Sonntagslesung: Es gibt keine Garantie für eine leidfreie Welt

Zu den Lesungen des zwölften Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)

Sach 12,10-11; 13,1

Gal 3,26-29

Lk 9,18-24

Das Thema der drei Lesungen ist Jesus ganz speziell als der Messias Israels. Dabei betonen in dieser christlichen Sicht Sacharia 22 und Lukas 9 das Leiden des Messias, Galater 3 und Sacharia 13 die Taufe (zur Sündenvergebung). Das alles wird in ehrwürdigen Bildern und Farben aus der Religionsgeschichte Israels vor Augen geführt.

Der Text Sacharia 12 ist schon in Offb 1,7 auf Jesus bezogen. Weil es sich in Offb 1,7 um die Wiederkunft Jesu auf den Wolken des Himmels handelt, hat man dann auch Matthäus 24,30 (Zeichen des Menschensohnes), als Auslegung von Sacharia 12 betrachtet; doch das ist fraglich. Im übrigen rätselt man schon lange, an wen der Verfasser bei dem Durchbohrten in Sacharia 12 denkt. Aber wer auch immer das sei – zunächst ist über die Art nachzudenken, in der die frühen Christen diese Stelle auf Jesus beziehen. Denn diese Art der Lektüre wird auch an anderen bekannten Stellen angewandt. Das ist nötig, denn kritische Alttestamentler werden den Autoren des Neuen Testaments und den späteren Theologen immer vorwerfen, diese Stellen um ihren wörtlichen und historischen Sinn gebracht zu haben. Doch es gibt eine vermittelnde Sicht, die beiden gerecht wird. In der Religion Israels (und seines nächsten Umfelds) werden bestimmte „typische Vorstellungen“ (oder: Motive) entwickelt. Dazu gehört zum Beispiel der Typ des leidenden Gerechten, wie er in Jesaja 53 „perfekt“ geschildert wird. Oder der Typ der protzenden, heidnischen Großstadt, die jämmerlich zugrunde geht (Babel, Tyros). Dazu gehört der allseits beklagte weil getötete junge Held, wie wir ihn aus Sacharia 12 kennen. In jedem dieser Fälle verschwimmt im Laufe der Zeit die historische Individualität oder die Individuen, die einst dahinter standen. Es wird ein Typus daraus. In der deutschen Geschichte gibt es den Typus des vielversprechenden jungen Herrschers, der dann rätselhaft umkommt (Barbarossa-Motiv; später J.F. Kennedy). Und weiter: Dieser Typus verselbstständigt sich zu einer Größe, mit der man in Zukunft rechnet. Bekanntestes Beispiel ist König Antiochus IV. von Syrien (zweites Jahrhundert vor Christus), der zum Antichrist weiter stilisiert wird.

Perfekte Verwirklichung des Typus in Jesus Christus

Und so ist es auch in Sacharia 12: Der beklagte junge Held hat Züge des heidnischen Gottes Adonis oder anderer Gestalten der Mythologie. Bei der zyklisch Jahr um Jahr wiederkehrenden Trauer konnte man leicht an Sacharia 12 denken und umgekehrt. Es ist nun ein besonderes Merkmal des frühen Christentums und macht einen Aspekt des Schemas von Verheißung und Erfüllung aus, dass man sagen konnte und gesagt hat: Wenn irgendwo dieser Typus in Erfüllung geht oder perfekt verwirklicht wird, dann in Jesus Christus – oder eben im negativen Fall in seinem endzeitlichen Widersacher, dem Antichrist. Dieses Denkschema „Wenn irgendwo, dann hier“ wird dem allgemeinen Charakter des Typus gerecht und widersetzt sich nicht der Erfüllung in einem Maximum. Das gilt für den leidenden Gerechten nach Jesaja 53 und Weisheit 2, für den durchbohrten Helden nach Sacharia 12, für den sanften König nach Sacharia 9. (Dabei verbinde ich methodisch das Typus-Denken der historischen Phänomenologie mit dem Konzept des Maximum des Nikolaus v. Kues). Jesus Christus „ist“ in diesem Sinne der beklagte Held nach dem zwölften Kapitel des Sachariabuches, und der Seher Johannes tut ein Übriges, indem er das Hinblicken von Sacharia 12,10 auf die Parusie des wiederkommenden Christus bezieht. Wie das Christentum mythische Vorgaben in die Passion Christi einbringt, kann man noch heute an der Adonis-Christus-Klage in der andalusischen Semana Santa beobachten. V. Hamp schreibt in seiner Übersetzung als Fußnote zu Sacharia 12,10f: „Ein Schuldloser, der sein Leben hingab und an dessen Tod die Leidtragenden mitschuldig sind. Der eigenartige Vergleich in Vers 11 meint wohl einen aramäischen Gewittergott, um den die Heiden Totenklage hielten.“

Auch für Sacharia 13,1 gibt es einen ähnlichen Typus der Religionsgeschichte, welcher lautet: Wundersame heilende Quelle, entstanden anlässlich bedeutender Ereignisse; hier ist die gemeint, die nach der Überlieferung unter König David in Jerusalem neu aufgebrochen ist (Tempelquelle); Psalm 110,7 könnte sie meinen, denn vom König heißt es: „Vom Bach am Weg trinkt er; darum erhebt er das Haupt.“ Auch von Lourdes ist die heilige Quelle bekannt. Aber natürlich kann man im Blick auf Johannes 7 dann auch von der Taufe sagen: Wenn irgendwo, dann ist das Bild der heiligen Quelle im Zusammenhang mit dem Auftreten des messianischen Königs in der Taufe erfüllt.

