„Sie wurden einfach vergessen“

Warum es höchste Zeit ist, den Christen im Irak bei uns eine Stimme zu geben – Ein Gespräch mit Bruder Andreas Knapp. Von Regina Einig

Bruder Andreas Knapp
Andreas Knapp lebt in der Gemeinschaft der Kleinen Brüder vom Evangelium in Leipzig. Foto: Archiv

Eine Reise zu Christen im Irak lieferte den Stoff für das aktuelle Buch von Bruder Andreas Knapp „Die letzten Christen“ (adeo). Es wurde vom Borromäusverein und dem St. Michaelsbund zum „Religiösen Buch des Monats“ gekürt. Der Autor gehört der Gemeinschaft der Kleinen Brüder vom Evangelium an, die von der Spiritualität des Charles de Foucauld geprägt ist. Regina Einig sprach mit ihm über die Christen im Orient und die Haltung des Westens.

Bruder Andreas, die Geschichte der Christen im Orient war Ihnen lange unbekannt. Wie sind Sie darauf gestoßen?

ich lebe in Leipzig in einem Plattenbauviertel am Stadtrand, und dieses Viertel leidet seit vielen Jahren an Bevölkerungsschwund. In unserem Haus stehen viele Wohnungen leer. Seit etwa zwei Jahren sind Flüchtlinge hier eingezogen, und ich bin auf einige christliche Familien aus dem Irak und aus Syrien gestoßen. Ich habe versucht, sie zu unterstützen bei Behörden oder bei der Suche nach einer Schule für die Kinder. Die Kinder, die ja oft sehr schnell gut Deutsch können, haben als Übersetzer fungiert und mir dann die Geschichte ihrer Familie erzählt. Dann sprachen wir auch über ihre Vorfahren, über die christlichen Kirchen und Gemeinden.

Sie berichten in Ihrem Buch von einem Jungen aus dem Irak, der in einer ostdeutschen Schule von muslimischen Mitschülern gehänselt wird, weil er ein Kreuz an der Halskette trägt. Wie hat die Schule auf Ihre Beschwerde reagiert?

Der Lehrer hat das runtergehängt und gesagt, das sei nicht so dramatisch. Aber es ist überhaupt so, dass Religion hier in Leipzig in den Schulen nicht sehr präsent ist. Es gibt keinen Religionsunterricht, es ist auch kaum jemand getauft, so dass es wenig Verständnis für diese religiösen Fragen gibt. Der Junge hat an eine Schule gewechselt, die auch andere christliche Schüler besuchen. Jetzt geht es gut. Das war wichtig, denn diese Kinder haben ja in ihren Herkunftsländern erlebt, dass sie aufgrund ihres Glaubens diskriminiert wurden. Es ist für sie eine wichtige Erfahrung, dass sie hier erleben dürfen, dass sie als Christen akzeptiert und wertgeschätzt werden.

Wenn christliche Flüchtlinge berichten, dass sie in Deutschland Schikanen von Muslimen ausgesetzt sind, wird das häufig als ein bedauerlicher Einzelfall eingeordnet. Entspricht das der Wahrheit?

Es gibt darüber keine zuverlässigen Statistiken. Ich habe aber an verschiedenen Orten von solchen Erfahrungen gehört – und es ist eben sicher nicht nur ein Einzelfall, sondern es sind doch eine ganze Reihe von Fällen. Das muss nachdenklich machen. Muslime, die hierherkommen, müssen in unserer Gesellschaft Respekt vor Christen oder Nichtgläubigen lernen. Das bringen sie aus ihrer Heimat nicht mit. Und deshalb ist es eine Aufgabe unserer Gesellschaft, sie in dieser Weise jetzt neu einzuführen. Respekt lernt man durch Respekt. Wenn wir den Geflüchteten, welcher Religion sie auch immer angehören, mit Achtung begegnen, so können sie diese Grundhaltung und diese Werte unserer Gesellschaft kennen und schätzen lernen.

Im Irak haben Sie Kinder getroffen, die von Dschihadisten zum Töten erzogen wurden, und Christen, die von muslimischen Nachbarn und Freunden ausgeplündert worden waren. Machen wir uns etwas vor, wenn wir den Islam als „Religion des Friedens“ ansehen?

Der Islam ist eine sehr komplexe Religion. Prinzipiell kann man nicht sagen, dass er eine Religion des Friedens ist, aber es gibt sehr viele Muslime, die sich um den Frieden mühen. Dafür gibt es auch entsprechende Passagen im Koran und in der Tradition des Islam. Aber es gibt eben auch andere Suren, die den Frieden nicht in dieser Weise fördern – und es gibt auch eine Gewaltgeschichte innerhalb des Islam. Deswegen braucht es ein sehr differenziertes Herangehen an diese Frage. Die Behauptung, dass der Islam Frieden bringt, ist zu kurz gegriffen. Und genauso einseitig wäre, wenn man sagt, der Islam ist eine Religion des Kampfes und des Krieges. Beides stimmt in dieser Schwarz-Weiß-Malerei nicht. Deswegen muss man immer fragen: Mit welchen Strömungen hat man es zu tun?

Sie haben einmal geschrieben, dass Sie den Stummen eine Stimme geben wollen. Was steht dem in unserer mediendominierten Welt eigentlich entgegen? Die meisten sind ja fast ununterbrochen online.

