„Solche Christen braucht es“

Der Paderborner Weihbischof Matthias König über den Weltjugendtag in Sydney

350 junge Pilger sind am vergangenen Wochenende aus dem Erzbistum Paderborn zum Weltjugendtag nach Sydney aufgebrochen. Hunderte Jugendliche aus dem Erzbistum Köln und anderen Bistümern sind bereits vor Ort. Weihbischof Matthias König begleitet sie auf ihrem Weg. Nathanael Liminski sprach während der Reise mit ihm über Benedikt XVI. und moderne Jugendseelsorge.

Herr Weihbischof, Sie sind gemeinsam mit jungen Menschen aus ihrem Bistum auf dem Weg zum Weltjugendtag nach Australien, legen hier in Singapur einen Zwischenstopp ein. Wie haben Sie sich auf diese Wallfahrt vorbereitet?

Im Vorfeld dieser Reise war erst einmal viel organisatorischer Aufwand zu bewältigen. Dank der Förderung des Erzbischofs sowie vor allem privater Spender, die von den Erlebnissen des Weltjugendtags in Köln 2005 nachhaltig begeistert waren, ist es uns möglich, zum Weltjugendtag zu reisen. Darauf haben wir uns auch geistlich vorbereitet. Die jungen Menschen haben das vielerorts alleine in die Hand genommen, oft hing es aber auch an den Pfarrern und Gemeindereferenten, die notwendige Begeisterung weit im Vorfeld der Reise zu wecken und ein entsprechendes katechetisches Angebot zu entwickeln. Dabei ging es im Grundsatz darum, die jungen Menschen damit vertraut zu machen, was sie erwartet: Natürliche Frömmigkeit junger Menschen aus der ganzen Welt.

Oft wird auch in kirchlichen Kreisen angemahnt, dass man keine Jugendpastoral „von Weltjugendtag zu Weltjugendtag“ machen könne. Welche Rolle sollten die Weltjugendtage in der Jugendseelsorge spielen?

Im Nachgang zum Weltjugendtag in Köln habe ich bei Firmungen jedes Mal in leuchtende Augen geschaut, wenn ich den Weltjugendtag erwähnt habe. Die Gäste aus allen Teilen der Weltkirche haben unsere Gemeinden bewegt. Einige junge Menschen haben nach den Erlebnissen in Köln gar eine persönliche Bekehrung erlebt. Bei uns im Erzbistum haben sich in den Pfarreien zahlreiche Gruppen junger Menschen gefunden, die den Geist des Weltjugendtags weiterleben lassen und damit die Gemeinden bereichern. Solche engagierten jungen Menschen sind ein Schatz! Im Dom zu Paderborn feiern wir seit kurzem jeden dritten Sonntag im Monat eine Jugendvesper. Auch das kann als Frucht des Weltjugendtags bezeichnet werden. Mir fiel beim Besuch des Katholikentags in Osnabrück im Mai auf, dass viele der zahlreich anwesenden jungen Menschen die für Weltjugendtage typischen Angebote gesucht haben. Alles in allem kann man sagen, dass der Kern unseres kirchlichen Glaubenslebens wieder selbstverständlicher geworden zu sein scheint: Meditation, Anbetung, Eucharistie feiern. Das sind doch unsere Schätze.

Dem Weltjugendtag haftet der Vorwurf an, eine Rahmenveranstaltung für den um sich greifenden „Papstkult“ zu sein. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Für einen Kult um eine Person – und sei es der Heilige Vater – sind wir Deutschen viel zu nüchtern. Das erklärt sich auch aus unserer deutschen Geschichte. Junge Menschen aus anderen Ländern gehen mit ihrer Begeisterung für den Papst auch als Mensch unbefangener um. Dennoch muss man festhalten, dass Benedikt XVI. kein Mann ist, der einen Kult um ihn zulassen oder gar schätzen würde. Seine Stärke liegt in der persönlichen Begegnung. Er wirkt auf junge Menschen deshalb anziehend, weil er authentisch und seine Botschaft klar ist: „Es geht nicht um mich, sondern um Christus.“ Die jungen Menschen auf den Weltjugendtagen wissen das.

Welche Erwartungen hat die australische Kirche an den Weltjugendtag im eigenen Land?

