„Sie wollte nie im Vordergrund stehen“

Der Kölner Karmel widmet der heiligen Teresia Benedicta a Cruce eine Ausstellung. Von Matthias Bürgel

Edith Stein bei ihrer Einkleidung im Kölner Karmel. Foto: KNA
Edith Stein bei ihrer Einkleidung im Kölner Karmel. Foto: KNA

Köln (DT) „Wer sich von der Vergangenheit loslöst, kann auch die Gegenwart nicht richtig verstehen.“ Der Kölner Prälat Helmut Moll machte bei der Ausstellungseröffnung „Märtyrer des 20. Jahrhunderts“ im Karmel Maria vom Frieden deutlich, dass der Blick auf das Leben und Leiden der im vergangenen Jahrhundert in der Nachfolge Christi Gestorbenen immer gerade auch auf deren Vorbildfunktion für uns gegenwärtig Lebende hinweist.

Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für das Martyrologium des 20. Jahrhunderts verwies dabei auf die Enzyklika „Spe salvi“ Benedikt XVI. und der in dieser vollzogenen Weiterführung des Gedankenguts Johannes Pauls II.: Als „Gewissheit der wahren großen Hoffnung“ erinnerten uns die Märtyrer auf das Hier und Jetzt bezogen daran, dass die Wahrheit stets der Bequemlichkeit vorzuziehen sei.

Edith Stein gehörte vom 14. Oktober 1933 bis zum 31. Dezember 1938 dem damals noch im Ortsteil Lindenthal ansässigen Kölner Karmel an. Anlässlich ihres 70. Todestages zeigt der Kölner Karmel eine Schau über die Blutzeugen des Erzbistums aus der Zeit des Nationalsozialismus. Prälat Moll ging nach einigen, in der aus 30 Schautafeln bestehenden Ausstellung selbst ebenfalls nachzuvollziehenden, allgemeinen Erwägungen über das Martyrium dann auch insbesondere auf die lokalen Lichtblicke inmitten dieser dunklen historischen Epoche ein. Im Mittelpunkt stand dabei natürlich die Figur der 1998 heiliggesprochenen Schutzpatronin Europas selbst, deren Züge sich inzwischen auch auf dem Turm des historischen Rathauses der Stadt verewigt finden. Als eine Edith Stein in besonderer Weise charakterisierende Aussage wurden die Zuhörer so mit ihrer Antwort auf die Frage nach ihrem Begehr bei ihrem Eintritt in den Karmel konfrontiert: „Ich möchte das Leiden Christi nachempfinden.“

Dem so bereits in klaren Konturen skizzierten Porträt der Heiligen wurde anschließend durch die bewegenden Ausführungen einer Zeitzeugin zu großer Lebendigkeit verholfen: Die im Jahre 1914 geborene Else Krämer, die als Fünfzehnjährige Edith Stein als Deutschlehrerin bei den Dominikanerinnen zur heiligen Magdalena in Speyer erlebte, ließ die Zuhörer an ihren liebevollen Erinnerungen an die gelehrte Ordensfrau teilhaben.

„Wir schätzten sie sehr“, so die aus Ludwigshafen am Rhein stammende 92-Jährige, „ihr Wissen war vornehm und würdevoll, zugleich voller Demut und Bescheidenheit. Sie wollte nie im Vordergrund stehen.“ Insbesondere die Frauenbildung habe ihrer Lehrerin, deren Gelehrsamkeit – „Immer hatte sie ein Buch bei sich und sie übersetzte die Werke Thomas von Aquins!“ – den Seminarschülerinnen großen Respekt eingeflößt habe, sehr am Herzen gelegen. Dabei sei die spätere Theresia Benedicta vom Kreuz stets liebenswürdig geblieben, „eben unser Fräulein Doktor“.

