Sonntagslesung: Die Schlüsselgewalt im Volk Gottes

Zu den Lesungen des 21. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A)

Jes 22, 19–23

Röm 11, 33–36

Mt 16, 13–20

Der Text aus Röm 11, einer der schönsten Paulustexte, deutet an, dass es auch in Jes 22 und natürlich in Mt 16 um mehr geht als um die Vergabe von Posten im Reich Gottes. Zur Erklärung von Jes 22: Es handelt sich um eine Geschichte vom judäischen Königshof. Eljakim ben Hilkia wird zum Haus- und Hofmeister eingesetzt. Er tritt damit an die Stelle seines Vorgängers Sebna, von dem noch V.19 handelt. Die Verse 20–22 sprechen im Zeremonialstil von der Investitur des neuen Haushofmeisters. Das Attribut „mein Sklave“ ist häufig den Königen vorbehalten, sagt also Wichtiges über die hohe Stellung. V. 21 spricht von den neuen Dienstgewändern. Dabei fällt auf, dass die Schärpe (das hebräische Wort stammt aus dem Ägyptischen; die Schärpe wird schräg quer gelegt) nie Bestandteil der Kleidung des gewöhnlichen Mannes ist, es handelt sich um ein exklusives Prunkstück. Der kultische Rezitator trägt schon in Ägypten „eine breite Binde schräg über die Brust“, und so ist dieses noch heute Dienstkleidung der Diakone, das heißt die besondere Form, in der die Stola bei Diakonen gelegt ist, hat einen altorientalischen Ursprung. Nach V. 23 wird der neu Installierte zum sicheren Pflock eingesetzt, was nicht zufällig an das Wort für Petrus erinnert, er sei der Fels, auf den der Herr seine Kirche baut. Was der Pflock für das Zelt, das ist der Fels für das Haus. So wird in Jes 33, 20 Jerusalem mit einem Zelt verglichen, „das nicht wandert, dessen Pflöcke in Ewigkeit nicht ausgezogen werden und dessen Stricke nicht reißen“.

Verfügungsgewalt über die Davididen

Die interessanteste Wirkungsgeschichte aber hat Jes 22, 22 („Und ich lege die Schlüssel des Davidshauses auf seine Schulter, und er wird auftun und keiner schließt, und er wird schließen, und keiner tut auf“). Im Kontext von Jes 22 handelt diese Anrede von der Schlüsselvollmacht. Das heißt: Der neu Eingesetzte ist zuständig für die Sicherheit des ganzen Palastes wie heute noch ein Wach- und Schließdienst. Dabei geht die Schlüsselgewalt wohl über das wörtliche Verständnis hinaus. Die „bedeutet Verfügungsgewalt über die Dynastie der Davididen, ihren Besitz und ihre Funktionen überhaupt“.

Der Vers wird wörtlich auf Jesus bezogen in Apk 3, 7: „Diese Worte sind von dem Heiligen, der wirklich ist wie Gott, der den Schlüssel Davids [zu Himmel und Hölle, zu Leben und Tod] in Händen hat. Wenn er damit aufschließt, so ist es endgültig; wenn er zuschließt, ist es für immer. Ich weiß, wie du gehandelt hast. Daher habe ich für dich eine Tür zum Himmel geöffnet, die niemand mehr schließen kann.“ Hier ist freilich die Rolle des Schlüssels Davids schon auf Leben und Tod bezogen. In den O-Antiphonen der Adventszeit schließlich heißt es in der Vesper am 20.12.: „O Schlüssel Davids und Szepter des Hauses Israel. Du öffnest, und niemand schließt, du schließt und niemand öffnet. Komm und führe aus dem Gefängnishaus den Gefesselten heraus, der sitzt in Finsternis und Todesschatten.“ Hier ist Jesus selbst metaphorisch der Schlüssel Davids. Seine Vollmacht bedeutet die Macht zur Befreiung [des alten Menschen] aus dem Gefängnis. Das Haus ist daher hier nicht der Palast in Jerusalem, sondern es geht um die wunderbare Befreiung aus dem Gefängnis des Todes; die Schlüssel dazu hat in der Tat nur Jesus, der „Erstgeborene aus den Toten“ (Apk 1, 5). Von wunderbarer Befreiung berichtet beispielsweise die Apostelgeschichte öfter (K.5.12). – Die Stelle aus Jes 22 war wohl deshalb für christologische Deutung anziehend, weil es sich um die in einem Symbol konzentrierte Macht des ganzen Hauses Davids handelte und weil deren Ausübung definitiven Charakter besaß.

So ist es auch bei der Schlüsselgewalt des hl. Petrus: Seine Akte des Einlassens oder Ausschließens haben definitiven Charakter. Nichts anderes bezeichnet das „wie auf Erden – so im Himmel“. Auch in Mt 16 handelt es sich noch immer um eine Investitur, daher der feierliche Stil. Dass an der Stelle des Pflocks hier der Fels steht, wurde schon bemerkt. Was für Akte sind das bei Petrus? Die gleichlautende Formel in Mt 18, 18 gibt mehr Klarheit. Denn dort geht es im Kontext eindeutig um Ausschluss aus der Gemeinde. „Binden“ heißt dann: nicht hineinlassen, lösen heißt dann: den Zugang öffnen. Die Gemeinde (Mt 18) beziehungsweise Petrus allein (Mt 16) kann den Zugang zur Gemeinde daher selbständig regeln. Die Doppelheit von Apostel (Petrus) und Gemeinde, die beide diese Vollmachten haben, findet sich auch in 1 Kor 5 für den Fall des Ausschlusses des Unzuchtssünders aus der Gemeinde. Die Gemeinde im ganzen (1 Kor 5, 4) oder Paulus auch allein (1 Kor 5, 3) können dieses definitive Urteil fällen.