Das Thema Leiden aus Sacharia 12 nimmt Lukas 9,18–24 auf. Im Unterschied zum 13. Kapitel des Prophetenbuches Sacharia und zum dritten Kapitel des Galaterbriefes wird man hier nicht einfach durch Wasser in die Gemeinschaft mit dem Messias hineingenommen. Jesus ist noch anspruchsvoller, denn weder durch Trinken noch durch Baden ist das schon voll erreicht, was er will. Im Unterschied zu Sacharia 12 genügt auch die Klage nicht. Selber sein Leben aufs Spiel zu setzen und zum Leiden bereit zu sein, das sind die Spielregeln der Christus-Nachfolge. Im Verhältnis zu Klagen, Trinken und Baden (Getauftwerden) ist das anstrengender, gefährlicher, ja wirklich lebensbedrohend. Nur Lukas spricht in 9,23 davon, man müsse „täglich“ sein Kreuz auf sich nehmen. Und das heißt: bereit sein, als Christ alle Schande zu tragen. Denn das Kreuz ist in der Umwelt des Neuen Testaments vor allem Zeichen für den Tod in vollendeter Ehrlosigkeit. Der Gekreuzigte stirbt wie der letzte Dreck: Nackt hängt er am Kreuz, von Hunden angefressen, von Fliegen in den Wunden gequält. Insofern ist Lukas 9,23 der Schlusspunkt hinter der ganzen Serie von messianischen Veranstaltungen, die diese Texte vorstellen.

Ein Blick auf die Geschichte Israels, besonders auf die in Deutschland vor 70 Jahren zeigt, dass Jesus in der Tat nur der Messias Israels sein kann. Jesus leidet anstelle seines Volkes, und Israel leidet für Gott. Galater 3,29 sagt es ganz klar: Durch die Taufe sind wir der Same Abrahams geworden, weil Christus der Same Abrahams ist. Das bedeutet Anteil an dem ganz gewöhnlichen Geschick des Volkes Gottes in der Welt. Das Volk sieht sich in dem leidenden Gerechten von Jesaja 53 und in den unschuldig Durchbohrten von Sacharia 12. Wir Christen sehen das, wenn irgendwo, dann in Christus erfüllt.

Entscheidend ist das Wozu, nicht das Warum

Nach dem Warum dürfen wir ja bei der Bibel nicht fragen, Also: Wozu muss das so sein? Jede einlinige oder einteilige Antwort wäre zu simpel und daher verfehlt. Leiden bringt von der Sünde ab, erklärt der erste Petrusbrief lapidar, Leiden ist Ausdruck der Züchtigung Gottes (Hebräerbrief 12), Leiden der „Gerechten“ ist Ausdruck der Feindschaft der „Welt“ gegen Gott, aber wer ist schon „gerecht“? Jesus sagt am Kreuz: Der Leidende ist von Gott verlassen. Auch wenn Jesus jetzt bis ans Ende der Welt bei der Kirche ist (Mt 28,20), so gibt es keine Garantie für Leidfreiheit. Wenn man also nur nach dem Wozu fragen soll und die deutsche Kirchengeschichte der letzten Monate überblickt, kann gelten: Im Sinne der Bibel kann alles Leiden nur dazu dienen, die Menschen näher an Gott und dichter zueinander zu bringen. Jede halbwegs gesunde Reaktion auf Leiden ist, dass es die Menschen zusammenschließt. Die Kirche in Deutschland hätte eben dieses im Auseinanderfallen bitter nötig. Wenn selbst das nicht mehr passierte, bliebe nur noch Warten und Schweigen. Das ist dann schon ein halbes Beten.

Für mich ist dieses bestürzend: Je mehr wir den Holocaust als ein Stück des Kampfes der Welt gegen Gott erkennen, umso mehr sind auch andere Elemente der klassischen Heilsgeschichte brandaktuell und nicht rein profane Wirtschafts- oder Parteiengeschichte. Das zu jeder Zeit aktuellste Thema aber ist nach innen die Frage der Einheit des Gottesvolkes, nach außen die Frage der Einheit der Menschheit und die Legitimität von Macht. Das Übermaß an Leiden und die krassen Nöte der letzten Monate sollten wohl eigentlich die Christenheit etwas weiterbringen. Ich nenne das Nachdenken darüber „Geschichtstheologie“, weil ich aufgrund meines christlichen Glaubens daran denke, dass Gott die Geschichte (zu einem Ziele) führt. Und weil wir uns es nicht leisten können, wie es viele andere tun, nämlich die Einzelteile nicht mehr „zusammenzukriegen“. Wer die Einzelereignisse nicht mehr koordinieren kann, verliert auch die Identität. Wer erklärt, das „katholische Prinzip“ sei „am Ende“, der will den Glauben nicht, der doch für jeden einzelnen Gläubigen mit Sicherheit tiefer geht als der Fehltritt des nächstbesten Prälaten. Denn die wirkliche Macht in der Geschichte hat der, der Sünden vergeben kann (siehe Markus 2,1-12).

Und was die Menschen betrifft, so lehrt schon das Magnificat mit seinem spezialisierten Fingerspitzengefühl für Fragen der Macht: Der Mächtigste ist der Demütige und der Beter. Weil es Gott gibt.

Klaus Berger