Die Kirche in Australien hat dieselben Probleme wie die Kirche in allen westlichen Ländern: zunehmende Entkirchlichung des gesellschaftlichen Lebens, hinzu kommen medial stark beachtete Sittlichkeitsskandale. Ich gehe davon aus, dass die australischen Bischöfe sich das vom Weltjugendtag erhoffen, was wir in Deutschland auch mit Blick auf die Tage in Köln hofften. Und wir waren ja alle ganz verwundert, so viele junge Menschen zu erleben, die unverkrampft ihren Glauben leben und feiern. Die australische Kirche zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus. Vom Weltjugendtag kann ein Signal zur Einheit ausgehen.

„Wir sind Papst“ titelte die große deutsche Boulevardzeitung nach der Wahl Kardinal Ratzingers zum Papst. Hat sich das Verhältnis der Deutschen zum Papst gewandelt und wird es so bleiben, wenn einmal nicht mehr „einer von uns“ die katholische Kirche anführt?

Ich war sehr verwundert, wie lange die scheinbar durchgehend positive Haltung vieler deutscher Medien gegenüber dem Heiligen Vater angehalten hat. Aber ich stelle fest, dass sich das nun langsam wandelt: Die Diskussion um den alten Ritus und die für ihn umgeschriebene Karfreitagsfürbitte sind nur zwei Beispiele dafür, dass das Handeln des Papstes auch wieder kritisch kommentiert wird. Es ist immer noch nicht so wie vor April 2005, aber es kann leicht kippen, sobald es einen angeblichen oder wirklichen Skandal gibt oder die Kirche scheinbar „rückschrittliche“ Positionen offensiv in der Öffentlichkeit vertritt.

Sie erleben viele junge Menschen bei den Firmungen, die Sie spenden. Nach Meinung nicht weniger Katecheten und Pfarrer liegt großes Potenzial in der Vorbereitung auf das Sakrament der Firmung. Wie sieht diese vielerorts aus und wie sollte sie gestaltet werden?

Bei den Firmungen erlebe ich die ganze Bandbreite junger Menschen. Was die Vorbereitung angeht, so gibt es wohl so viele Wege wie es Pastoralbereiche gibt. Insgesamt herrscht derzeit die Tendenz vor, die Altersgrenze hochzusetzen. Viele Verantwortliche wählen einen Weg, den ich einmal als „Weg der zwei Geschwindigkeiten“ bezeichnen will. Dieser besteht darin, dass es ein Kernangebot für alle Firmkandidaten gibt, dazu für Interessierte ein Zusatzangebot etwa in Form von Praktika, Meditationseinheiten oder ganzen Wochenenden der Glaubensvertiefung. Die Wirkung solcher Veranstaltungen ist verblüffend. Viele junge Menschen lassen sich darauf ein, manchmal zur Überraschung der eigenen Katecheten. Insgesamt sind unsere jungen Menschen ernsthafter und gläubiger als wir manchmal wohl annehmen. So habe ich angeregt, dass vor allen Firmungen Beichtgespräche stattfinden. Nach anfänglicher Zurückhaltung sind viele Pfarrer und Katecheten mittlerweile beeindruckt von der Tiefe des Glaubens vieler junger Menschen. Ich habe als Pfarrer selbst erlebt, dass Firmvorbereitung Holzhacken gleichen kann. Die Wirklichkeit außerhalb der Kirchenmauern droht vieles zu absorbieren. Das Gegenbeispiel aber belegt die wachsende Anzahl junger Menschen, die wir aus unserem Erzbistum als Missionare auf Zeit in alle Welt schicken.

Was sind Themen, die junge Menschen umtreiben?

Ich glaube, das kann man so generell nicht sagen. Ich staune oft schon darüber, dass junge Menschen in der Atmosphäre heute üblicher Schnelllebigkeit eine halbe Stunde in Ruhe zuhören können. Wenn ich ins Gespräch komme, geht es um das persönliche Glaubensleben, Berufungsfragen oder die Entscheidung für den Glauben insgesamt. Die indirekte Kommunikation etwa via Email gewinnt dabei eine immer größere Bedeutung. Es sind aber vor allem solche Menschen, die ihren Glauben selbstbewusst, menschlich gewinnend und authentisch leben, die Fragen bei jungen Menschen aufwerfen. Solche Christen braucht es. Der Weltjugendtag führt viele solcher jungen Gläubigen zusammen und erfährt daher seine besondere Kraft.