Warum muss das Urteil definitiv sein? Wird hier nicht menschliches Urteilen unzulässig „überhöht“? Gilt nicht, dass Jesus nicht zum Urteilen, sondern zum Retten gekommen ist? Die merkwürdige Entsprechung zwischen Petrus und Paulus, zwischen der Kirche des Matthäus und Korinth rührt daher, dass die christliche Gemeinde heilig ist und kein Verein wie jeder andere. Bei Vereinen gibt es fließende Grenzen, bei der Gemeinde der Heiligen dagegen nur „heilig“ oder „unheilig“. So wie es auch entweder heiliger Geist oder ein Dämon ist, der einen Menschen erfüllt; ein neutrales Drittes gibt es nicht. Die Gemeinde der Heiligen ist je und je ein Ort der Begegnung mit Gott (vgl. 1 Kor 14, 25 und Mt 18, 10) und hat darin ein Grundmuster, das der Christologie ähnlich ist (Gott wohnt in oder inmitten von Menschen). Wir haben daher hier nicht über Unbarmherzigkeit zu klagen, sondern entweder ist die Gemeinde der heilige Ort Gottes – oder sie ist ein profaner Verein. Sage mir, ob du die Gemeinde als heiligen Tempel Gottes ansiehst, dann kann ich dir sagen, was die Schlüssel des Petrus wert sind. Die hermeneutische Grunddimension der Heiligkeit ist uns freilich abhanden gekommen, und daher reden wir zu jeder Zeit von barmherziger Therapie. Es gibt eine Stunde der Therapie, und es gibt eine Stunde der Trennung von heilig und unheilig. Beide gehen auf ganz verschiedenen Wegen. Daher gibt es den Weg des Suchens und Lockens und andererseits den Weg des Ja und des Nein.

Man kann ferner fragen, warum das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias und Gottessohn so eng mit der Schlüsselgewalt verbunden ist. Allen anderen Religionen ist das, soweit ich sehe, fremd. Außer im MtEv und bei Paulus finden wir diese merkwürdige Verbindung besonders intensiv im Ersten Johannesbrief. Wer nicht glaubt, dass Jesus, der Messias im Fleisch gekommen ist, der „ist nicht von uns“, der hat keine Bruderliebe und ist mit Kain vergleichbar. Im Alten Testament verkünden zwar die Propheten besonders intensiv das Erste Gebot, aber kein Prophet kann Mitjuden aus der Volksgemeinschaft ausstoßen. Im Neuen Testament ist das anders: Der Verkündiger des Bekenntnisses ist zugleich Träger der Schlüsselgewalt, und genau das macht die Vollmacht des Apostels aus, besonders die des Petrus.

Bekenntnis und Kirchenzugehörigkeit sind verbunden

Das gilt deshalb hier so extrem, weil hier alles daran liegt, persönlich und leiblich mit dem Menschensohn verbunden zu sein. Wer sich zu ihm bekennt, will und muss auch mit ihm leiden. Bekenntnis bedeutet direkt Schicksalsgemeinschaft. Das kann man von keinem Menschen des Alten Testaments sagen. Auch daran wird wieder erkennbar, dass Kirche kein Verein ist. Nur in der Kirche kommt es auf persönlich nachvollzogene Schicksalsgemeinschaft mit dem Menschensohn an. Die Zugehörigkeit zur Kirche ist daher extrem christozentrisch begründet. Und eben deshalb sind Bekenntnis und Kirchenzugehörigkeit so eng miteinander verbunden. In der Figur des Apostels wird dieses Junktim greifbar.

Die Lesung aus Röm 11, 33–36 ist Bestätigung und auch Korrektiv zur Strenge von Mt 16 und 1 Kor 5: Einerseits gilt ganz selbstverständlich trotz aller Schlüsselgewalt: Kein Apostel ist Gott. Die Funktion des Türhüters ist eine Hilfsfunktion. Sie gilt dem Schutz des Heiligen wie früher Chorschranken in Kirchen, aber sie ist nicht die Substanz. Die Gottheit Gottes beschreibt Röm 11, 33–36 in unnachahmlicher Schönheit: Gott ist unzugängliches Geheimnis, und er ist Ursprung und Ziel des Ganzen, daher gebührt allein ihm alle Ehre. Diese Doxologie erinnert aber auch daran, wem wir in der Kirche auf Erden verborgen begegnen: niemandem anderen als dem unfassbaren Gott. Er ist aus Liebe dennoch und gleichzeitig auch der nahe Gott geworden – das ist das ganze Geheimnis. Deshalb gilt nach wie vor das Wort eines großen Theologen: Sag mir, wie erhaben du dir Gott vorstellst, und ich will sagen, wie egal er dir ist. Klaus Berger