Das stimmt, aber gleichzeitig musste ich feststellen, dass zum Beispiel das Schicksal der Christen im Irak in unserer Gesellschaft sehr lange nicht gewürdigt wurde. Sie wurden einfach vergessen – in der Öffentlichkeit und auch von den Medien. Man hat sie nicht ernst genommen. Und ich möchte genau dieser Gruppe eine Stimme geben, weil sie über viele Jahre vernachlässigt worden ist.

Warum weisen Sie in Ihrem Buch auf die „Autorität der Opfer“ hin?

Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch Opfer von Gewalt gibt. Autorität der Opfer heißt: Was sie erlebt haben, darf man nicht unter den politischen Teppich kehren, weil man fürchtet, dass dann vielleicht manche Themen auch mal in die Öffentlichkeit kommen und man eine Debatte damit herausfordern könnte. Ich habe manchmal den Eindruck, dass man Dinge lieber verschweigt um eines faulen Friedens willen. Man muss den Opfern auch gerecht werden, indem man ihre Geschichten hört und ernst nimmt.

Wie können Medien das tun, solange Kirchenvertreter sich zu diesem Thema bedeckt geben und die Probleme scheinbar aussitzen wollen?

Manche Themen können eben auf der hohen politischen Ebene nicht unbedingt offen ausgesprochen werden, weil man auf der einen Seite auch an die Gefährdungen denken muss, die die Christen im Nahen Osten nach wie vor haben. Für politische Proteste bei uns gegen die Diskriminierung von Christen in islamischen Ländern müssen meistens die Christen dort noch büßen. Deswegen gab es da auch immer eine gewisse Zurückhaltung. Als Benedikt XVI. sich einmal zugunsten der verfolgten Kopten in Ägypten eingeschaltet hat, führte das dazu, dass der Dialog zwischen der Al Azar Universität in Kairo und dem Vatikan unterbrochen wurde. Die ägyptische Regierung verwahrte sich gegen Eingriffe in die innenpolitischen Verhältnisse. Die Zurückhaltung der Bischöfe und Politiker bei uns ist gerechtfertigt, um Christen, die ohnehin gefährdet sind, nicht noch mehr in Gefahr zu bringen. Eine andere Sache ist, dass Regime wie Saudi-Arabien nach wie vor durch Rüstungsexporte unterstützt werden. Hier scheint mir die westliche Politik sehr doppelbödig. Denn die Menschenrechte werden wirtschaftlichen Interessen geopfert.

Der Einzelne steht dieser Situation hilflos gegenüber...

Briefaktionen an den König von Saudi-Arabien haben keinen Sinn. Aber wir können den orientalischen Christen hier bei uns eine besondere Aufmerksamkeit entgegenbringen, sie unterstützen und einladen. Wichtig ist, darauf zu achten, ob es den Kindern gut geht und dass sie eine Chance haben, ihren christlichen Glauben hier in einem stark säkularisierten Umfeld weiter zu leben.

Was hat Sie persönlich während Ihrer Irakreise am meisten beschäftigt?

Das Schicksal der Kinder. Ich habe in den Flüchtlingslagern Kinder gesehen, die sich keine Gedanken um die Zukunft machen, mit ganz wenigen Dingen spielen und so gut wie keine Schulbildung bekommen können. Welche Zukunft haben diese Kinder? Wer hilft Ihnen? Die Eltern sind ja ohnmächtig. Sie haben keine Chance, auszureisen und müssen vielleicht noch Jahre im Lager hausen. Das ist eine sehr deprimierende Situation.

Der radikale Islam zwingt anderen ein menschenunwürdiges Dasein auf. Ist es falsche Toleranz, wenn wir den Missionsgedanken gegenüber Muslimen ausklammern? Müssen wir uns nicht auch für ihr Seelenheil interessieren?

Ja, ich frage mich immer: Geben wir den Muslimen hier bei uns eine Chance, uns kennenzulernen? Freikirchen und Sekten wie die Zeugen Jehovas sind sehr stark unterwegs. Man sieht sie überall auch mit arabischen Zeitschriften herumstehen, Propaganda machen, während wir uns da sehr vornehm zurückhalten. Ich glaube zwar nicht, dass wir so eine offensive Weise, wie die Zeugen Jehovas, anstreben sollten, aber doch auch unsere Möglichkeiten nutzen, die Menschen mit dem Christentum vertraut zu machen. Während der Islam wenig Bedenken hat, für den eigenen Glauben auch in der Öffentlichkeit einzustehen, ziehen wir uns immer mehr ins Private zurück. Das halte ich für nicht richtig. Wir dürfen mit einer größeren Selbstverständlichkeit von unserem Glauben erzählen und ihn bezeugen.

Sehen Sie dafür Vorbilder?

Das Zeugnis dieser Christen hat uns viel zu sagen: Jahrhunderte sind sie in einer Gesellschaft, in der sie als Christen nur Bürger zweiter Klasse sein durften, ihrem Glauben treu geblieben. Davon können auch wir uns ein Stück abschneiden, denn das Christentum ist auch in unserer Gesellschaft inzwischen in einer Minderheitensituation. Könnten wir nicht auch wie diese Christen unseren Glauben mit einer Selbstverständlichkeit und Treue leben – ohne aggressiv zu werden oder zu verzagen, sondern mit einem großen Gottvertrauen?