Sonntagslesung: Auch am Ende der Welt ist er immer wieder der Anfang

Zu den Lesungen des 1. Fastensonntags (Lesejahr B)

Gen 9, 8–15

1 Petr 3, 18–22

Mk 1, 12–15

Dreimal verkünden die drei Lesungstexte einen Anfang. Den neuen Anfang nach der Sintflut mit dem Noah-Bund, den neuen Anfang durch den Auferstandenen vor Gottes Thron, der unsere Gewissen befreit hat, und den neuen Anfang mit Jesu Predigt vom Reich Gottes, angesichts dessen wir zur Umkehr aufgerufen werden. Der erste und der letzte Text, Altes Testament und Markus-Evangelium, beziehen auch die Tiere in den neuen Anfang mit ein. Sie erinnern daran, dass wir nur zusammen mit ihnen geschaffen und erlöst wurden.

Der Noah-Bund ist der erste der vier Bundesschlüsse, über die die hebräische Bibel berichtet (Noah, Abraham, Moses, Neuer Bund). Doch im Unterschied zu den späteren Bundesschlüssen wird der Noah-Bund als ganz einseitige Verfügung Gottes festgesetzt. Noah muss nichts tun, auch nicht beim Bundesschluss selbst. Er bekommt nur Gottes Entschluss mitgeteilt. Hier ist also das, was generell von den biblischen Bundesschlüssen zu sagen ist, besonders deutlich: Der Bund ist kein Vertrag zwischen (womöglich noch gar gleichberechtigten) Partnern, sondern eine einseitige Begünstigung Dritter. Gerade dass man nichts tun muss, ermöglicht es, dass der Noah-Bund für die ganze Schöpfung geschlossen wird. Im Noah-Bund gibt Gott der neuen Menschheit eine „Erhaltungsordnung“, das heißt Gott garantiert den äußeren Bestand der Welt und ihrer Ordnungen. Wie bei den späteren Bundesschlüssen, so gilt auch beim Noah-Bund Verheißung und Erfüllung. Jeder Regenbogen erinnert uns daran. Nach Gen 8,10 wird Gottes Zusage, keine neue Sintflut kommen zu lassen, ausdrücklich und ausführlich auf alle Tiere nach ihren Arten ausgedehnt, und die Tiere alle wiederum werden mit den Menschen zusammengefasst in der den Abschnitt beschließenden Wendung: „alle, die aus der Arche herausgekommen sind“, so als solle noch einmal unterstrichen werden: Die aus der Vernichtung Bewahrten haben das gleiche Geschick, und sie haben die gleiche Zusage für ihr Bestehen. Die Zusage Gottes wird Realität, indem die Lebewesen existieren. Das heißt: Dem Bestehen der Welt und dem Bestehen alles Lebendigen liegt ein „Gotteswort“, liegt eine Zusage Gottes zugrunde, die vor aller Theologie liegt: die einfache Bestätigung des Lebendigen.

Der Regenbogen ist Zeichen des Bundes, es ist eine Art Unterpfand. Noch Paulus wird in Röm 4 die Beschneidung „Zeichen des Bundes“ nennen. Zu einem „Bund“ gehört das Zeichen so wie zu den Sakramenten die äußere Form. Aber die Wendung „Und dies wird euch zum Zeichen sein“ kennen wir auch aus der Weihnachtsgeschichte. Gottes in der Gegenwart nicht sichtbares Wort bleibt daher nicht total unsichtbar, sondern stützt die Glaubenden.

Wenn die künftige Eschatologie mit der Sintflut argumentiert, zum Beispiel Lk 17,24, dann geht es doch nicht um eine neue Wasserflut. Sondern der Vergleichspunkt ist die Plötzlichkeit, mit der das unerwartete Gericht die Lebendigen überfallen wird. Die empfohlene Haltung ist daher hier: Wachsamkeit.

Um einmal beispielhaft zu zeigen, was man von den ganz alten („vor-kritischen“) Kommentaren noch lernen kann, sei zum Abschnitt über den Noah-Bund aus dem lateinischen Kommentar von M. Poole (1669, „Synopsis Criticorum“) zitiert, der seinerseits 150 mittelalterliche Kommentare exzellent verarbeitet hat. Kein neuerer Kommentar nennt die Schönheit des Regenbogens. Hier dagegen wird sogleich an Sir 43,11 erinnert: „Schau den Regenbogen an und preise seinen Schöpfer; denn überaus geschmückt mit Herrlichkeit ist er. Den Himmelskreis umgibt er rings mit seiner Pracht, und Gottes Hand hat ihn in der Höhe ausgespannt.“ Dann wird der jüdische Ausleger Moses Maimonides zitiert, der erwähnt, dass Juden, wenn sie einen Regenbogen sehen, Gott lobpreisen, der seines Bundes gedenkt und getreu zu seinen Verheißungen steht. Bis heute ist es Teil der jüdischen Liturgie, beim Ansehen eines Regenbogens zu sagen: „Gesegnet bist du, Herr, der du des Bundes gedenkst.“ – Die drei Farben, die man damals im Regenbogen entdecken konnte, werden gedeutet auf Gottes Strenge, Güte und Barmherzigkeit. Nicht nur Gott erinnert sich angesichts eines Regenbogens, auch die Menschen sollen sich erinnern, und zwar daran, dass ihre Sünde die Ursache der Sintflut war und daran, dass Gott mit Noah einen Bund geschlossen hat, sodass man Gott Dank sagen kann. – Die „Dichter“ werden genannt, die sagen: Iris deorum nuntia „Der Regenbogen ist ein Bote/Herold der Götter“. So kann man zusammenfassen: Durch den Regenbogen hält Gott der ganzen Welt eine Predigt darüber, dass er bei der Sintflut zornig war und dass er sie für die Zukunft beruhigen will. Zitiert wird auch die armenische Version, die so liest: „Ich will einen Bund schließen zwischen euch und meinem Wort“, und das Wort wird dabei auf Christus bezogen, „in dem alle Verheißungen bestehen“. Schließlich wird gesagt: Natürlich betrachtet ist der Regenbogen Zeichen des Regens, übernatürlich (unter dem Aspekt der Gnade Gottes, bzw. „sacramentaliter“) betrachtet wird daraus ein Zeichen der Bewahrung vor dem Regen. So korrigiert Gott in seiner Offenbarung den natürlichen Eindruck, denn seine Offenbarung führt weiter. So geschieht es auch sonst oft, dass Gott die natürlichen Zeichen umwertet, wie das Feuer als Zeichen der Vernichtung in „sakramentaler“ Hinsicht zum Zeichen der Neuschöpfung durch den heiligen Geist wird. Deshalb wird der Regenbogen auch in die Wolken gesetzt (9,13), weil aus den Wolken auch der Regen der Sintflut kam. – Das alles steht in 20 Zeilen der einen Spalte eines zweispaltigen Textes! Welch ein Reichtum an nachdenklicher Frömmigkeit spiegelt sich in diesen alten Kommentaren, bei denen Poole übrigens zwischen jüdischen, katholischen und reformatorischen Kommentaren nicht künstlich unterscheiden muss (er selbst ist Anglikaner „von der alten Sorte“).

