Sonntagslesung: Alle Weisheit zeigt sich in der Haltung zu Christus

Zu den Lesungen des sechsten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)

Jer 17, 5–8

1 Kor 15, 12.16–20

Lk 6, 17.20–26

Die Texte dieses Sonntages sprechen alle vom Entweder/Oder, so wie es im Leben sonst kaum vorkommt. Entweder ist ein Mensch verflucht, oder er ist gesegnet, entweder muss man ihn selig preisen oder ihm gilt das Wehe. Entweder gibt es Auferweckung Toter und damit Hoffnung, oder es gibt noch nicht einmal Sündenvergebung. Denn entweder einer ist bei der Auferstehung dabei oder er bleibt in Sünde und Tod, und das wäre allerdings das Normale.

Die Teilung in die jeweils zwei Menschengruppen ist allerdings kein Selbstzweck, sondern sie hat extrem appellative Funktion. Indem der Prophet oder Jesus sie schildert, fordert er dazu auf, den Strang des Glücks zu ergreifen. Es ist wie bei dem klassischen Bild der zwei Wege. Indem der Prophet oder Jesus sie vor Augen stellt, will er nicht zur Festlegung durch Einordnung von Menschen anleiten, sondern den weiten Raum der Möglichkeiten eröffnen. Dabei ist das Kapitel des Korintherbriefs geschickt zwischen die beiden Reihen mit Fluch und Verheißung platziert. Denn im Neuen Testament bleiben nicht die Chancen einfach wie sie waren. Vielmehr sind die positiven Chancen jetzt durch die Möglichkeit der Auferstehung entscheidend erweitert. Denn jetzt ist „selig“ nicht nur der, der Glück und Segen genießt, sondern der für immer daran Anteil hat in der Auferstehung. Der Korintherbrief gibt sozusagen den Zwischenschritt an, die neue Bedingung, die alles zum Besten verändert. Die dem traditionellen Weg eine neue Perspektive und einen neuen Ausgang eröffnet.

Denn schon seit jeher war die Wahl zwischen „Glück“ und „Wehe“ die zwischen Leben und Tod. Insofern bestätigt die Bibel schon längst – wenn auch in ganz anderem Sinne als es Albert Camus gemeint hatte – das eigentlich philosophische Problem des Menschen sei der Selbstmord. Die Bibel denkt dabei nicht an Suizid, aber an den nachhaltigen Weg der Selbstzerstörung, zu der der Mensch die Freiheit hat. Leider hat der Mensch, modern gesprochen, diese Freiheit. Aus biblischem Denken heraus würde man sagen: Es ist möglich, dass der Mensch von dieser Neigung zur Selbstzerstörung befallen wird. Es geht nicht einfach um eine Form der Selbstverwirklichung oder Souveränität dabei, sondern in der Sicht der Bibel geht es um die fundamentale Anfälligkeit, Schwäche und Neigung zur Sucht. Kein biblischer Autor würde das als Freiheit betrachten. So wird vielmehr der Mensch gesehen: Er ist gefährdet und bedroht.

An jeder Biegung droht Absturz

Es ist mit dem Leben wie auf einer gefährlichen Bergstrecke: An jeder Biegung droht der Absturz. Freiheit gibt es nur als Rettung aus dieser ständigen Gefahr. Aber das Darin-Stehen in dieser Gefahr, die ständige Gefährdung ist keine Freiheit, sondern eine fürchterliche Zwangslage. Deshalb verstehe ich auch nicht, wie Menschen ein Christentum, das dem Zeitgeist hinterherläuft, als die „Religion der Freiheit“ anpreisen können, weil im Unterschied zum traditionell Katholischen ein jeder glauben und tun könne, was er wolle. Gehen kann man alle Wege in den tiefen oder mittleren Abgrund auch als Katholik. Nur sind die diversen Wege in der katholischen Kirche markiert. So wie ein rühriges Fremdenverkehrsamt (mit kundigen Einheimischen) Schilder aufgestellt hat. Und es gibt eben recht viele Wege, auf denen ein Totenkopfzeichen davor warnt, sich auf diesen oder jenen Weg zu begeben. Man kann das – je nach Perspektive – Gängelung oder Freiheitsberaubung nennen. Doch am Ende zeigt es sich, dass die katholische Kirche ein recht gutes Gedächtnis für Abschüssigkeit von Wegen hat. Und da nicht jeder Einzelne alle Erfahrungen neu machen kann, baut sie auf eine gewisse Fähigkeit der Menschen, zuzuhören und sich den Lebensweisheiten aus Erfahrungen mit Gott und Welt anzuvertrauen, von denen die Bibel berichtet.

Damit gelangen wir zu einer zentralen Kategorie der Weisheit, um die es bei Selig und Wehe, bei Verfluchung und Glücklichpreisen geht. Es ist die Kategorie der Erinnerung. Die Weisheitsliteratur der Bibel enthält selbst bereits die Resultate von Lebenserfahrungen aller Völker des Orients aus gut fünftausend Jahren. Die Schrift ist hier Offenbarung als Erinnerung. Es stimmt schon: Offenbarung geht in jedem Fall über das Alltäglich-Oberflächliche hinaus. Dazu bezeugt sie entweder den Himmel (Gottes himmlisches Heiligtum und Thron) „über der Zeit“ (auch durch Wunder, Vision und Prophetie) oder aber das, was tiefer liegt, das Grundlegendere, Bewährte, das „Uralte“, das von den Vätern her „Gewusste“ und den Kindern und Enkeln in weisheitlicher Belehrung Mitgeteilte. Dieses Grundlegende, Uralte verdankt sein Leben der Erinnerung. Daher ist nicht brandneu, was nach Jeremia oder nach Jesu Feldrede Fluch und Wehe hervorruft. Es ist tausendfach bestätigte Erinnerung, weisheitliches Gedächtnis.

