„Sie haben Respekt bis zuletzt verdient“

Katholisch-Sein im Heiligen Land: Das Altenheim Notre Dame des Douleurs in Jerusalem hilft seinen Bewohnern, ihre Gebetsberufung zu entdecken. Von Oliver Maksan

Schwester Odile mit einem Bewohner des Altenheims. Foto: Maksan
Schwester Odile mit einem Bewohner des Altenheims. Foto: Maksan

Gewaltig erhebt sich die israelische Trennungsmauer vor dem Altenheim Notre Dame des Douleurs im arabischen Ostjerusalem. Nur eine enge Straße trennt das betongraue Ungetüm vom Haus, das vom gleichnamigen katholischen Schwesternorden geführt wird. Regelmäßig patroulliert hier das Militär. „Wir sind 2004 gerade noch so auf der israelischen Seite gelandet. Damals, während der zweiten Intifada, ging es hier rund. Überall waren Soldaten und Checkpoints. Um in die nahe Altstadt zu kommen, brauchten wir oft zwei Stunden und mehr. Unsere Alten mussten über Stacheldraht und Straßensperren gehievt werden.“

Schwester Marie-Dominique, die hier so lebhaft erzählt, ist die Leiterin des Altenheims. Seit zwölf Jahren lebt die Französin im Heiligen Land. „Das Charisma unseres Ordens ist es, alten Menschen zu helfen. Als unsere Gründerin in den fünfziger Jahren das Heilige Land besuchte, hat sie festgestellt, dass es keine adäquaten Häuser für alte Menschen gibt. Sie lebten traditionell meist in den Familien. Aber aufgrund der Verstädterung funktionierte das oft nicht mehr. Die Not wuchs. So wurde 1957 dann unser Haus gegründet.“

Heute leben 55 alte Menschen hier. Die Mehrzahl sind Christen, Katholiken zumeist. Doch auch Angehörige anderer christlicher Konfessionen werden aufgenommen. Außerdem gehören acht Muslime zur Hausgemeinschaft. „Die meisten unserer Alten hier sind aus Jerusalem. Eine Minderzahl kommt aus den palästinensischen Gebieten, etwa Bethlehem oder Ramallah. Sie sind schon lange hier. Früher, vor dem Bau der Mauer, war das anders. Da waren viele aus den besetzten Gebieten. Mittlerweile ist es aber fast unmöglich, eine Aufenthaltserlaubnis für Israel zu bekommen“, berichtet die Schwester.

Von den Problemen, die die Checkpoints im Alltag machen, weiß auch das Personal des Altenheims zu erzählen. 20 Palästinenser helfen den drei Ordensschwestern bei der Pflege der alten Menschen. Die Hälfte von ihnen muss täglich die Mauer passieren, weil sie auf der palästinensischen Seite leben. Ein Pfleger aus Abu Dis klagt: „Mein Haus liegt einen Steinwurf von hier. Früher habe ich eine Viertel Stunde gebraucht, um zur Arbeit zu kommen. Heute dauert es, wenn es schlecht läuft, zwei Stunden. Aber ich mag meine Arbeit und drüben gibt es keine. Also tue ich mir das jeden Tag an.“ Die Mehrzahl der Pflegekräfte sind Muslime. „Es ist schwierig, christliches Personal zu finden“, bedauert Schwester Marie-Dominique. „Aber es gibt keine Schwierigkeiten mit unseren muslimischen Mitarbeitern. Sie haben sowohl wegen ihrer arabischen Kultur wie wegen ihres islamischen Glaubens Respekt vor dem Alter. Wir teilen diesbezüglich dieselben Werte. Sie wachen auch darüber, dass keine Mahlzeit ohne Kreuzzeichen und Vaterunser beginnt.“

Im Speisesaal herrscht tatsächlich ein vielstimmiges Gemurmel. Die libanesische Schwester Odile, selbst nicht mehr die jüngste, betet auf arabisch vor, die Alten sprechen ihr nach. Viele von ihnen brauchen Hilfe beim Essen. Liebevoll kümmern sich Schwestern und Personal um sie. „Wir wollen, dass unsere Leute bis zum Schluss mit Respekt behandelt werden. Das haben sie verdient“, unterstreicht Schwester Marie-Dominique. Immer wieder melden sich Freiwillige aus Frankreich oder Italien, um dabei zu helfen. Sie bleiben für ein paar Wochen und versuchen, den Alltag der alten Menschen durch Spaziergänge im Garten des Hauses oder Spiele zu verschönern.

„Wir nehmen vor allem ärmere Menschen auf. Die Angehörigen bezahlen einen Beitrag für Kost und Unterkunft. Aber das genügt eigentlich nur dafür, die Gehälter des Personals zu bezahlen. Manche unserer Insassen sind auch völlig mittellos und ohne Angehörige. Für sie kommen wir dann ganz auf. Manchmal brauchen sie Operationen. Auch diese Kosten tragen wir. Aber all das ginge nicht ohne Spenden.“ Dankbar erwähnt Schwester Marie-Dominique die deutschen Grabesritter, die das Altenheim seit Jahren unterstützen. „Ohne die Großzügigkeit der deutschen Ritter könnten wir das Haus auf gar keinen Fall erhalten.“

Immer wieder erhalten die Schwestern von Angehörigen der Heimbewohner oder anderen Wohltätern Naturalspenden. „Anlässlich von Hochzeiten oder Kindstaufen spenden die Menschen ein Schaf oder einen Sack Reis. Das ist hier so üblich. Wir revanchieren uns dann mit unserem Gebet für die Spender“, so Schwester Marie-Dominique. Es ist ihr zentrales Anliegen, den alten Menschen zu helfen, ihre Berufung zum Gebet zu entdecken. Täglich zelebriert ein Priester die Frühmesse. Mehr als die Hälfte der Bewohner nimmt daran in der Regel teil. Der tägliche Rosenkranz ist ebenfalls fester Bestandteil des Tagesablaufs. „Als der Heilige Vater Anfang September zum Gebets- und Fasttag für den Frieden in Syrien aufgerufen hat, haben wir uns natürlich auch beteiligt und eine eucharistische Anbetung gehalten“, so Schwester Marie-Dominique. „Sicher, nicht wenige unserer Alten sind teilweise körperlich und mental schwer behindert. Aber viele von ihnen finden Trost darin, im Gebet für andere einstehen zu können. Sie sollen erkennen, dass sie trotz oder gerade wegen ihrer Gebrechen geistlich fruchtbar am Leben der Kirche teilnehmen können.“