Ebenso habe der anspruchsvolle Unterricht nicht aus bloßer Wissensvermittlung bestanden: „Ihren tiefen Glauben an Christus brachte sie mit in den Schulraum. Sie hatte immer Zeit für ihre Schüler.“ Die Mädchen hätten so etwa von Edith Stein die von der Oberin verweigerte Erlaubnis zu Theater- oder Konzertbesuchen erlangen können: „Brachten wir unsere Wünsche dem Fräulein Doktor vor, setzte sie sich für uns ein. Ihren Wünschen konnten die Schwestern nicht widerstehen.“

Auch an das spirituelle Leben ihrer Lehrerin, in dem die Anbetung einen speziellen Platz eingenommen habe, erinnerte sich Else Krämer: „Sogar nachts hielt sie oft Anbetung vor dem Allerheiligsten.“ Ihre intellektuelle Weitsicht habe sie hingegen bewiesen, als sie die allgemeine Begeisterung über die Entsetzung des Rheinlands von französischen Truppen im Jahre 1930 nicht teilte. „,Jetzt kommt erst die Judenverfolgung und dann die Kirchenverfolgung‘, sagte sie. Wie recht sollte sie damit behalten! Am 27. März 1931 verließ Edith Stein Speyer. Wir sollten sie alle sehr vermissen.“

Prälat Moll griff diese wahrhaft prophetischen Worte der Heiligen im Anschluss an den Vortrag der Zeitzeugin auf und beschrieb kurz deren Aufenthalt im später zerstörten Karmelitinnenkloster an der Dürener Straße. Mit Erich Heck, der als Zwölfjähriger die Einkleidung der Ordensschwester miterlebte, konnte er dabei einen weiteren Zeitzeugen unter den Anwesenden begrüßen, bevor er Edith Steins Aufenthalt im niederländischen Echt und schließlich das in der Gaskammer von Auschwitz erlittene Martyrium schilderte.

Sodann präsentierte Moll einige Kurzporträts weiterer Märtyrer des Erzbistums, über deren Schicksale jeweils auch die Schautafeln der Ausstellung sowie der vom Bildungswerk der Erzdiözese Köln herausgegebene Band „,Wenn wir heute nicht unser Leben einsetzen... Märtyrer des Erzbistums Köln aus der Zeit des Nationalsozialismus“ Auskunft geben. Hierbei wurde offenkundig, dass diese 31 Frauen und Männer unter Katholiken aller Altersgruppen und Schichten zu finden sind.

Priester wie der Kolping-Bezirkspräses von Mettmann, Kaplan Johannes Flintrop, oder der aus dem Kölner Stadtteil Ehrenfeld stammende Rektor Theodor Helten, dem unterstellt wurde, er habe sich an Kindern vergangen – eine übliche Masche der Nazis, um katholische Priester zu diffamieren, so der Prälat –, zählen ebenso zu ihnen wie weitere Ordensleute und vor allen Dingen zahlreiche Laien. Zu Letzteren gehört unter anderem der in Hattingen geborene, 2001 von Johannes Paul II. seliggesprochene Nikolaus Groß, Bergmann und später Hauptschriftleiter der „Westdeutschen Arbeiterzeitung“ beziehungsweise der „Kettelerwacht“.

Als meistverfolgte Gruppen erwiesen sich insgesamt freilich die Priester, von denen deutschlandweit zwei Drittel während der Zeit des Nationalsozialismus mit dem Regime in Konflikt gerieten, und diejenigen, die Juden aktiv halfen und unterstützten. Auch hierfür präsentierte Moll wiederum ein regionales Fallbeispiel, indem er an jenen katholischen Priester erinnerte, der die Thora-Rollen der Synagoge in der Glockengasse, eines der insgesamt sieben vor dem Kriege in Köln existierenden jüdischen Gotteshäuser, unter Einsatz seines Lebens während der Pogrome in der Nacht zum 10. November 1938 aus dem Feuer rettete und diese sodann versteckte, um sie nach Kriegsende wieder an die Synagoge in der Roonstraße zurückzugeben.

Somit rückte ein weiteres Mal die beispielhafte Funktion des Handelns der christlichen Märtyrer in den Mittelpunkt: „Diese großen Vorbilder können uns heute Mut machen zur Erneuerung der Kirche“, schloss Prälat Moll seinen Vortrag, bevor er die Zuhörer noch durch die äußerst ansprechend aufbereitete Ausstellung führte. Die in dieser aufgeworfenen Fragen „Was hätte ich getan?“, „Kann ich der Angst widerstehen?“ und „Welche Opfer bin ich bereit zu bringen?“ verdeutlichten nach dem Gehörten umso stärker die Notwendigkeit von Hoffnung schenkenden Vorbildern für unsere Gegenwart.