Jesus gibt dem, was er aus dieser Weisheit auswählt, eine besondere Zuspitzung. Reichtum, Sattheit, schäbiges Sich-Erheben über andere gehören für ihn eng zusammen. Auf der Seite der Gemeinde der Jünger äußert sich dieses „Wohlergehen“ nicht so krass, sondern subtiler. Es besteht nämlich darin, dass die Außenstehenden den Jüngern Schmeichelhaftes sagen. Das heißt ganz schlicht: Sie sind wohl angesehen, man entschärft das Evangelium, indem man denen, die es verkündigen sollten, Komplimente macht. Man versucht, sie zu gewinnen, indem man ihnen bestätigt, sie seien ganz und gar akzeptiert.

Bei der Lektüre der Verse Lk 6, 24–26 kann man daher nur erschrecken: Seit zweitausend Jahren ist die Lage der Christen in diesem Sinne überhaupt nicht verändert. Wenn die Menschen die Christen hassen und ausstoßen, wenn sie das Wort „Christen“ mit Abscheu nennen, weil sie zu Jesus gehören, dann ist die Welt in Ordnung, sonst aber eben nicht.

Das heißt: Die orientalische Weisheit über den Weg der Weisheit oder der Torheit entfaltet sich in der frühchristlichen Verfolgung der Jünger soziologisch greifbar als konkrete Verfolgung der Jünger Jesu. Die Schwarz-Weiß-Malerei der Weisheitstexte nennt mit einem Male nicht nur gegensätzliche Typen von Lebensentwürfen. Sie liefert nicht nur allgemeine Kriterien über das, was Glück bringt und was nicht. Sondern sie wird jetzt, da Weisheit Gottes einen Namen hat, nämlich Jesus, zur konkreten Trennungslinie zwischen Nicht-Christen und Christen. Alles das, was die Weisheit sagt, ist mit einem Male nicht mehr nur theoretisch, sondern sehr konkret auf Nachbarn, Feinde und Freunde zu beziehen.

Stein des Anstoßes

Denn der Menschensohn ist der konkrete Stein des Anstoßes. Es ist, wie wenn die Jahrhunderte währende Diskussion über Weisheit und Torheit, Wahrheit und Schein, Leben und Tod plötzlich auf den einen Punkt konzentriert ist, auf den Namen Jesu, des Menschensohnes. Hier und nirgends anders wird diese Frage konkret und unausweichlich. Es ist schon eigenartig, dass das, was sonst „Menschwerdung Gottes“ heißt, „Sendung Jesu des Sohnes Gottes zur Rettung der Welt“, im Milieu weisheitlicher Diskussion und Belehrung zu der Fassung gerinnt, dass jetzt oder nie, hier und nirgends anders Leben, Weisheit und Sinn zu finden sind. Und dieses nicht in einem harmlos bürgerlichen Sinn von Hausbüchern, sondern als Verfolgung der Jünger Jesu. Hier, in der Person Jesu, liegt die extremste Zuspitzung aller Frage nach Weisheit, hier, im Ja oder Nein zu Jesus, entscheidet sich daher auch die traditionelle Frage der zwei Wege nach Leben oder Tod. Diese Zuspitzung aller Weisheit auf das Bekenntnis zu Jesus (oder eben das Verleugnen Jesu) ist damit eine subtile und brisante Variante der Frage nach der Absolutheit des Christentums beziehungsweise Jesu.

Es ist durchaus dasselbe, wenn Jesus im Johannes-Evangelium sagt: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ oder wenn die frühen Missionare verkünden, in „keinem anderen Namen“ sei Heil zu finden. Wie Jesus und um seinetwillen verfolgt und gehasst zu werden, das ist die Antwort auf die Frage nach dem Weg zum Leben oder zum Tod. Wichtig ist von Anfang an: Im Zentrum dieser Jüngerschaft steht nicht nur ein verbales Bekenntnis zu Jesus, sondern eine Schicksalsgemeinschaft. Christsein besteht geradezu darin, verfolgt zu werden wie Jesus. Das Merkmal des Christlichen ist in diesen frühen Texten nicht der Umfang organisierter Liebestätigkeit, sondern – nimmt man die übrigen Seligpreisungen nach Lukas hinzu – eine weitgehend wörtlich genommene Nachahmung des Lebensstils Jesu inklusive Armut, Hunger, soziale und religiöse Ausgrenzung, Beschimpfung und üble Nachrede. Lukas nennt „die Propheten“ als Vorbilder. Das geschieht im Rahmen des frühjüdischen Prophetenbildes, wonach alle Propheten missachtet, überhört, verfolgt und getötet wurden. Jesus versteht daher sich und seine Jünger hier als eine Art prophetischer Bewegung, wie man sie aus der Geschichte Israels kennt. Doch es geht nicht einfach um eine Wiederholung alter Geschichten, vielmehr ist der Zusammenhang zwischen Menschensohn und Jüngern weitaus enger als der zwischen den einzelnen Propheten untereinander. Hier ist eben der „Name“ Jesu wichtig geworden (Lk 6, 22). Denn alles, was war, liest sich neu in der absoluten Konzentration auf Jesus. Klaus Berger