtigkeit? Jer 23 sagt es: Sie ist das Gegenbild zum Auseinandersprengen. Gerechtigkeit heißt demnach zusammenzubringen. Vergleicht man die Kirche mit politischen Gebilden, so ist es bei der Kirche recht leicht, die Menschen auseinanderzutreiben, und es ist schwer, sie wieder zu versammeln. Gerechtigkeit ist demnach mehr als das, was die Scholastik distributive Gerechtigkeit nannte, also jedem zu geben, was ihm zukommt. Das ist wichtig, aber nicht alles. Gerechtigkeit im Sinne von Jer 23 weckt in den Menschen die Lust, zusammenzustehen, eine Gemeinschaft zu bilden und nicht sich zu zerstreuen. Es geht um die Seele, das Herz einer großen Gemeinschaft, eines ganzen Volkes.

Jer 23 lesen die Christen aller Jahrhunderte als Prophetie auf Jesus. Er, der Messias, ist der neue, glaubwürdige, gerechte Hirte, der die Menschen zusammenbringt. Es ist ein Wunder und die Erfüllung von Jer 23, dass das auch heute noch so weitgehend gelingt. Dabei hat Gott doch gewissermaßen die Spurweite gewechselt, so wie früher an den Grenzen Bahngeleise verschiedener Spurweite aufeinanderstießen. Denn Jesus ist zwar aus dem Stamme Davids. Maria und Josef hatten offenbar deshalb ein ererbtes Grundstück in Bethlehem und zogen um die Zeit der Geburt Jesu dorthin, um die Grundsteuer zu entrichten. Aber Jesus ist kein Politiker. Vielmehr wird er das Opfer von Politikern, auf fürchterliche Weise. Jesus handelt in Kategorien, die jedenfalls zu keinem Politiker passen, den es je gab. Er ist auch mehr als ein Prophet, nämlich Gottes Sohn. Seine einigende Kraft ist sein eigentliches Geheimnis.

Auch unklare Liebe verdient Lob

Alle drei Lesungen dieses Sonntags kreisen um dieses Geheimnis. Jer 23 sagt: Es ist die Sehnsucht des Gottesvolkes (und aller Völker) nach Gerechtigkeit, die dieser Sohn Davids in Weisheit wird erfüllen können. Er wird die Mitte des erneuerten Volkes Gottes sein. Er wird das zustande bringen, was kein Politiker konnte. Er ist die Mitte, zu der alle hinstreben. Jugendliche aus allen Völkern nehmen dieses wahr, zum Beispiel bei den Weltjugendtagen oder in Taizé. Markus 6 schildert dann, wie die Menschen von allen Ortschaften her zusammenkamen (V. 33). Und sie tun Jesus leid, weil sie wie Schafe ohne Hirten sind. Zwei Bewegungen schildert daher Markus 6: Die noch ganz diffuse, den Menschen selbst noch nicht bewusste Bewegung auf Jesus hin, die zunächst noch dunkle Ahnung, dass hier der zu finden ist, der allein Erfüllung aller Sehnsucht nach Gerechtigkeit ist. Das ist alles andere als ein kitschiges privates Gefühl. Es ist dieselbe noch unklare Liebe, die Jesus selbst bei der Sünderin nach Lk 7 lobt. Deshalb wird diese erste, undeutliche Bewegung durch eine andere ergänzt, nämlich durch die offenbar starke und spontane Hinneigung Jesu zu diesen Menschen, deren Not und Armut er wahrnimmt. Ich kenne keinen Politiker, von dem das je behauptet wurde. Es ist, wie wenn Maria zu ihm gesagt hätte: Sie haben keinen Hirten. So wie sie zu ihm gesagt hat: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus zeigt hier als Messias durchaus mütterliche Züge. Er ist hier, könnte man zuspitzen, „ganz der Sohn seiner Mutter“.

Auch Eph 2 handelt von dem Geheimnis, wie Jesus Mitte der Völker wird. Nach Jer 23 geschieht es durch seine Weisheit und Gerechtigkeit, nach Markus 6 durch sein Erbarmen als Antwort auf die Sehnsucht der vielen Menschen, nach Eph 2 durch die Versöhnung der Völker mit Gott und untereinander durch seinen Tod. Insofern ist die Botschaft der Texte ganz einfach, so wie es der Berliner Kardinal Alfred Bengsch zu Zeiten der DDR in einer Predigt im Sperrgebiet an der Zonengrenze in der Thüringischen Rhön gesagt hat: „Wir brauchen nicht mehr zu glauben und zu handeln, als das, was unsere Mütter uns vorgesungen haben: Jesus, dir leb ich, Jesus, dir sterb ich, Jesus, dein bin ich im Leben und im Tod.“

Epheser 2 schildert Jesus als die Mitte des Friedens zwischen den Völkern – bis heute eine Verheißung, die nur dort eingelöst ist, wo es die eine christliche Kirche gibt, die nach Eph 2, 20 eben die apostolische ist. Das Vokabular, mit dem Eph 2 Jesu Rolle als des universalen Friedensbringers schildert, hat man auch gebraucht, um die epochemachende Leistung Alexanders des Großen zu preisen. Denn Alexander hat nicht nur Reiche erobert, sondern auch die Völker geeint und die verschiedenen Auffassungen von Recht und Ordnung miteinander versöhnt. Insofern war er auch Friedensstifter und Versöhner zwischen sehr verschiedenen Völkern und Kulturen. Für Eph 2 ist wichtig, dass es dabei um die Barriere zwischen Israel und den Heidenvölkern ging, die Jesus aufgelöst hat.