Der Gott der Bibel ist der Gott des Anfangs und des Neuanfangs. Gott ist quicklebendiges Wort. Und er ist der Anfang, er ist immer wieder der Anfang. Auch am Ende aller Wege, auch am Ende der Welt ist er der Anfang. Immer wieder wie der Aufgang der Sonne. Er ist der Anfang, dem der Zauber der Morgenfrühe und des Segens innewohnt. Auch die Auferstehung wird nichts sein als ein neuer Anfang. Der 1. Fastensonntag ist Anfang der Umkehr. Hier kann, wenn wir ihn ernst nehmen, ein neues Kapitel des Lebens beginnen. Deshalb beginnt nach manchen alten Kalendern das Kirchenjahr mit dem Aschermittwoch, noch nicht mit dem 1. Januar.

Die Vollendung des neutestamentlichen Anfangs ist die Erhöhung, von der 1 Petr 3 spricht: „Ein Gegenbild zur Arche ist jetzt die Taufe. Sie rettet uns dadurch, dass unser Gewissen offiziell vor Gott für rein erklärt wird. Denn Jesus Christus ist auferstanden (22) und sitzt jetzt als unser Fürsprecher an der rechten Seite Gottes. Nachdem ihm die Engel, Mächte und Gewalten unterworfen wurden, ist er in den Himmel eingezogen.“ Die Unterwerfung der Engelmächte ist für den Menschen notwendig, weil der Mensch im Zustand des Sünders nur Objekt des Spottes der Engel sein kann. Zudem findet sich in 1 Petr 3 auch eine Erwähnung der Arche, was mit Gen 9 verbindet: „Als die Arche schon im Bau war, hatte Gott zuerst noch geduldig gewartet, ob sich die Menschen doch noch bekehrten, aber da sie das nicht taten, wurden nur acht Menschen in der Arche aus der Sintflut gerettet. Ein Gegenbild zur Arche ist jetzt die Taufe. Sie rettet uns dadurch, dass unser Gewissen offiziell vor Gott für rein erklärt wird (3,20f).“ Das Vergleichsglied zwischen Arche und Taufe besteht daher nur darin, dass es in beiden Fällen ein Instrument der Rettung gibt.

Der Satz Mk 1,13 „und er war mit den Tieren“ fehlt in den sonst ausführlicheren Versuchungsberichten nach Matthäus und Lukas. Es wird auch nicht gesagt, dass die wilden Tiere Jesus dienen. Das lapidare „er war mit den Tieren“ setzt aber offensichtlich voraus, dass sie Jesus nichts angetan haben, denn sonst hätte er die 40 Tage nicht überlebt. Überhaupt fehlen durchweg Anklänge an das Paradies, und die Wüsten in Palästina haben mit dem blühenden Garten, als den die Bibel das Paradies beschreibt, wirklich nichts gemeinsam (außer dass Wohnhäuser fehlen). Relativ große Ähnlichkeit scheint noch mit diesem Text des 2. Jh. n.Chr. zu bestehen: „Der Teufel wird von euch fliehen, die Tiere werden euch fürchten, der Herr wird dich lieben, Engel werden sich eurer annehmen.“(Text XII Patriarchen, Testament des Naphtali 8,4). Doch es fehlen die Versuchung, die Wüste, die 40 Tage, und der Teufel flieht vor Jesus nicht, sondern macht sich an ihn heran und versucht ihn. Das Motiv, dass Tiere einen Menschen fürchten (wie es sich nach Gen 1f gehört!) gilt von jedem Menschen, der „gerecht“ und „heilig“ ist (siehe St. Franziskus).

Herr unser Gott, du gewährst uns alle Vorrechte von Menschen, die ganz neu anfangen. Wer eine gute, tiefe Beichte hinter sich hat, darf sich fühlen wie die Menschheit nach der Sintflut. So lass auch für uns jeden Regenbogen zum Zeichen deiner Treue werden, für die wir dir danken, besonders bei jedem Neuanfang.

Klaus Berger