Wie hat er das getan? Jesus ist zur Mitte und zum Frieden geworden durch seinen Tod. Denn so hat er alle Feindschaft zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen behoben. Warum gerade durch seinen Tod? Die Verschiedenheiten zwischen den Völkern, aber auch zwischen Ständen und einzelnen Menschen sind in der Schöpfung angelegt und sollen auch erhalten bleiben. Aber Neid und Gier haben immer wieder die Verschiedenheiten zum Anlass für Hass und Feindschaft werden lassen. Ohne kräftige Hilfe Gottes können schwache Menschen die Verschiedenheiten nicht lange ertragen. Das, was Ausdruck kulturellen Reichtums sein könnte, haben sie stets missbraucht und zur trennenden, schmerzenden Grenze werden lassen. Deshalb war die Versöhnung gerade an den Grenzen notwendig, an den Nahtstellen, dort, wo die Verschiedenheiten zwischen Völkern und Menschen zu trennenden Grenzen wurden. Gerade dort hatte sich die Sünde eingenistet, und durch seinen Tod am Kreuz hat Jesus die Sünde gesühnt. Und so wurde fortan das Kreuz zu dem Zeichen, unter dem sich die Völker friedlich versammeln können. Zum Beispiel kann in diesem Sinne das „Rote Kreuz“ seinen christlichen Ursprung gar nicht verleugnen.

Entmythologisierung der Politik

Durch die Versöhnung, die Jesus in der Beseitigung von Sünde und Schuld erwirkt hat, können wir nun die Unterschiede zwischen Menschen und Völkern wieder als Bereicherung und nicht als Anlass zu Zwist und Fehde wahrnehmen.

Im Übergang des Konzeptes von Alexander dem Großen auf Jesus kann man zum Stichwort „Versöhnung“ dasselbe wahrnehmen wie in der Erfüllung von Jer 23 in dem Jesus der Evangelien. Denn in beiden Fällen wird der politische Rahmen verlassen und Jesus wird als der wahre Hirte und Friedensbringer (Versöhner) dargestellt. Dieser Übergang von „Politik“ zu „Religion“ ist folgenreich:

1. Sie bedeutet eine prinzipielle Entmythologisierung der Politik. Die Herrscher müssen nicht das Heil bringen, das im Ganzen und auf Dauer den Menschen alles nur mögliche Glück beschert. Politisch geht das nicht. Die Politik wird in ihre Schranken verwiesen. Sie hat mit Gestaltung der Schöpfung, aber nicht mit der „zweiten Schöpfung“ zu tun.

2. Das Recht, die ethischen Normen festzulegen, kommt nicht der Politik zu. Denn dieses Recht hat nur, wer für die Würde und das Ziel der Menschen im Ganzen bürgen kann.

3. Von einer Gleichberechtigung oder Chancengleichheit von Staat und Kirche nach dem – oft missverstandenen – Motto „Gebt Gott... und gebt dem Kaiser“ kann keine Rede sein. Die Aufgaben könnten unterschiedlicher nicht sein.

4. Eph 2 macht insbesondere deutlich, dass die Politik an der Sündenvergebung überhaupt keinen Anteil hat. Gerade weil das hier so klar erkennbar ist, darf man sich fragen, ob das offenkundige Verdrängen der Sündenvergebung in der gegenwärtigen Theologie und Kirche nicht zu tun hat mit der sukzessiven Angleichung der Kirche als Institution an den Staat als Institution. Diese Angleichung ist weit fortgeschritten: Die Kirche ist mit tausend Fäden an den Staat gefesselt wie Gulliver an den Boden. Stichworte wie Steuern, Schulen, Sozialarbeit, Friedens- und Umweltarbeit, Fakultäten, Wehrmachtsgeistliche, Baulasten, strukturelle Affinität zu Parteien, Auftreten zu öffentlichen Anlässen zeigen diese Anpassung. Je mächtiger die gemeinsamen Projekte werden und je mächtiger der Staat dabei wird, umso weniger wird erkennbar, dass Kirche eben keine Behörde neben anderen ist, auch kein Sozialinstitut neben anderen. Sondern ihr geht es zum Beispiel um Sündenvergebung, also um das Drama von Schuld und Besiegung des Todes, um das Geborgensein in Gottes Liebe dort, wo kein Arzt mehr hilft und keine menschliche Liebe mehr hinreicht. Der Staat kann keine Ethik erfinden oder verantworten. Wegen dieser himmelweiten Unterschiede kämpfe ich für die Erneuerung der Unterscheidung. Klaus Berger